Entwicklung der Berufsbildung, kurz zusammengefasst

Die Entwicklung der Berufsbildung in der Schweiz verläuft ja seit 1884 erstaunlich kontinuierlich. Im Zusammenhang mit einer Publikation habe ich den Versuch unternommen, die wichtigsten Linien herauszuarbeiten, deren Kenntnis für das Verständnis der heutigen Situation erforderlich sind, vgl. hier. Ältere Versuche zur Geschichte der Berufsbildung sind unter anderem die „Meilensteine“ und die Schrift „Entwicklung der Berufsbildung“ aus dem Jahr 1978.

Aus den Anfängen der beruflichen Weiterbildung

Ein Vortrag aus dem Jahr 1946, gehalten von Arnold Schwander, seit 1931 in der Sektion für berufliche Ausbildung tätig und seit 1942 deren Chef, gibt einen Einblick in die Anfänge der beruflichen Weiterbildung: Nach dem er aus den Bemühungen in der Zwischenkriegszeit berichtete fährt er weiter: „Nachdem der Unterricht auf der Lehrlingsstufe durchorganisiert und ausgebaut ist, muss nun in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg die planmässige Weiterbildung einsetzen. Es herrsche seitens der „Lehrentlassenen“ ein grosses Interesse, wie sich zum Beispiel am Interesse für die Aufnahme ins Techniker Winterthur zeige.
Schwander weist darauf hin, dass bereits verschiedene Fachschulen bestehen würden wie die Schreinerfachschule in Bern, die Bauschule in Aarau, die Gartenbauschule Oeschberg, Hotelfachschulen in Lausanne und Luzern usw. Weiter weist er auf Tagesunterricht für verschiedene Berufe an Gewerbeschulen hin. Er erinnert auch an Vorbereitungen auf eine der 62 Meisterprüfungen, die aber jeweils nur 40 Lektionen umfassen würden und so eher als Orientierung denn als Weiterbildung zu bezeichnen seien.

Sein Anliegen ist der Aufbau von Weiterbildungskursen, die neben einer Berufstätigkeit besucht werden könnten, „wöchentlich während eine Tages, eines Halbtages oder in den Abtendstunden“, zum Beispiel für Zeichnen, Skizzieren, Werkstattrechnen, Buchführung, Korrespondenz und Rechtskunde. Es seien zudem „berufskundliche“ Weiterbildungen zu schaffen, was aber in erster Linie Aufgabe der Berufsverbände sei, nicht der Gewerbeschulen.

Quelle: Schwander A. (1946). Die Vorbereitungskurse auf die Meisterprüfungen. In: Blätter 1946, S. 117f

Der Aufsatz enthält auch eine Liste der bestehenden Fachschulen.

Paul Sommerhalder ist gestorben

Am 13. November 2013 ist Paul Sommerhalder gestorben, 93-jährig.

Initiant der Berufsmittelschule

Präsident des Schweizerischen Verbandes für beruflichen Unterricht in entscheidender Zeit

Für mich: Vorbild, Freund und Förderer.

Emil Wettstein

Hier ein kurzer Text von ihm, den ich auf meiner Harddisk fand …

Alternative zur gymnasialen Bildung
Die Berufsmittelschulen (BMS) haben in der Schweiz eine ganz erfreuliche Entwicklung gemacht, die wir uns 67/68 nicht hätten träumen lassen. Wir waren ein Berufsschullehrerquartett an der Gewerbeschule Aarau. Uns ging es damals darum, das Mauerblümchen Berufsschule aufzuwerten. In jenen Jahren bedeutete Begabtenförderung vor allem Förderung der Mittel- und Hochschulen. Die Lehrer und Eltern hatten den Ehrgeiz, möglichst viele Schüler ins Gymnasium oder in ein Lehrerseminar zu bringen. Daher blieben für die Berufsbildung immer weniger leistungsfähige Schüler. Unsere Klassen wurden heterogener und durch mehr schwächere Lehrlinge belastet; dies erschwerte den Unterricht.
Endgültig aus dem Busch geklopft hat uns dann die Idee der Gymnasiallehrer, eine „Schule für mittlere Kader“ zu gründen. Darauf haben wir mit viel Idealismus und Einsatz das „Aarauer Modell “ entwickelt. Dabei stiessen wir bei einigen Kollegen auf Widerstand. Diese hatten für mehr Allgemeinbildung kaum Verständnis. Im Nachhinein hat sich unser Konzept jedoch als richtig erwiesen. Allgemeinbildung ist für die Mobilität der Berufsleute wichtig, und zwar aus beruflichen wie auch aus gesellschaftspolitischen Überlegungen.
Wir wollten nicht nur Lehrlinge ansprechen, die nachher eine Hochschulkarriere machen würden. Es sollten auch künftige Kaderleute in Industrie, Gewerbe und anderen Wirtschaftszweigen von einer besseren theoretischen Ausbildung profitieren. Trotzdem war die Durchlässigkeit für uns ein wichtiges Thema. Mit der HTL Windisch fanden wir eine Regelung für den prüfungsfreien Übertritt von BMS-Absolventen. Damit wurde die BMS zur Alternative zur gymnasialen Bildung und das Ziel „Aufwertung Berufslehre“ erreicht.

