1950: 85% der Knaben in der beruflichen Grundbildung

Der Anteil der „aus der Schule entlassenen Knaben“ die sogleich einem Erwerb nachgehen, wird 1950 auf 15-20 Prozent geschätzt. Also dürften bereits damals 80 – 85 Prozent eine berufliche Grundbildung oder eine Mittelschule in Angriff genommen haben.

Heute wird diese Zahl auf 95% der Schweizer Jugendlichen geschätzt, von anderer Seite eher auf 90 Prozent. Der Anstieg in den letzten 60 Jahren betrifft offenbar vor allem die Mädchen und allenfalls ausländische Jugendliche.

Quelle: Revision des Bundesgesetzes vom 26. Juni 1930 über die berufliche Ausbildung. Bericht und Text des Gesetzesentwurfes der Expertenkommission vom Dezember 1960, S. 42

Digitale Medien im Bildungswesen – seit 30 Jahren im Gespräch

Ein Aufsatz von Nando Stöcklin über die Veränderungen, die das Internet für die Schulen bringt, hat mich veranlasst, 30 Jahre zurück zu blicken auf die Zeit, als der Computer in die Schulen drängte, als erstmals über die Bedeutung des Programmierens diskutiert wurde, und 20 Jahre, als das Internet aktuell wurde.

Wir, die Befürworter dieser Entwicklungen, haben damals vom Einsatz der Computer und ein zweites Mal vom Internet im Unterricht sehr viel erwartet. Nicht nur neue Inhalte sondern vor allem der Durchbruch von Unterrichtsformen, wie wir sie damals als wünschbar betrachtet haben: mehr „Denkschulung“ (so hiess das damals), andere Unterrichtsformen, anderes Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden. Die Pessimisten ihrerseits sahen Kulturverlust, Überforderung, sinkende Qualität voraus.

Verändert hat sich nicht viel und wenn dann indirekt als Folge von Veränderungen, die die Informations- und Kommunikationstechnik in der Gesellschaft auslöste. So vermute ich, dass auch die neusten Entwicklungen der digitalen Medien im Bildungswesen nicht allzu viel ändern werden. Unter anderem weil eine Bedingung nicht erfüllt ist, die Nando Stöcklin nennt: „Das Potenzial des Internets lässt sich nur ausschöpfen, wenn möglichst viele Menschen kompetent damit umgehen können.“

Ich hatte in den letzten Monaten mit Verantwortungsträgern im Bildungswesen zu tun, die mir zeigten, dass IT-Kenntnisse, die über Office-Grundlagen und die Verwendung einiger Funktionen eines Browsers hinausgehen, kaum verbreitet sind. Deshalb fehlt die Basis für eine fundierte Reflexion der Chancen und Gefahren, der Möglichkeiten und Grenzen der IT.

Ich habe gelernt, dass eine neue Technik im Bildungswesen nicht viel verändert. Sie kann sowohl den Erhalt alter Formen des Unterrichts sichern (PowerPoint z.B.) als auch neue Formen begünstigen. In welcher Richtung es geht ist abhängig vom Umgang, den Lehrende und Lernende miteinander pflegen.

Wenn es zum Beispiel selbstverständlich wäre, dass Lehrende von ihren Lernenden lernen würden, wie man mit sozialen Medien umgeht, dann wäre wohl der von Stöcklin geforderte kompetente Umgang mit dem Internet rasch zu erreichen, denn die meisten Jugendlichen gehen schon heute durchaus kompetent mit digitalen Medien um.

Aus den Anfängen der beruflichen Weiterbildung

Ein Vortrag aus dem Jahr 1946, gehalten von Arnold Schwander, seit 1931 in der Sektion für berufliche Ausbildung tätig und seit 1942 deren Chef, gibt einen Einblick in die Anfänge der beruflichen Weiterbildung: Nach dem er aus den Bemühungen in der Zwischenkriegszeit berichtete fährt er weiter: „Nachdem der Unterricht auf der Lehrlingsstufe durchorganisiert und ausgebaut ist, muss nun in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg die planmässige Weiterbildung einsetzen. Es herrsche seitens der „Lehrentlassenen“ ein grosses Interesse, wie sich zum Beispiel am Interesse für die Aufnahme ins Techniker Winterthur zeige.
Schwander weist darauf hin, dass bereits verschiedene Fachschulen bestehen würden wie die Schreinerfachschule in Bern, die Bauschule in Aarau, die Gartenbauschule Oeschberg, Hotelfachschulen in Lausanne und Luzern usw. Weiter weist er auf Tagesunterricht für verschiedene Berufe an Gewerbeschulen hin. Er erinnert auch an Vorbereitungen auf eine der 62 Meisterprüfungen, die aber jeweils nur 40 Lektionen umfassen würden und so eher als Orientierung denn als Weiterbildung zu bezeichnen seien.

