Vom Kapital zur Innovationskraft

Die NZZ hat einen Text von Klaus Schwab, dem Gründer und Leiter des WEF, publiziert, in dem er u.a. ausführt, dass die Bedeutung des Kapitals als wichtigster Produktionsfaktor durch Kreativität und Innovationskraft – also durch menschliche Talente – abgelöst werde. Damit sie – und damit auch die Wirtschaft – sich entfalten können, brauche es bessere Regelungs- und Sicherungssysteme, vor allem für die Kapitalmärkte. Die skandinavischen Länder hätten gezeigt, dass dann „flexible Arbeits- und Kapitalmärkte mit sozialer Verantwortung durchaus vereinbar“ seien.

Diese Überlegungen veranlassen mich zu einigen verwegenen Gedanken.

Durch die Senkung der Zinssätze und die Aufblähung der Geldmenge ist heute Kapital fast gratis und in beliebiger Menge erhältlich, sofern das Verlustrisiko klein ist. (Dieses wird allerdings immer wieder falsch eingeschätzt, was zu kurzfristigen Blasen führt.) Wenn aber die Verfügbarkeit von Kapital nicht mehr der begrenzende Faktor ist, wo liegt er dann? Nach Schwab bei dem Vorhandensein von Kreativität und Innovationskraft. In Tat und Wahrheit sind aber je nach Land bis 50% aller jungen Arbeitskräfte ohne Anstellung, in zunehmendem Masse auch Personen mit guter Ausbildung. Dies scheint mir ein Widerspruch zu sein, vielleicht erklärbar durch folgende Ansätze:
(1) Sehr viele junge Arbeitskräfte verfügen über zuwenig Kreativität und Innovationskraft, trotz ausgedehntem Schulbesuch. Dies kann Folge des Versagens des Bildungswesens sein: Bildung vermittelt Wissen (was dank ICT heute ebenfalls fast unbegrenzt zur Verfügung steht) und nicht Krativität und Innovationskraft um das Wissen einzusetzen. (Peter F. Drucker hat deshalb mehr „Knowledge“ statt Wissen verlangt.)
(2) Es fehlt an Organisationsformen, um die vorhandenen und ungenutzten Talente einzusetzen.

Zur ersten These nur soviel: Die Verbindung von Theorie und Praxis, vermittelt durch Lernen in Schule und Betrieb, dürfte eine alte und in vielen Fällen nach wie vor sehr effiziente Form der Vermittlung von „Knowledge“ sein, wenn man im Sinne von Peter F. Drucker darunter die Kombination von Wissen und der Fähigkeit versteht, dieses aktiv einzusetzen. Dafür spricht die hohe Innovationskraft der Schweiz.

Indiz für das Zutreffen der zweiten These ist die Tatsache, dass die Unternehmen, die in den letzten Jahren am schnellsten gewachsen sind (Microsoft, Google, Apple etc.) aus kleinsten Teams hervorgegangen sind, die es schafften mit einer zündenden Idee viel Kreativität und Innovation auszulösen. Dabei ist hoher Verdienst oft nur ein (angenehmer) Nebezweck – wichtig ist vielen Menschen das Produkt, sei es ein Computerprogramm, sei es Einträge in Wikipedia oder Open Source-Landkarten, seien es Bilder auf Flicker etc.

Vielleicht sind die Jahre nach Beginn der Finanzkrise als den Übergang von einer Kapital gesteuerten Wirtschaft hin zu einer Knowledge-gesteuerten zu beschreiben durch die Entwicklung neuer Strukturen zur Organisation von Talenten. Der Übergang von handwerklicher zu industrieller Fertigung im 19. Jh. wurde möglich durch die Entwicklung von Strukturen zur Abwicklung von Kapitelströmen, genannt „Banken“.