… und einige Publikationen von ihm, fast alle via Web oder in der Bibliothek der PH Zürich erhältlich:

Der Gewerbeschüler. [Jg.] 36, [1957/58]. Beil. 2. Geschäftskundliches Rechnen für das Baugewerbe von Paul Sommerhalder Sauerländer (1962)

Berufsbildung im Umbruch. l. Aktuelle Tendenzen, 2. Berufsmittelschule. Zürich : Institut f. Bildungsforschung u. Berufspädagogik d. Kantons Zürich 1970

Gewerbeschüler. [Jg.] 49. [1970/1971]. Leseh. 3/4. Unsere Armee. Verl. Gewerbeschüler, Sauerländer (1970) (zusammen mit Max Mathys)

Rechnen für Coiffeusen und Coiffeure des Damen- und Herrenfachs. Schülerausgabe von Karl Hauser, Alfred Rutz und Sommerhalder Paul (1980)
Allgemeines Rechnen für verschiedene Berufe von Paul Sommerhalder und Markus Hösli (1982)

Ausbildung und Anforderungen, insbesondere im Bereich Informatik, mit Rückschlüssen auf den beruflichen Unterricht, aus der Sicht ausgewählter Lehr- betriebe, Zürich (Amt für Berufsbildung) 1986.

Lehrlingsausbildung in Betrieben mit Spitzentechnologien, Zürich (Amt für Berufsbildung) 1987.

So entstand die Berufsmittelschule (BMS) : die Einführung einer Neuerung in der schweizerischen Berufsbildung 1968 : aus der Sicht der Initianten und mit persönlichem Kommentar des Verfassers dargestellt – Zürich : [s.n.], 1989.

Pioniere der Berufsbildung: Erwin A. Jeangros. http://www.panorama.ch/pdf/1993/Heft_4_1993/pan93435.pdf

Ausbildung in allgemeiner Krankenpflege – ein Erfahrungsbericht. http://www.panorama.ch/pdf/1991/Heft_3_1991/pan91325.pdf

Projektunterricht an der Gewerblich-Industriellen Berufsschule des Kantons Zug. http://www.panorama.ch/pdf/1990/Heft_3_1990/pan90333.pdf

Lehrlingsausbildung und Spitzentechnologien. http://www.panorama.ch/pdf/1987/Heft_1_1987/pan87107.pdf

In dem „Blättern für den Berufsschulunterricht“ (heute: Folio) dürften vor und nach 1970 mehrere Aufsätze von Paul Sommerhalder zu finden sein – er war damals (sehr aktiver) Leiter des Schweiz. Verbandes für beruflichen Unterricht (SVBU, heute B-CH). 1970 tritt der SVGU unter seiner Leitung mit einer grossen Tagung unter dem Titel „Berufsbildung im Umbruch“ an die Öffentlichkeit. Es sei „zu lange für zu viele zu wenig getan“ worden, deshalb sei nun die Berufsbildung „durch Sofortmassnahmen zu verbessern sowie durch mittelfristige und langfristige Pläne auf die Erfordernisse der Zukunft auszurichten“ (Blätter 1970, 8/9). Der Liestaler „Paukenschlag“, wie die Tagung der Berufsschulverbände bezeichnet wurde, fand in der Tages- und Fachpresse ein nachhaltiges Echo.

83 Schüler/innen in einer Klasse

Irma Dütsch, höchst dotierte Köchin der Schweiz, berichtet über ihre Schulzeit:
„Die Schule war streng, wir waren 83 Schülerinnen und Schüler vom 1. bis zum 6. Schuljahr in einer Klasse. … Der Lehrer war eine Respektperson, aber wir hatten ihn gern, und er hat uns alles beigebracht, vom Singen über Rechnen bis zum Sport.“

Dies scheint in Gruyere gewesen zu sein, in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts: Irma Dütsch wurde 1944 in Gruyere geboren.

