Deutschland: Studienabbrecher als Lehrstellenbewerber willkommen

Die Furcht vor der Facharbeiterverknappung bringt in Deutschland viele Betriebe dazu, sich bei der Suche nach Nachwuchs neu zu orientieren: Personen, die ihr Studium abbrechen, werden gerne als Berufslernende aufgenommen: Jeder dritte Ausbildungsbetrieb hat bereits Studienabbrecher/innen als Lehrling eingestellt, vgl. Bericht. Dies liegt Deutschen Betrieben näher als Schweizer Betrieben, denn Besetzung von Lehrstellen mit Abiturienten ist in den letzten Jahren zum Normalfall geworden, auch im Handwerk.
Im Raume Stuttgart interessierten sich dieses Jahr 40% der Betriebe für Studienabbrecher, 2013 waren es erst 13%. Mit dem Angebot, die Ausbildung zu verkürzen und/oder Zusatzqualifikationen zu erwerben wird deren Interesse für eine solche Ausbildung gefördert, vgl. diesbezügliche Studie.
Diese Anstrengungen sind erfolgreich: Mehr als vier von zehn Abbrechern hatten 2014 ein halbes Jahr nach Verlassen der Hochschule eine Berufsausbildung aufgenommen. Im Jahr 2008 waren es nur zwei von zehn, vgl. Bericht.

Überblick über die Ausbildungsberufe Deutschlands? Ein Lexikon mit 553 Seiten gibt Auskunft.

Interessieren Sie die beruflichen Grundbildungen (Ausbildungsmöglichkeiten) in Deutschland?

BERUF AKTUELL, ein Lexikon erklärt zuerst die Unterschiede zwischen Ausbildungsberuf (mit und ohne Fachrichtungen oder Schwerpunkten), Berufsfachschulberuf und Beamtenausbildung. Dann werden u.a. Fortsetzungsmöglichkeiten und Anrechnungsmöglichkeiten erklärt. Nach Angaben über Dauer, Ausbildungsvergütungen und anderes mehr folgt eine Berufsübersicht, eingeteilt nach Berufsfeldern, und im Hauptteil eine Beschreibung all dieser Ausbildungsmöglichkeiten.

Wem das noch nicht genügt: www.arbeitsagentur.de > BERUFSNET gibt über weitere Details Auskunft.

Die Zeiten ändern sich: UNESCO betrachtet „Berufsbildung als Schlüsselfaktor“

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich vergeblich versucht habe bei der UNESCO – zumindest bei ihrem Schweizer Ableger – Interesse für die Berufsbildung zu wecken. Sie würden sich auf Kultur und Allgemeinbildung konzentrieren. Mit Berufsbildung hätten sie nichts zu tun.

Nun gibt es also eine „Berufsbildungsstrategie für den Zeitraum 2016 bis 2021“, gemäss Meldung vor allem um die Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen, vorgestellt vom „UN-Zentrums für Berufsbildung (Unesco-Unevoc)“ im Bonn. Es ist dort am richtigen Ort, denn – so lese ich – „Das deutsche System der Berufsausbildung mit einer Kombination aus praktischem Lernen im Betrieb und theoretischer Unterweisung in der Berufsschule gilt als weltweit einzigartig.“

Im fühle mich wie damals auf der falschen Seite, denn ich schätze die Bedeutung eines bestimmten Bildungssystems etwas vorsichtiger ein. Weder wird ein Land allein durch die Berufsbildung reich noch kann allein damit die Jugendarbeitslosigkeit bekämpft werden. Leider ist die Welt etwas komplizierter: Für beides braucht es ein Bildungssystem mit mehreren guten Sparten und darüber hinaus eine Arbeitswelt mit bestimmten Merkmalen. Diese wiederum setzt neben einem guten Bildungssystem aber mindestens so sehr ein sicheres Rechtssystem und eine Bevölkerung voraus, die mit ihrer Arbeit dank anständiger Entlohnung und humanen Randbedingungen auf einen grünen Zweig kommt.

Übrigens gibt es eine Kombination „aus praktischem Lernen im Betrieb und theoretischer Unterweisung“ nicht nur in Deutschland.

Das Handwerk Deutschlands kämpft um leistungsfähige Jugendliche

Ja, machen die Schweizer KMU auch. In Deutschland ist der Kampf wohl noch etwas härter: 50% aller Jugendlichen erwerben ein Abitur.

Hier einige Auszüge aus einem Interview mit Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer (Quelle):

Was bieten Sie an Karrieremöglichkeiten im Handwerk?

Wollseifer Der „Markenkern“ des Handwerks sind die duale Ausbildung und der Meisterbrief. Dazu gibt es auf allen Stufen Zusatzqualifikationen, Spezialisierungsangebote und Fortbildungen. Darüber muss künftig in allen Schulformen informiert werden – diese Berufsorientierung unterstützt auch Bundesbildungsministerin Wanka. Denn wir brauchen alle – den Hauptschulabsolventen wie den Abiturienten.