Sein Anliegen ist der Aufbau von Weiterbildungskursen, die neben einer Berufstätigkeit besucht werden könnten, „wöchentlich während eine Tages, eines Halbtages oder in den Abtendstunden“, zum Beispiel für Zeichnen, Skizzieren, Werkstattrechnen, Buchführung, Korrespondenz und Rechtskunde. Es seien zudem „berufskundliche“ Weiterbildungen zu schaffen, was aber in erster Linie Aufgabe der Berufsverbände sei, nicht der Gewerbeschulen.

Quelle: Schwander A. (1946). Die Vorbereitungskurse auf die Meisterprüfungen. In: Blätter 1946, S. 117f

Der Aufsatz enthält auch eine Liste der bestehenden Fachschulen.

Professional Bachelor – in verschiedenen Ländern ein Titel für Höhere Berufsbildung

Schweizer Vertretungen der Höheren Berufsbildung fordern seit einiger Zeit, ihnen die Benutzung der Bezeichnung „Professional Bachelor“ zu erlauben. Ein Bericht der CEDECOP zeigt auf, dass dies in verschiedenen Ländern Europas gebräuchlich ist, so in Frankreich, Dänemark und Deutschland, wo 150 einschlägige Studiengänge bestehen. In Frankreich kann im Bereich der Landwirtschaft zudem einen „Professional Master“ erworben werden.

Der Begriff „Professional Bachelor“ wird verwendet für Abschlüsse der „professional higher education“, worunter Angebote auf den EQF-Levels 6 bis 8 verstanden werden, die nicht an Hochschulen durchgeführt werden. Diskutiert wird die Gleichwertigkeit zu den an Hochschulen erworbenen Bachelor-Abschlüssen im Hinblick auf die Frage, ob Professional Bachelors wie die Bachelors aus Hochschulen zu den Master-Degrees von Hochschulen zugelassen werden.

Quelle: CEDEFOP (2011): Vocational education and training at higher qualification levels. Research paper No 15. Luxembourg: Publications Office of the European Union. Download: http://www.cedefop.europa.eu/EN/publications/18646.aspx (4. Dez. 13)

Kombination schulisch organisierte Grundbildung mit Betriebslehre

Im Bericht zur schulisch organisierten beruflichen Grundbildung, den ich zusammen mit Jacques Amos für die SBBK geschrieben habe, haben wir kombinierte Modelle vorgeschlagen. Eben ist eine Dokumentation über entsprechende Schulversuche in Hamburg erschienen, bei denen es um einen solchen Ansatz ging:

„Als wesentliches Merkmal der Ausbildungsform gilt dessen konsekutiver Aufbau, bei dem die Schüler zunächst einen 2-jährigen vollzeitschulischen Ausbildungsabschnitt mit den Abschlüssen Technische bzw. Kaufmännische Assistenz und der Fachhochschulreife absolvierten. Bei erfolgreichem Bestehen folgte ein 1,5-jähriger betrieblich ausgerichteter Ausbildungsabschnitt als Fachinformatiker/in Systemintegration bzw. als Kaufmann/-frau für Bürokommunikation mit dem jeweiligen Kammerabschluss. In diesem Abschnitt konnten die Jugendlichen auf freiwilliger Basis ein schulisches Begleitband besuchen, das im Umfang zwischen 1,5 Stunden und zwei Nachmittagen im Monat variierte.“ (KARIN WIRTH, FRANK KRILLE, TADE TRAMM & THOMAS VOLLMER, Editorial zur Dokumentation)

Paul Sommerhalder ist gestorben

Am 13. November 2013 ist Paul Sommerhalder gestorben, 93-jährig.

Initiant der Berufsmittelschule

Präsident des Schweizerischen Verbandes für beruflichen Unterricht in entscheidender Zeit

Für mich: Vorbild, Freund und Förderer.