Quelle: Schulblatt des Kantons Zürich, 4/2012, Seite 5.

Gute alte Zeit?
Starke Kinder haben profitiert. Schwache und scheue dürften aber gelitten haben. Wir wissen es nicht.

Eindrücklich: wie schnell sich auch in der Schweiz die Verhältnisse geändert haben. Von meinen damaligen Mitschülern im Lehrerseminar habe ich gehört, dass auch in den 60er Jahren noch Klassen mit 60 Schüler/innen existiert haben sollen, u.a. im Thurgau.

Interessant übrigens auch ihre Aussagen zu den Fragen „Inwiefern hat die Schule Ihnen geholfen, zur international anerkannten Starköchin zu werden?“ und zu ihren Vorstellungen über die Ziele der Schule.

Kinderarbeit in der Schweiz

Dieser Tage wurde es mir wieder bewusst: es ist noch keine 50 Jahre her, seit in der Schweiz alle Kinder das Recht haben, ganzjährig zur Schule zu gehen.

In den 60er Jahren des 20. Jh. dauerte das Schuljahr in den Bündner Bergen 28 Wochen. Von April bis anfangs Oktober war schulfrei, damit die Kinder auf den Höfen ihrer Eltern mitarbeiten konnten. Man sprach denn auch von Winterschule im Gegensatz zur Ganzjahresschule in den Städten.

Wir Lehrer waren übrigens damals während 30 Wochen angestellt; es wurden uns 2 Wochen bezahlte Ferien gewährt. Im Sommer arbeiteten viele von uns in der Saison-Hotelerie, andere bei Bergbahnen oder – wie ihre Schüler/innen – auf den eigenen Höfen.

Der Religionsunterricht dauerte übrigens am Heinzenberg noch einige Wochen kürzer, denn der Pfarrer dieser Region war leidenschaftlicher Jäger und liess sich während der Hochjagd von seinen Verpflichtungen freistellen …

Praktischer Unterricht als zentraler Inhalt städtischer Berufsschulen im ersten Drittel des 20. Jh.

Nachdem 1884 der Bund die Subventionierung von „gewerblichen Fortbildungsschulen“ beschlossen hatte, entstanden vielerorts neue Berufsschulen, wobei sich zwei unterschiedliche Typen abzeichneten:
• In ländlichen Regionen waren es kleine Schulen, die oft in Schulhäusern der Volksschule untergebracht waren, und in denen fast ausschliesslich nebenamtlich tätige Lehrer unterrichteten. Der Unterricht umfasste ein stark am Fachzeichnen orientierte Berufskunde und dem üblichen Programm der allgemeinen Fortbildungsschule: Deutsch, Rechnen und Staatskunde.
• In einigen grösseren Städten entwickelten sich hingegen eigenständige Schulen mit eigenem Lehrkörper und einem umfangreichen Unterrichtsprogramm, das neben theoretischen Fächern auch praktischen Unterricht umfasste, vergleichbar mit dem Inhalt der heutigen „überbetrieblichen Kurse“.
Als 1933 das erste Berufsbildungsgesetz in Kraft trat, entschied der Bund, der praktische Unterricht gehöre nicht an die Berufsschulen, statt dessen sei der „geschäftskundliche Unterricht“ zu pflegen. Dies führte zu grundlegenden Veränderungen bei den städtischen Schulen.
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Die Zeiten ändern sich – nicht

„Von jedermann wird in der modernen Zeit höchste Arbeitsleistung abverlangt, so dass sich nach dem Verlassen der Fabrik oder des Büros vielfach ein Bedürnfnis nach müheloser Abwechslung zeigt.“
klagt die Juristin Emma Henggeler-Mölich 1916.

Kommt mir bekannt vor.

Quelle: „Kinematopgraph und Gewerbefreiheit, Zeitschrift für Schweizerisches Recht, Neue Folge Bd. 35 (1916), S. 531

Höhere Fachprüfungen seit 1934

Bereits das erste Bundesgesetz, in Kraft ab 1.1.1933, enthält einen Abschnitt über „Höhere Fachprüfungen“. Als erstes reichte noch im gleichen Jahr das Maler-, Lackierer- und Gipsergewerbe ein entsprechendes Reglement ein. (Bbl 85 (1933) I 874, Genehmigung Band II, 110). 1934 folgten bereits zwölf weitere Reglemente für Meisterprüfungen.
Was mich überraschte: Bereits von Anfang an war es möglich, neben den Führungskräften für das Gewerbe (Meister) auch hochqualifizierten Fachleuten ein eidg. Diplom auszustellen:
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