50 Prozent aller Kinder machen Abitur, die allermeisten wollen anschließend studieren. Gehen dem Handwerk hier Generationen verloren?

Wollseifer Dass sich so viele hohe Ziele setzen, ist ja ein gutes Zeichen. Hier muss die berufliche Bildung aber viel stärker in den Fokus rücken – auch hier findet höhere Bildung statt! Wir brauchen doch beides: gute Akademiker und gute Fachkräfte, die beruflich qualifiziert sind. Bachelor und Meister stehen auf Augenhöhe. Um mehr leistungsstarke Schulabgänger für das Handwerk zu gewinnen, werden beispielsweise das duale und das triale Studium angeboten.

Wie funktioniert das?

Wollseifer Duales Studium bedeutet: Ich mache meine Berufsausbildung im Betrieb und studiere parallel, erwerbe so Gesellenbrief und Bachelor. In Köln ist das triale Studium gestartet, das jetzt bundesweit Karriere macht: Hier kommt der Meisterbrief als dritter Abschluss hinzu, innerhalb von viereinhalb Jahren. Diese leistungsstarken jungen Leute sind im Handwerk höchst gefragt. In den nächsten zehn Jahren werden 200 000 Handwerksbetriebe an Nachfolger übergeben. Für die Übernahme sind diese Absolventen prädestiniert.

Eine Lehre ist in der Gesellschaft immer noch weniger gut angesehen als ein Studium …

Wollseifer Dagegen wollen wir eine „höhere Berufsbildung“ setzen. Erstes Ziel ist ein duales Gymnasium, das technisch oder wirtschaftlich orientiert ist. Mir schwebt ein „Abitur plus“, mit Berufsabschluss, für die Absolventen vor. Es gibt in Brandenburg, Baden-Württemberg und Bayern bereits solche Schulen. Wir wollen das jetzt zusammen mit Bund und Ländern als Leuchtturmprojekt auf den Weg bringen. Denn wir müssen den Jugendlichen Angebote unterbreiten, die attraktiv und gesellschaftlich anerkannt sind.

Was tun Sie für Studienabbrecher?

Wollseifer Wir arbeiten bereits stärker mit den Universitäten zusammen. Gemeinsam kümmern wir uns um Studienaussteiger, bieten ihnen berufliche Karrieren als Alternative an. Dazu gehört eine verkürzte Ausbildung in Kombination mit einer Fortbildung, etwa dem Meisterabschluss. Dabei werden ihre bisherigen Studienleistungen teilweise anerkannt. Wir vergessen aber auch junge Leute nicht, die Unterstützung brauchen – für sie wird es künftig 10 000 Plätze in assistierter Ausbildung geben.

Professional Bachelor – in verschiedenen Ländern ein Titel für Höhere Berufsbildung

Schweizer Vertretungen der Höheren Berufsbildung fordern seit einiger Zeit, ihnen die Benutzung der Bezeichnung „Professional Bachelor“ zu erlauben. Ein Bericht der CEDECOP zeigt auf, dass dies in verschiedenen Ländern Europas gebräuchlich ist, so in Frankreich, Dänemark und Deutschland, wo 150 einschlägige Studiengänge bestehen. In Frankreich kann im Bereich der Landwirtschaft zudem einen „Professional Master“ erworben werden.

Der Begriff „Professional Bachelor“ wird verwendet für Abschlüsse der „professional higher education“, worunter Angebote auf den EQF-Levels 6 bis 8 verstanden werden, die nicht an Hochschulen durchgeführt werden. Diskutiert wird die Gleichwertigkeit zu den an Hochschulen erworbenen Bachelor-Abschlüssen im Hinblick auf die Frage, ob Professional Bachelors wie die Bachelors aus Hochschulen zu den Master-Degrees von Hochschulen zugelassen werden.

Quelle: CEDEFOP (2011): Vocational education and training at higher qualification levels. Research paper No 15. Luxembourg: Publications Office of the European Union. Download: http://www.cedefop.europa.eu/EN/publications/18646.aspx (4. Dez. 13)

Deutschland: Nettokosten von 3600 Euro/Auszubildender

„Den Betrieben in Deutschland entstehen für einen Auszubildenden pro Ausbildungsjahr im Jahr 2007 durchschnittlich 15.288 Euro Bruttokosten. Dem stehen Erträge aus den produktiven Leistungen der Auszubildenden von 11.692 Euro gegenüber.
Es ergeben sich also Nettokosten von 3.596 Euro, die ein ausbildender Betrieb im Durchschnitt pro Jahr und pro Auszubildenden aufbringt.“