Emil Wettstein

Hier ein kurzer Text von ihm, den ich auf meiner Harddisk fand …

Alternative zur gymnasialen Bildung
Die Berufsmittelschulen (BMS) haben in der Schweiz eine ganz erfreuliche Entwicklung gemacht, die wir uns 67/68 nicht hätten träumen lassen. Wir waren ein Berufsschullehrerquartett an der Gewerbeschule Aarau. Uns ging es damals darum, das Mauerblümchen Berufsschule aufzuwerten. In jenen Jahren bedeutete Begabtenförderung vor allem Förderung der Mittel- und Hochschulen. Die Lehrer und Eltern hatten den Ehrgeiz, möglichst viele Schüler ins Gymnasium oder in ein Lehrerseminar zu bringen. Daher blieben für die Berufsbildung immer weniger leistungsfähige Schüler. Unsere Klassen wurden heterogener und durch mehr schwächere Lehrlinge belastet; dies erschwerte den Unterricht.
Endgültig aus dem Busch geklopft hat uns dann die Idee der Gymnasiallehrer, eine „Schule für mittlere Kader“ zu gründen. Darauf haben wir mit viel Idealismus und Einsatz das „Aarauer Modell “ entwickelt. Dabei stiessen wir bei einigen Kollegen auf Widerstand. Diese hatten für mehr Allgemeinbildung kaum Verständnis. Im Nachhinein hat sich unser Konzept jedoch als richtig erwiesen. Allgemeinbildung ist für die Mobilität der Berufsleute wichtig, und zwar aus beruflichen wie auch aus gesellschaftspolitischen Überlegungen.
Wir wollten nicht nur Lehrlinge ansprechen, die nachher eine Hochschulkarriere machen würden. Es sollten auch künftige Kaderleute in Industrie, Gewerbe und anderen Wirtschaftszweigen von einer besseren theoretischen Ausbildung profitieren. Trotzdem war die Durchlässigkeit für uns ein wichtiges Thema. Mit der HTL Windisch fanden wir eine Regelung für den prüfungsfreien Übertritt von BMS-Absolventen. Damit wurde die BMS zur Alternative zur gymnasialen Bildung und das Ziel „Aufwertung Berufslehre“ erreicht.

… und einige Publikationen von ihm, fast alle via Web oder in der Bibliothek der PH Zürich erhältlich:

Der Gewerbeschüler. [Jg.] 36, [1957/58]. Beil. 2. Geschäftskundliches Rechnen für das Baugewerbe von Paul Sommerhalder Sauerländer (1962)

Berufsbildung im Umbruch. l. Aktuelle Tendenzen, 2. Berufsmittelschule. Zürich : Institut f. Bildungsforschung u. Berufspädagogik d. Kantons Zürich 1970

Gewerbeschüler. [Jg.] 49. [1970/1971]. Leseh. 3/4. Unsere Armee. Verl. Gewerbeschüler, Sauerländer (1970) (zusammen mit Max Mathys)

Rechnen für Coiffeusen und Coiffeure des Damen- und Herrenfachs. Schülerausgabe von Karl Hauser, Alfred Rutz und Sommerhalder Paul (1980)
Allgemeines Rechnen für verschiedene Berufe von Paul Sommerhalder und Markus Hösli (1982)

Ausbildung und Anforderungen, insbesondere im Bereich Informatik, mit Rückschlüssen auf den beruflichen Unterricht, aus der Sicht ausgewählter Lehr- betriebe, Zürich (Amt für Berufsbildung) 1986.

Lehrlingsausbildung in Betrieben mit Spitzentechnologien, Zürich (Amt für Berufsbildung) 1987.

So entstand die Berufsmittelschule (BMS) : die Einführung einer Neuerung in der schweizerischen Berufsbildung 1968 : aus der Sicht der Initianten und mit persönlichem Kommentar des Verfassers dargestellt – Zürich : [s.n.], 1989.

