Berufsbildung für Erwachsene: Auswertung der Statistiken 2013 und 2014

Die Zahl der Abschlüsse der beruflichen Grundbildung (EFZ, EBA und HMS-Diplome) ist von 2013 auf 2014 um 832 Abschlüsse gesunken. Vordergründig kann dies der Ablösung der HMS-Diplome zugeschrieben werden, die um über 1000 Einheiten gesunken sind. Allerdings ist die Zahl der Abschlüsse bei Personen ab 25 Jahren sogar um rund 1150 Einheiten gesunken, in einem Bereich in dem HMS kaum tätig sind. Offenbar sind in den letzten Jahren wesentlich weniger Erwachsene in Berufslehren aufgenommen worden, denn die Zahl der Abschlüsse nach direktem Zugang zu den QV ist etwas, die Zahl der Abschlüsse nach Validierungsverfahren sogar deutlich gestiegen. Bei letzteren hat sich die Konzentration auf die Kantone Genf und Zürich fortgesetzt.
Dies sind einige Resultate der Auswertung der Statistik „Sekundarstufe II, Berufliche Grundbildung: Bildungsabschlüsse. 2014“ des Bundesamtes für Statistik. Einer Auswertung, die sich vor allem mit den Abschlüssen von Personen ab 25 Jahren, also mit der Berufsbildung für Erwachsene befasst.

Forschung: Auswirkungen der Fragestellung auf die Ergebnisse

Ich stosse immer wieder auf Texte, die meine Skepsis bezüglich quantitativen Untersuchungen in den Bildungs-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften stützen.

Zum Beispiel der Text von Christian Fichter und Felix Schläpfer (KOF, ETH) zur Bedeutung der Formulierung von Fragen.

Einleitend zitieren die Autoren eine Untersuchung von Tversky und Kahneman zu Unterschieden, ob „inhaltlich gleichwertige Konsequenzen positiv oder negativ formuliert werden – z. B. als «Anteil der Leute, die sterben» oder als «Anteil der Leute, die gerettet werden», in der „dramatische Unterschiede in der Bewertung von Risiken“ festgestellt wurden. Im Zentrum des Aufsatzes steht die Erfassung der Zahlungsbereitschaft, z.B. der Frage, wie viel jemand bereit wäre, an den Schutz von Wildnisgebieten zu zahlen. Sie kommen zum Schluss: „Die angewandte ökonomische Befragungsforschung hat sich noch kaum mit den Abweichungen des menschlichen Verhaltens vom Homo oeconomicus befasst. Die Situation ist paradox: Einerseits werden bestimmte Arten von Verzerrungen der Resultate, etwa durch ungenügend grosse oder nicht repräsentative Stichproben, sehr ernst genommen. Eine Studie, die solchen Verzerrungen nicht durch aufwändige, kostspielige Stichproben und durch die Schätzung von Vertrauensintervallen Rechnung trägt, würde heute kaum noch finanziert. Ganz anders sieht der Umgang mit problematischen Antwortheuristiken aus. Diese mindestens so wichtige Quelle von Verzerrungen, die in der traditionellen Ökonomie aber nicht existiert, wird kaum je beachtet, selbst in angesehensten Studien“, z.B. derjenigen von Carson et al.

Persönlich habe ich dies vor allem bei der Erfassung der notwendigen Vorbildung für einen erfolgreichen Lehrbesuch (Kompetenzprofile des KGV Zürich) festgestellt. Ich frage mich wie weit beispielsweise die in den PISA-Untersuchungen verwendeten Forumulierungen diesbezüglich untersucht worden sind.

