Schule als Fabrik?

Der abtretende Direktor der Zurich International School, Peter Moll verglich in der NZZ vom 6. August 2012 das „heute praktizierte Schulmodell“ mit dem „aus dem 19. Jahrhundert stammende Fabrikmodell: Alles, was hinten rauskommt, muss gleich aussehen. Unterwegs wird die schlechte Ware von der guten getrennt, aber die Prozesse sind für alle gleich. Es gehört abgelöst. Die Technologie ermöglicht heute ein viel individuelleres Lernen und Lehren.“

Dazu konkretisiert er: „Intensiv unterhalten wir uns zurzeit über den «flipped classroom». Bisher war es üblich, dass der Unterricht in der Klasse stattfand. Danach ging man nach Hause und übte dort das Gelernte. Am nächsten Tag folgte der nächste Schritt. Der «flipped classroom» stellt dieses Paradigma auf den Kopf. Die Schüler holen sich den Inhalt nach Anleitung irgendwo selber ab, zum Beispiel im Web in der Khan Academy. In der Klasse wird dann der Inhalt vertieft. Was früher im stillen Kämmerchen geschah, wird jetzt zusammen mit dem Lehrer in Gruppen geübt. Das alte Modell bezweckt, möglichst viel Wissen anzuhäufen, um es in Prüfungen wiedergeben zu können. Wir wollen, dass die Schüler zwar über Wissen verfügen, aber damit etwas anzufangen wissen.“

Den Vergleich mit einer Fabrik scheint mir spannend. Allerdings ist dieses Modell relativ spät übernommen worden. Bis weit ins 20. Jh. hinein war manche Schule eher mit einem Handwerksbetrieb zu vergleichen, mindestens in der Volksschule und auf dem Land.

Das neue Modell, das er skizziert, ist allerdings nicht ganz so neu – oder höchstens für Gymnasien: Ähnliche Ansätze waren in den letzen Jahren unter dem Titel „blended learning“ im Gespräch. Ganz unbescheiden darf ich zudem darauf hinweisen, dass der genau gleiche Gedanke Basis des „Kombiunterrichts“ war, den wir bei der Gründung der „BBC-Technikerschule“ 1971 realisierten, vgl. hier und hier. Die Lernenden hatten anhand von Lehrmaterialen das Wissen zu erarbeiten, dass dann im Unterricht diskutiert und vertieft wurde. Wichtig ist, dass dazu didaktisch gut aufgebaute Lernmaterialien vorliegen.

Später wurden ähnliche Ansätze in Lehrwerkstätten von Unternehmen eingeführt, der sog. Leittextunterricht. Auch die Ansätze des „Schulunternehmers“ Peter Fratton seien erwähnt, die u.a. für Brückenjahre in Zug und Basel aber auch für die Ausbildung von Mediamatikern in Romanshorn wegweisend sind.

Damit will ich aber keineswegs die Idee Molls schlecht reden. Im Gegenteil, ich hoffe, dass sich diese Gedanken vermehrt durchsetzen – in Ansätzen geschieht dies bereits an vielen Schulen auf allen Stufen.