Pioniere der Berufsbildung: Erwin A. Jeangros. http://www.panorama.ch/pdf/1993/Heft_4_1993/pan93435.pdf

Ausbildung in allgemeiner Krankenpflege – ein Erfahrungsbericht. http://www.panorama.ch/pdf/1991/Heft_3_1991/pan91325.pdf

Projektunterricht an der Gewerblich-Industriellen Berufsschule des Kantons Zug. http://www.panorama.ch/pdf/1990/Heft_3_1990/pan90333.pdf

Lehrlingsausbildung und Spitzentechnologien. http://www.panorama.ch/pdf/1987/Heft_1_1987/pan87107.pdf

In dem „Blättern für den Berufsschulunterricht“ (heute: Folio) dürften vor und nach 1970 mehrere Aufsätze von Paul Sommerhalder zu finden sein – er war damals (sehr aktiver) Leiter des Schweiz. Verbandes für beruflichen Unterricht (SVBU, heute B-CH). 1970 tritt der SVGU unter seiner Leitung mit einer grossen Tagung unter dem Titel „Berufsbildung im Umbruch“ an die Öffentlichkeit. Es sei „zu lange für zu viele zu wenig getan“ worden, deshalb sei nun die Berufsbildung „durch Sofortmassnahmen zu verbessern sowie durch mittelfristige und langfristige Pläne auf die Erfordernisse der Zukunft auszurichten“ (Blätter 1970, 8/9). Der Liestaler „Paukenschlag“, wie die Tagung der Berufsschulverbände bezeichnet wurde, fand in der Tages- und Fachpresse ein nachhaltiges Echo.

Eine Generation im Zaudermodus

„Dreissig zu werden, heisst heute vor allem zu erkennen, dass Verheissungen sich nicht erfüllt haben.“ schreibt der 30-jährige Tomasz Kurianowicz in der NZZ:
„29 zu sein fühlt sich so an wie ein Sonntagmorgen nach einer durchfeierten Samstagnacht. Man inhaliert noch das Gefühl der Unbeschwertheit, der Freiheit, der nie versiegenden Jugend – und zugleich ahnt man schon, dass sich der Montag langsam in die Woche schleicht. …
Das Wochenende verblüht schnell. Mit dem Leben verhält es sich nicht unähnlich. Man ist zwanzig, geht in eine beliebige Grossstadt studieren, hat sich vorher so seine Phantasien zurechtgelegt – wie es ist, auf sich allein gestellt zu sein, sich zu verlieben, sich zu trennen und wieder zu verlieben, sich ins offene Leben hineinzuwerfen, Entscheidungen zu treffen, Wurzeln abzuschneiden und neue zu schlagen. Und dann merkt man, dass das naive Lebensgefühl ziemlich schnell verfliegt …
Und dann kommt der Schock. Der Schock um die Erkenntnis, dass die Zeit abläuft. Dass man falsche Entscheidungen getroffen hat. Dass man jemand ist, der man nicht werden wollte und dass man nicht jeder werden kann.

… darum brauchen wir eine Berufslehre für Errwachsene, eine die sie echt ergreifen können, eine echte ZweiteChance. Der Text – und die 32 Kommentare, die bisher dazu publiziert wurden, geben uns einen Eindruck von der Befindlichkeit und damit von den Bedürfnissen der „Generation im Zaudermodus“.

Fachkräftemangel heisst …

… denn auch nicht un­bedingt, dass es keine entsprechenden Spezi­alisten gibt, sondern lediglich, dass zum herrschenden Lohnniveau die Nachfrage nach Fachkräften das Angebot übersteigt.“

Diese Aussage von Samuel Mühlemann und Stefan C. Wolter müssen wir uns immer mal hinter die Ohren schreiben, vor allem wenn verlangt wird, dass das Bildungssystem ‚rasch und entschieden‘ auf den Fachkräftemangel reagiert.

(Zitat aus Samuel Mühlemann und Stefan C. Wolter: Personenfreizügigkeit dämpft den Fachkräftemangel in der Schweiz. Die Volkswirtschaft 6-2013, S. 16)

Berufe von morgen (1968)

Es ist wohl eine Alterserscheinung: ich glaube nicht mehr so recht an Zukunftsprognosen. Eine Altererscheinung, verursacht durch all die falschen Prognosen, die ich im Laufe der Jahre gelesen habe. Manche betrafen die ach so verständliche Frage nach den ‚Berufen von morgen‘ So verständlich vor allem aus Sicht der Eltern, die das beste für ihre Kinder wollen, wenn es um deren Berufswahl geht.

So ist es denn nicht erstaunlich, dass 1968 der erfolgreiche und renomierte Econ-Verlag ein Buch von C.V. Rock unter dem Titel „Berufe von morgen“ als „eines der aufregendsten Sachbücher unserer Zeit“ ankündete.