In einemaandern Text frägt übrigens einer der Autoren, Felix Schläpfer „Was ist unwissenschaftlich an der modernen Wirtschaftswissenschaft?“ und kommt zum Schluss: „Ein einzelner Forschender oder Dozent kann kaum aus den disziplinären Traditionen ausbrechen, ohne seine wirtschaftliche Existenz zu gefährden.“

Angaben zu den oben erwähnten Untersuchungen:
Tversky, A., Kahneman, D., 1981. The framing of decisions and the psychology of choice. Science 211, 453-458.
Carson, R. T., Mitchell, R. C., Hanemann, M., Kopp, R. J., Presser, S. et al., 2003. Contingent valuation and lost passive use: Damages from the Exxon Valdez oil spill. Environmental & Resource Economics 25, 257-286.

Jugendarbeitslosigkeit: Effekt von Systemunterschieden wird überschätzt.

Länder mit einem ‚dualen‘ Berufsbildungssystem weisen bekanntlich eine geringere Jugendarbeitslosigkeit auf als solche mit einem schulischen System. Das stimmt mit Sicherheit, den Effekt habe ich aber bisher überschätzt, weil ich die Statistiken nicht genau las:

Eigentlich ist es nicht zu überehen: In den einschlägigen Statisitken wird jeweils der „Anteil der 15 bis 24-jährigen Arbeitslosen an allen 15 bis 24-jährigen Erwerbspersonen“ aufgeführt und nicht – wie ich fälschlicherweise immer meinte – der Anteil der Arbeitslosen an der ganzen Wohnbevölkerung. Personen, die eine Schule besuchen, werden also nicht mitgezählt. Unterscheidet sich nun der Anteil der Schüler/innen von einer Region zur andern, unterscheidet sich auch die Arbeitslosenquote und zwar bei einem gleichen Anteil an Arbeitslosen zur gleichaltrigen Wohnbevölkerung:

Angeleitet von Bernhard Weber, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim seco, habe ich zwei fiktive Beispiele durchgerechnet:

In der Region A besuchen von 100 Jugendlichen
– 20 eine duale Berufslehre (Betriebslehre); sie werden in den Statistiken zu den Erwerbspersonen gezählt
– 20 eine schulisch organisierte Berufsbildung (HMS, Lehrwerkstätte, Ecole des métiers)
– 50 eine Mittelschule, ein Brückenjahr oder eine andere Schule
– 7 sind erwerbstätig
– 3 sind arbeitslos
Zu den Erwerbspersonen werden 20 + 7 + 3 = 30 gezählt. Die Quote beträgt somit 3/30 bzw. 10%

In der Region B besuchen von 100 Jugendlichen
– 70 eine Betriebslehre
– 00 eine schulisch organisierte Berufsbildung
– 20 eine Mittelschule
– 7 sind erwerbstätig
– 3 sind arbeitslos.
Zu den Erwerbspersonen werden 70 + 7 + 3 = 80 gezählt. Die Quote beträgt somit 3/80 bzw. 3,75%

Bei 3 Arbeitslosen unter 100 Jugendlichen wird somit für die Region A eine Arbeitslosenqoute von 10%, für die Region B eine solche von knapp 4% ausgewiesen!

Die obigen Beispiele sind fiktiv, sie entsprechen aber bezüglich der Grössenordnung den Verhältnissen in den Kantonen Genf (rund 20% Lernende in Betriebslehren) bzw. Uri (über 70% in Betriebslehren).

Fazit: Die Quote der Jugendarbeitslosigkeit wird in Regionen und Altersgruppen mit vielen Schüler/innen überschätzt, wenn man nicht berücksichtigt, dass sie sich nicht auf die Gesamtheit der Wohnbevölkerung, sondern nur auf die „Erwerbspersonen“ bezieht.

Hoffentlich bin ich der einzige, der den Kopf der Tabellen nicht genau liest …

UPDATE:

Nein, ich bin nicht der einzige, vgl. den Blog batz.ch, in dem Prof. Monika Bütler über die Tücken der Berechnung der Jugendarbeitslosigkeit schreibt. Sie zeigt auf, dass der gleiche Interpretationsfehler dazu führt, dass der Anteil der erwerbslosen Jugendlichen in Südeuropa massiv überschätzt wird.

