Praktischer Unterricht als zentraler Inhalt städtischer Berufsschulen im ersten Drittel des 20. Jh.

Nachdem 1884 der Bund die Subventionierung von „gewerblichen Fortbildungsschulen“ beschlossen hatte, entstanden vielerorts neue Berufsschulen, wobei sich zwei unterschiedliche Typen abzeichneten:
• In ländlichen Regionen waren es kleine Schulen, die oft in Schulhäusern der Volksschule untergebracht waren, und in denen fast ausschliesslich nebenamtlich tätige Lehrer unterrichteten. Der Unterricht umfasste ein stark am Fachzeichnen orientierte Berufskunde und dem üblichen Programm der allgemeinen Fortbildungsschule: Deutsch, Rechnen und Staatskunde.
• In einigen grösseren Städten entwickelten sich hingegen eigenständige Schulen mit eigenem Lehrkörper und einem umfangreichen Unterrichtsprogramm, das neben theoretischen Fächern auch praktischen Unterricht umfasste, vergleichbar mit dem Inhalt der heutigen „überbetrieblichen Kurse“.
Als 1933 das erste Berufsbildungsgesetz in Kraft trat, entschied der Bund, der praktische Unterricht gehöre nicht an die Berufsschulen, statt dessen sei der „geschäftskundliche Unterricht“ zu pflegen. Dies führte zu grundlegenden Veränderungen bei den städtischen Schulen.
In diesem Zusammenhang stellte der Leiter der Allgemeinen Gewerbeschule Basel sein Programm und die dahinter liegenden Überlegungen in den „Schweizerischen Blättern für Gewerbe-Unterricht“ dar, was einen Blick in das Schulprogramm ermöglichte, das um jene Zeit in städtischen Schulen üblich war:

Die Allgemeine Gewerbeschule hat die Aufgabe „den Angehörigen der Gewerbe und Kunstgewerbe Lehrlingen, Gehilfen und Meistern die für ihren Beruf nötige theoretische, praktische und künstlerische Ausbildung zu bieten, soweit diese in der Werkstatt nicht erlangt werden kann.“

Der Beruf soll Grundlage und Zentrum jeder beruflichen Fortbildung sein. „Die Bedürfnisse der Werkstattlehren diktieren in erster Linie den Unterrichtsstoff, den die Schule den jugendlichen Berufsanwärtern zu vermitteln hat. Aufgabe der Schule ist es, den Stoff so zu gestalten, dass nicht nur das berufliche Wissen und Können gefördert, sondern auch der heranreifende Mensch und Staatsbürger im künftigen Handwerker und Berufsmann erfasst wird.“

Die zur Verfügung stehende Zeit ist beschränkt. „Der Schulbesuch darf nicht zu stark die Zeit des Lehrlings kürzen, er darf aber auch nicht die Arbeitszeit desselben ohne Rücksichtsnahme auf den Meister beanspruchen. “ Deshalb dauert der Unterricht einen Halbtag von vier bis fünf Stunden pro Woche, vormittags oder nachmittags, oft ergänzt durch einen Abend von zwei Stunden, total maximal 7 Stunden.

Wichtigste Fächergruppe ist der berufskundliche Unterricht, umfassend „Berufskunde mit Fachzeichnen, Material- und Werkzeugkunde, neben beruflichem Rechnen und praktischen Arbeiten,“ erteilt von einem Praktiker, an einem Halbtag. Die zweite Gruppe, der geschäftskundliche Unterricht, findet in der Regel am Abend statt. Die Betonung des berufskundlichen Unterrichts hat damit zu tun, dass „die Stadtjugend vor dem Eintritt in die Berufslehre schulmüde geworden ist. Unsere Jungen bringen gleich nach Schulaustritt für allgemeinbildende und theoretische Fächer kein grosses Interesse mehr auf; ihr erstarkter Körper verlangt nach manueller Betätigung. Alles, was an die Schulzeit erinnert, wird abgelehnt. Aus diesen Gründen hat man auch auf die von der Volksschule übernommenen Fachbenennungen wie Muttersprache, Deutsch, Lesen und Rechnen verzichtet, und durch die dem beruflichen Leben angepasste Bezeichnung Geschäftsverkehr ersetzt.“

Weil sich das Gewerbe laufend wandelt und infolge moderner Rationalisierung und Spezialisierung in grossen und kleinen Betrieben, „kann die Meisterlehre die volle Ausbildung des beruflichen Nachwuchses“ je länger je weniger übernehmen, und sie bedarf mehr und mehr der Ergänzung durch die Schule. War diese früher mehr auf zeichnerischem und rechnerischem Gebiet, so hat sie sich heute unzweifelhaft nach der praktischen Seite hin verschoben. Sie kann sich nicht mehr allein auf die Übung einiger berufswichtiger, aber im Betriebe nicht mehr häufig vorkommender, und daher daselbst nicht mehr erlernbarer Spezialarbeiten beschränken, sondern sie muss sich mehr als früher auf die Vermittlung grundlegender Arbeitsvorgänge einstellen und wohl oder übel, dem Lehrmeister einen Teil seiner ursprünglichen Aufgabe abnehmen.“

Beispiel für den Aufbau der Stundentafel im Basler Stundenplan (Total der Stunden)

Fach Baugewerbe Elektromechani-
sche Berufe
Geschäftsverkehr (Korrespondenz und Rechnen) 80 80
Buchführung 40 40
Staats- und Wirtschaftskunde 40 40
Vorbereitendes Zeichnen 120
Freihandzeichnen (fakultativ) 80
Fachzeichnen Berufskunde 240
Berufliches Rechnen 120
Werkstatt 260
Physik 40
Elektrizitätslehre 40
Berufskunde und berufliches Rechnen 320
Fachzeichnen 480
Werkzeug schmieden 80
Total 980 1120

Quelle: Blätter 1935/6 S.49 – 53

Über die Diskussion zwischen den Leitern der städtischen Berufsschulen und dem Bundesamt für Industrie, Gewerbe und Arbeit, berichten die Blätter in ihrer Ausgabe 1934/23 vom 1. Dezember 1934 auf den Seiten 181 – 183.