Der Autor entwarf zuerst das „Bild der Welt von morgen“, denn „Neue Entwicklungen haben Einfluss auf Berufe.“ 1968 erwartete man laut C. V. Rock:

  • Bis 1980 haben wir eine zuverlässige Wettervorhersage – keine Missernten mehr
  • Ab 1990 können wir von jedem Punkt der Erde die automatischen Zentralbibliotheken verwenden
  • Ab 1990 kennen wir nur noch die automatische Zollabfertigung – wohin mit den Beamten?
  • Ab 1990 können wir uns synthetisch ernähren
  • Ab 2000 besitzen wir ausreichende Meeresgrundfarmen
  • Ab 2000 beherrschen die Lehrautomaten den Unterricht – Lehrer nur noch Aufsichtspersonen
  • Ab 2010 können wir das menschliche Alter chemisch kontrollieren – Unsterblichkeit?
  • Ab 2020 erreichen wir das allgemeine Existenzminimum für alle auf der Erde Lebenden – Paradies?
  • Ab 2020 besitzen wir dank der Automaten eine Weltsprache

Auszug aus der Liste S. 81f im ‚Originalton’.

Im Buch werden dann Berufe aufgezählt, die dank der Veränderungen der Arbeitswelt um die Jahrtausendwende besonders gute „Berufsaussichten“ haben. Hier ein Auszug:

  • Bearbeiten von Stoffen: Betonwerker / Modellschlosser / Werkzeugmacher
  • Montieren und Zusammenbauen: Feinmechaniker / Ingenieure (versch. Fachrichtungen) / Kunststoffschlosser / Stahlbauschlosser /
  • Gestalten, Formen, Schmücken: Graveur, Keramikingenieur, Zahntechniker
  • Maschinen-Bedienung: Gefrierverfahren-Techniker / Strickeinrichter / Tiefbohrer /
  • Untersuchen und Messen: Biologielaborant / Ozeanograph / Physiklaborant /
  • Entwerfen: Schilder- und Lichtreklamen-Hersteller
  • Züchten und Hegen: Diplomlandwirt / Pflanzenschutz-Techniker / Fischzüchter / Zuchtwart
  • Planen, Verwalten, Werben: Exportkaufmann / Hotelkaufmann / Werbegrafiker / Wirtschaftsjurist
  • Bedienen und Beraten: Beamter der Arbeitsämter / Datenverarbeiter / Friseur
  • Unterstützen: Arzthelferin / Rechtsanwalt / Beamte im höheren Dienst
  • Überwachen und Sichern: Beamter im Dienst der Bundeswehr / Seefunker
  • Pflegen und Betreuen: Hauswirtschaftsgehilfin / Steward / Wirtschafterin / Lehrer / Psychiater

Hier ein PDF dieser beiden Auszüge.

Das Handwerk kehrt zurück

… titelt die NZZaS einen Aufsatz ihres Stilberaters Jeroen von Rooijen. Er berichtet:

„Die Welt wird in rasendem Tempo digitaler und virtueller. Diese Entwicklung öffnet aber gleichzeitig neue Räume für die reale Welt, in der es um ursprüngliche Werkstoffe mit vertrauter Haptik, um Handwerk und grundlegende menschliche Bedürfnisse geht. Wer diesen Frühling am Mailänder Möbelsalon durch die Showrooms und Ateliers der jungen Designstudenten und Newcomer schlenderte, der sah dort eine Generation am Werk, die stark mit der Renaissance des Handwerks beschäftigt ist. Diese jungen Leute, aufgewachsen mit Internet und Smartphone, entdecken das schlichte Vergnügen von traditioneller Handwerkskunst wieder, sie forschen nach fast schon vergessenen Werkstoffen, sie kochen, schreinern, backen, stricken und nähen.“

Er spricht mir aus dem Herzen, vgl. meinen Text „Handwerk – der neue Luxus„. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Resultate einer Umfrage des renomierten deutschen Meinungsforschungsinstuts Allensbach:

Die Allensbacher Berufsprestige-Skala 2011
… und interessant ist die Tatsache, dass die Zürcher Hochschule der Künste in ihrem neuen Sitz auf dem Tony-Areal keinen Platz für die handwerklichen Werkstätten fand, die sich im alten Gebäude an der Ausstellungsstrasse betrieben wurden. Sie wurden bzw. werden aufgelöst …

Jugendarbeitslosigkeit: Fehler bei den Quoten werden anerkannt

Ich habe letzten Sommer darauf hingewiesen, dass die Unterschiede bei der Jugendarbeitslosigkeit zwischen Deutschschweiz und Romandie überschätzt werden. Frau Prof. Monika Bütler hat dann analoge Überlegungen publiziert.