Dies ist eine der zentralen Aussagen des BIBB-Reports 8/09, der die neusten Ergebenisse der Kosten-Nutzen-Untersuchungen zur Berufsbildung Deutschlands wiedergibt. Download: http://www.bibb.de/dokumente/pdf/a12_bibbreport_2009_08.pdf

Bildungsforschung: Ein weiteres deutsches Portal

Seit einigen Jahren bietet das deutsche Bundesministerium für Berufsbildung mit der Literaturdatenbank Berufliche Bildung einen Recherchedienst an. Nun hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung ein Online-Portal über die Förderaktivitäten des BMBF zur Umsetzung des Rahmenprogramms für die empirische Bildungsforschung und die Ergebnisse von Forschungsprojekten aktiv geschaltet. In der Schweiz bietet die SKBF einen ähnlichen Dienst an.
(PANORAMA.aktuell 9.6.2009)

Deutschland: Lernende verursachen den Lehrbetrieben nur bescheidene Kosten

Gemäss einer Untersuchung des deutschen Bundesinstituts für Berufsbildung (BiBB) verursachte ein/e Lerndende/r 2007 im Durchschnitt Nettokosten von 3596 Euro pro Jahr. Die Bruttokosten beliefen sich auf 15’288 Euro, wovon 61% auf Löhne und Sozialkosten der Lernenden entfielen. Demgegenüber stand ein Ertrag von 11’692 Euro, der sich vor allem aus der produktiven Arbeit der Lernenden ergab. Bei einem Drittel der Lernenden überstieg der Ertrag die Kosten.
Ein Vergleich der deutschen und der schweizerischen Verhältnisse von 2008 ergab, dass die Lernenden hierzulande produktiver sind. Zwei Drittel der Betriebe decken hier die Kosten bereits während der Lehre.
Bericht des BiBB und Zusammenfassung
(PANORAMA.aktuell 12.5.2009)

Deutschland: Frauenlöhne konstant niedriger

In Deutschland hat sich die Lohnungleichheit zwischen Frauen und Männern in den letzten fünfzehn Jahren kaum verändert. Dies zeigt eine Studie des deutschen Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Im Durchschnitt war der Lohn von vollzeitbeschäftigten Frauen 2006 rund 24% geringer als jener der Männer. Selbst innerhalb des gleichen Berufes verdienen Frauen 21% weniger als Männer. Immer noch 12% beträgt der Lohnunterschied bei Personen mit gleicher Ausbildung, gleichem Beruf und gleichem Alter innerhalb des gleichen Betriebes.
Pressemitteilung
(PANORAMA.aktuell 28.4.2009)

Deutschland: Auslandeinsätze von Lernenden werden gefördert

Seit März 2009 beraten rund 40 Mobilitätsberaterinnen und -berater an den deutschen Industrie- und Handelskammern sowie den Handwerkskammern vor Ort Unternehmen, Lernende und junge Arbeitnehmende über Auslandaufenthalte und mögliche Unterstützung. Das mit Mitteln des europäischen Sozialfonds geförderte Projekt soll die Zahl der Auslandaufenthalte während der Berufsausbildung von derzeit 2% erhöhen. Bundesweite Koordinierungsstellen unterstützen und koordinieren die regionalen Stellen. In der Schweiz übernimmt die “ ch Stiftung “ ähnliche Aufgaben.
Auskünfte: maerz.jacqueline@dihk.de oder efranken@zwh.de
(PANORAMA.aktuell 28.4.2009)

Deutschland: Weiterbildungsförderung verbessert

Wer sich in Deutschland im Rahmen der beruflichen Aufstiegsfortbildung weiterbildet, kann dafür Unterstützung beantragen. Die Bundesregierung hat im Sommer 2008 ein entsprechendes Aufstiegsfortbildungsförderungsgesetz („Meister-BAföG“) eingerichtet, das sie nun mit Verbesserungen ausgestattet hat, die am 1. Juli 2009 inkrafttreten. Grundsätzlich stehen Fortbildungen in allen Berufsbereichen Fördermittel zu. Eine Altersgrenze besteht nicht. Die monatliche Maximalförderung beträgt 670 Euro für Alleinstehende.
Mehr unter www.meister-bafoeg.info/
(PANORAMA.aktuell 3.3.2009)

Weiterbildung: Deutsche Betriebe zahlen jährlich 1000 Euro pro Mitarbeiter

84 Prozent aller deutschen Unternehmen haben ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Jahr 2007 an Weiterbildungen teilnehmen lassen. Gekostet hat sie das rund 27 Milliarden Euro, pro Mitarbeiter etwas mehr als 1000 Euro. Einer Erhebung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) lässt sich weiter entnehmen, dass es Firmen gibt, die mehr als drei Jahre keine Weiterbildung möglich gemacht haben. Es sind dies vor allem Unternehmen mit weniger als 50 Mitarbeitenden. Besonders aktiv sind dagegen Banken und Versicherungen.
(PANORAMA.aktuell 3.2.2009)