Jugendarbeitslosigkeit in Europa: Grafik

Ich habe eben einen neuen Dienst von Google entdeckt: Google public data explorer. Basierend auf Daten von Eurostat, OECD Factbook, Worldbank usw werden einige interessante Zeitreihen visualisiert.

Beispiel: Jugendarbeitslosigkeit:

Wermutstropfen: „Jugendarbeitslosigkeit in Europa: Grafik“ weiterlesen

Die Vorbildung der Jugendlichen genügt nicht mehr!

„Die Erfahrungen in der Berufsschule und bei der Lehrabschlussprüfung deuten darauf hin, dass in unserer Schulbildung etwa nicht mehr ganz in Ordnung ist. Der Unterrichtsstoff ist gegenüber früher zu einem Vielerlei geworden auf Kosten der grundlegenden Ausbildung im Lesen, Schreiben, Rechnen.“
Tönt modern, nicht wahr? … und stammt aus dem Jahr 1934. Autor ist Jeangros, der damalige Leiter des Berner Berufsbildungsamtes.

Quelle: Jeangros Erwin: Unsere berufliche Jugend, Bern 1934, S.44
„Die Vorbildung der Jugendlichen genügt nicht mehr!“ weiterlesen

Deutschland führt eine neue Berufsklassifikation ein

Die „Klassifikation der Berufe 2010“ (KldB 2010) löst zwei bisherige Klassifikationen ab und weist eine hohe Kompatibilität zur internationalen Berufsklassifikation ISCO-08 auf.
Es handelt sich um eine hierarchische Klassifikation mit fünf Ebenen. Die strukturgebende Dimension ist die „Berufsfachlichkeit“, worunter die Ähnlichkeiten der Berufe bezüglich Tätigkeiten, Kenntnisse und Fertigkeiten verstanden wird. Auf der untersten Ebene erfolgt eine Untergliederung anhand der zweiten Dimension, dem „Anforderungsniveau“, das sich auf die Komplexitaet der auszuuebenden Tätigkeit bezieht und vier Komplexitaetsgrade kennt, von „Helfer- und Anlerntaetigkeiten“ bis „hoch komplexe Tätigkeiten“.
„Deutschland führt eine neue Berufsklassifikation ein“ weiterlesen

COMPASS, Zugang zu den Daten des Bundesamtes für Statistik

Ungefragt bekomme ich einen neuen Newsletter und erfahre:

„Via COMPASS können Sie von nun an Mikrodaten bestellen oder sich über
vierzehn grosse Umfragen des Bundesamtes für Statistik (BFS) informieren.

COMPASS verfügt über eine dynamische Webseite, die es Ihnen erlaubt die
Umfragen des BFS zu erkunden und zu vergleichen. Zudem stellt die Webseite
eine umfangreiche Dokumentation bereit.

Das Team von COMPASS antwortet gerne auf Ihre Fragen und ist Ihnen beim
Erhalten der Daten behilflich. Mehr Informationen über die Leistungen von
COMPASS finden Sie unter folgendem Link:

http://compass.unil.ch/FORS_COMPASS/?lang=de “

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Ich habe es versucht und bin gescheitert: Schöner Katalog, Vorstellung der Mitarbeitenden … aber den Zugang zu „Mikrodaten“ (was ist das wohl?) und Umfragen habe ich nicht gefunden. Aber vielleicht kommt’s noch …

OECD: In der Schweiz erreichen fast 50% einen Abschluss auf der Tertiärstufe

Gemäss „Bildung auf einen Blickk“ der OECD erreichten 2007 18,3% eines Altersjahrgangs einen Abschluss in der höheren Berufsbildung (Tertiär B) und 31.4% einen Hochschulabschluss (Tertiär A). Der Durchschnitt über alle Länder der OECD beträgt 9.4 und 38.7%, derjenige über die EU-Länder (EU19) 7.7 und 36.7%.
Medienmitteilung|http://www.edudoc.ch/record/34839
Tabellen|http://www.edudoc.ch/record/34840