Nun folgt die deutsche Arbeitsmarktbehörde, die Bundesagentur für Arbeit (BdA) mit Überlegungen zur Jugendarbeitslosigkeit in den Ländern der EU. Für Spanien beispielsweise hört man von einer Jugendarbeitslosigkeit von 55.9%. Diese Quote vergleicht die Zahl der Arbeitssuchenden mit derjenigen der gleichaltrigen Jugendlichen, die arbeiten oder einen Job suchen. Ein grosser Teil der 15 bis 25-jährigen Jugendlichen besucht aber noch eine Schule bzw. Hochschule. Vergleicht man die Zahl der Arbeitssuchenden mit der Gesamtzahl der 15- bis 25-Jährigen, beträgt die Jugendarbeitslosigkeit gemäss BdA in Spanien nicht mehr 55.9%, sondern 20.6%.

Selbstverständlich sind auch das noch 20% zu viel – trotzdem ist es falsch zu behaupten, jeder 2. Jugendliche in Spanien sei arbeitslos. In Deutschland beträgt die Quote gemäss gleicher Quelle übrigens zurzeit 4.1% statt 7.6%

Zusammenarbeit Oberstufe – Lehrbetriebe in Baden-Württemberg

Ich lese von einer Form der Zusammenarbeit, die vor allem für kleinere Lehrbetriebe mit freien Lehrstellen von Interesse sein könnte:

In Baden-Württemberg blieben zum Beginn des neuen Ausbildungsjahres insgesamt rund 5.500 Ausbildungsstellen unbesetzt. Bildungspartnerschaften helfen, Unternehmen und Jugendliche zusammen zu bringen«, erklärte Wirtschaftsminister Schmid heute (2.1.13) in Stuttgart. »Bildungspartnerschaften sind gerade für die kleinen Betriebe in Baden-Württemberg wichtig, denn sie haben am meisten Probleme, ihre Ausbildungsstellen zu besetzen«, so der Minister.

Bildungspartnerschaften ermöglichen beispielsweise Praktika und Arbeitsplatzerkundungen in Betrieben. Unternehmen können branchenspezifische Berufsbilder bekannter machen und die Attraktivität ihrer Ausbildungsberufe vermitteln.

Kleine Unternehmen sind häufig personell und finanziell nicht in der Lage, Partnerschaften aus eigener Kraft zu organisieren. Sie sind deshalb bei den Bildungspartnerschaften, die bereits rund 80 Prozent der allgemein bildenden weiterführenden Schulen abgeschlossen haben, noch deutlich unterrepräsentiert.

Mit insgesamt rund 840.000 Euro aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) fördert das Ministerium für Finanzen und Wirtschaft Koordinatoren, die Bildungspartnerschaften von kleinen Betrieben im Verbund – insbesondere aus dem Handwerk – mit allgemein bildenden Schulen initiieren, erweitern und aktiv betreuen. Insgesamt werden 12,5 Koordinatorenstellen bei elf Trägern in den Regionen Baden-Württembergs ermöglicht.

Bill Gates hofft auf Feedback-System für Lehrpersonen

Ich habe ja meine Vorbehalte gegenüber der Übernahme von Forschungsmethoden in Sozial-, Erziehungs- und Wirtschaftswissenschaften, die seinerzeit den Naturwissenschaften und der Technik zum grossen Durchbruch verhalfen. Wenn nun Bill Gates in seinem „Jahresbrief 2013“ berichtet, genauere Messmethoden hätten den Durchbruch der Dampfmaschinen und damit der Industrialisierung gebracht, so finde ich dies zwar interessant. Mir kommen jedoch Bedenken, wenn er darauf aufbauend hofft, dank besseren Messmethoden die grossen Ziele zu erreichen, die er mit seiner Stiftung anstrebt: Bessere Gesundheit, mehr Bildung, weniger Armut usw.

Was er dann aber schreibt ist eindrücklich. Mir wird wieder bewusst, dass ja in der Technik Messungen immer als Teil eines Regelkreises betrachtet werden, also als Möglichkeit einem System Feedback zu vermitteln. Wenn er von Messen spricht, dann denkt er an dessen Einsatz im Rahmen von Feedback für ein gesellschaftliches Subsystem.

