Akademisierungsfalle – Stimme aus Deutschland

In Deutschland hat Julian Nida-Rümelin, „einer der renommiertesten Philosophen“ sich zum „Akademisierungswahn“ geäussert. Einem Vortrag (hier als PDF, hier als mp3) entnehme ich, folgende Informationen:

Fast 50% eines Jahrgangs haben heute eine „Hochschulzugangsberechtigung“. 20% von ihnennehme kein Studium auf. In Frankreich erreichen heute 75% ein Baccalaureat. Es ist aber zu beachten, dass Frankreich „ein ganz anders geartetes Hochschulsystem“ hat als Deutschland und „ein Bachelor-Studium in den USA hat mit einem wissenschaftlichen Studium in Europa nichts zu tun. Das ist eine Art gymnasiale Oberstufe mit Wahl- und gegen Ende gewissen Spezialisierungsmöglichkeiten. Sie ist eingerichtet worden, um ein wissenschaftliches Studium zu ermöglichen, auf ein wissenschaftliches Studium hinzuführen.“

„Das Bundesinstitut für Berufliche Bildung ist in einer Abschätzung der Bedarfe zwischen 2010 und 2030 (…) zu dem Schluss gekommen, dass wir im Bereich der Facharbeiterschaft, also der Bereiche, die eine berufliche Ausbildung, aber kein Studium erfordern, einen Fehlbedarf haben, der über all diese Jahre nicht gedeckt sein wird, von deutlich über 4 Millionen Menschen [und] (…) dass es im Bereich der akademischen Berufe keinen Mangel geben wird, ja sogar einen Überhang von mehr als 1 Million.“ Im MINT Bereich sei ein riesiger Deckungsbedarf zu erwarten, aber nicht bei den akademischen, sondern bei den nicht-akademischen MINT-Berufen.

Immerhin: „Für Menschen, die ein Studium abgeschlossen haben, wird es auch in Zukunft wahrscheinlich nur selten ein Problem geben, Arbeit zu finden, aber eben nicht in den Berufen, die ihrer Ausbildung angemessen sind. (…) Es gibt Untersuchungen, dass ein Gutteil der Absolventen akademischer Studiengänge weniger als den [in Zukunft gesetzlich vorgeschriebenen] Mindestlohn erhalten.“ Unter anderem als Lehrbeauftragte.

Zum Lebenseinkommen: „Es ist eine Lüge zu behaupten, dass ein Studium ein höheres Einkommen mit sich bringt. Es hängt davon ab, was man studiert hat. Tatsächlich verdienen z. B. Absolventen geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlicher Fächer im Durchschnitt weniger als Fachkräfte aus nichtakademischen Berufen – Bankfachleute, Maschinenbautechniker, Industriemeister, Elektrotechniker, Bautechniker usw. „

Bologna, der „historische Sieg des angloamerikanischen Studienmodells über das europäische“

Prof. Antonio Loprieno, Ägyptologe und Präsident der Schweizer Rektorenkonferenz: „Es gibt nichts, worin Bologna an sich besser ist. Aber Gesellschaften entwickeln sich, und das Bologna-Modell ist das Resultat einer solchen Entwicklung, nämlich des historischen Sieges des angloamerikanischen Studienmodells über das europäische.“ Quelle: Inverterview von ZEIT-ONLINE, Dezember 2012

Spannend dazu auch die von ZEIT-ONLINE publizierte Zusammenfassung der Dissertation von Barbara Müller: Die Anfänge der Bologna-Reform in der Schweiz. Rekonstruktion, Kontextualisierung und Rezeption des hochschulpolitischen Prozesses aus akteurtheoretischer Perspektive. HEP Verlag, Bern 2012

Wird unser System der Sek II mit den beiden Zügen Berufsbildung und Mittelschulen wohl überleben? Oder wird auch in diesem Bereich das amerikanische Modell (High Schools) „siegen“?

Wechsel von Fachhochschule zu Universität möglich aber selten

2008 sind 179 Personen mit einem FH-Bachelor in ein Masterstudium an einer Universität eingetreten. Bei rund 7000 Abschlüssen an Fachhochschulen (2008) ist dies eine kleine Minderheit.
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