Hier interessiert mich natürlich vor allem der Bericht über seine aufwendig entwickelte und in Colorado eingeführte Form des Lehrpersonen-Feedbacks. Sie habe – so berichtet er im „Jahresbrief“, zu deutlich besseren Leistungen in der High School geführt. Sie werde von der Lehrerschaft breit akzptiert und fördere auch Gegenstände wie Musik und Kunst, nicht nur die klassischen „Hauptfächer“ wie Pisa, Stellwerk etc.

Der Informatiker Gates und seine Leute haben offenbar den Weitblick, Messen weiter aufzufassen, weit über das Zählen von „objektiv erfassbarer“ Eigenschaften hinaus. Sie scheinen u.a. eine Feedback-Methode für Unterricht entwickelt zu haben, die zu einer echten Verbesserung eines Schulsystems geführt hat.

… schreibt Bill Gates.

Weiss jemand mehr über dieses Feedback-System? Und seiner Aufnahme an den Schulen? Mich würde es sehr interessieren!

Bologna, der „historische Sieg des angloamerikanischen Studienmodells über das europäische“

Prof. Antonio Loprieno, Ägyptologe und Präsident der Schweizer Rektorenkonferenz: „Es gibt nichts, worin Bologna an sich besser ist. Aber Gesellschaften entwickeln sich, und das Bologna-Modell ist das Resultat einer solchen Entwicklung, nämlich des historischen Sieges des angloamerikanischen Studienmodells über das europäische.“ Quelle: Inverterview von ZEIT-ONLINE, Dezember 2012

Spannend dazu auch die von ZEIT-ONLINE publizierte Zusammenfassung der Dissertation von Barbara Müller: Die Anfänge der Bologna-Reform in der Schweiz. Rekonstruktion, Kontextualisierung und Rezeption des hochschulpolitischen Prozesses aus akteurtheoretischer Perspektive. HEP Verlag, Bern 2012

Wird unser System der Sek II mit den beiden Zügen Berufsbildung und Mittelschulen wohl überleben? Oder wird auch in diesem Bereich das amerikanische Modell (High Schools) „siegen“?

Bedingungen einer funktionierenden Zusammenarbeit

Nik Ostertag schreibt in seinem Rückblick auf das Projekt „Entwicklung, Wissen, Netzwerk“ der Stiftung Arbeitsgestaltung Bedenkenswertes zur Zusammenarbeit verschiedener Anspruchsgruppen, wie sie ja an vielen Baustellen der Berufsbildung angestrebt wird:

„Eine effizient funktionierende Zusammenarbeit setzt eine gemeinsame Sicht auf das Ziel voraus, eine gemeinsame Haltung und eine gemeinsame Kultur. Innerhalb eines solchen Rahmens können dann Lösungen gefunden werden, welche die Bedürfnisse und Beiträge der verschiedenen Mitspieler berücksichtigen – insbesondere der Jugendlichen selber. Ausserhalb eines solchen Rahmens können im besten Fall Steuerungsmassnahmen einzelner staatlicher Stellen eine gewisse Ordnung herstellen. Damit ist allerdings das Zusammenspiel der verschiedenen notwendigen Prozesse noch nicht gewährleistet und die Berufsbildung noch nicht als gesamtgesellschaftliche Aufgabe begriffen.“

Warum besteht jeder die theoretische Fahrprüfung?

Gunter Dueck, während langen Jahren im oberen Kader von IBM tätig und nun viel gefragter Management-Trainer, beschäftigt sich wieder mal mit dem Bildungswesen. Er frägt: „Warum besteht absolut jeder die theoretische Führerscheinprüfung?“ und antwortet: „Weil er WILL – denn es hat Sinn und nützt.“

Daraus leitet er die Forderung ab, die wissenschaftliche Struktur unserer Lehrpläne zugunsten von „Möglichkeit, leidenschaftliches Interesse zu wecken,“ ein bisschen aufzugeben. (Mail vom 3. Dez. 12) In seinem Text zum Thema führt er dann aus:

„Jeder lernt gern, wenn eines oder mehreres vom Folgenden zutrifft:
– Das Gelernte nützt und hilft weiter
– Das Gelernte fesselt die Aufmerksamkeit oder macht Freude oder Spaß
– Das Gelernte eröffnet eine neue Welt des Interesses

Das Problem scheint zu sein, dass ‚da kein System dahinter steckt‘, sonst könnten wir danach vorgehen. Unsere Erziehungssysteme tendieren aber immer mehr dazu, den Erziehungsprozess zu systematisieren und letztlich zu industrialisieren.“

Mir leuchten seine Überlegungen ein, vor allem auch seine im erwähnten Text geäusserten Gedanken, weshalb denn systematisiert wurde und wird. Mit der Einführung von ‚Standards‘ bestimmt immer mehr ein vorgeschriebener Kanon das Lernen und nicht das Interesse der Lernenden.

In der beruflichen Grundbildung galt während Jahrzehnten der Grundsatz, dass im Betrieb gelehrt und gerlernt wird, was bei einer konkreten Aufgabe ’nützt und weiter hilft‘. Seit einigen Jahren wird versucht, detailliert zu erfassen und festzuhalten, welche Qualifikationen ’nützen und weiter helfen‘. Diese werden dann – möglichst systematisch – vermittelt. Gut gemeint – aber damit entsteht auch hier ein Kanon, ein System, bei dem nicht mehr ‚leidenschaftliches Interesse geweckt, sondern die Erfüllung von Vorgaben im Vordergrund steht.

Auch betriebliche Ausbilder müssen immer mehr ‚motivieren‘, was Lehrpersonen seit Jahrzehnten tun, um die Lehrpläne zu erfüllen.

Vom Kapital zur Innovationskraft

Die NZZ hat einen Text von Klaus Schwab, dem Gründer und Leiter des WEF, publiziert, in dem er u.a. ausführt, dass die Bedeutung des Kapitals als wichtigster Produktionsfaktor durch Kreativität und Innovationskraft – also durch menschliche Talente – abgelöst werde. Damit sie – und damit auch die Wirtschaft – sich entfalten können, brauche es bessere Regelungs- und Sicherungssysteme, vor allem für die Kapitalmärkte. Die skandinavischen Länder hätten gezeigt, dass dann „flexible Arbeits- und Kapitalmärkte mit sozialer Verantwortung durchaus vereinbar“ seien.

Diese Überlegungen veranlassen mich zu einigen verwegenen Gedanken.

Durch die Senkung der Zinssätze und die Aufblähung der Geldmenge ist heute Kapital fast gratis und in beliebiger Menge erhältlich, sofern das Verlustrisiko klein ist. (Dieses wird allerdings immer wieder falsch eingeschätzt, was zu kurzfristigen Blasen führt.) Wenn aber die Verfügbarkeit von Kapital nicht mehr der begrenzende Faktor ist, wo liegt er dann? Nach Schwab bei dem Vorhandensein von Kreativität und Innovationskraft. In Tat und Wahrheit sind aber je nach Land bis 50% aller jungen Arbeitskräfte ohne Anstellung, in zunehmendem Masse auch Personen mit guter Ausbildung. Dies scheint mir ein Widerspruch zu sein, vielleicht erklärbar durch folgende Ansätze:
(1) Sehr viele junge Arbeitskräfte verfügen über zuwenig Kreativität und Innovationskraft, trotz ausgedehntem Schulbesuch. Dies kann Folge des Versagens des Bildungswesens sein: Bildung vermittelt Wissen (was dank ICT heute ebenfalls fast unbegrenzt zur Verfügung steht) und nicht Krativität und Innovationskraft um das Wissen einzusetzen. (Peter F. Drucker hat deshalb mehr „Knowledge“ statt Wissen verlangt.)
(2) Es fehlt an Organisationsformen, um die vorhandenen und ungenutzten Talente einzusetzen.

Zur ersten These nur soviel: Die Verbindung von Theorie und Praxis, vermittelt durch Lernen in Schule und Betrieb, dürfte eine alte und in vielen Fällen nach wie vor sehr effiziente Form der Vermittlung von „Knowledge“ sein, wenn man im Sinne von Peter F. Drucker darunter die Kombination von Wissen und der Fähigkeit versteht, dieses aktiv einzusetzen. Dafür spricht die hohe Innovationskraft der Schweiz.

Indiz für das Zutreffen der zweiten These ist die Tatsache, dass die Unternehmen, die in den letzten Jahren am schnellsten gewachsen sind (Microsoft, Google, Apple etc.) aus kleinsten Teams hervorgegangen sind, die es schafften mit einer zündenden Idee viel Kreativität und Innovation auszulösen. Dabei ist hoher Verdienst oft nur ein (angenehmer) Nebezweck – wichtig ist vielen Menschen das Produkt, sei es ein Computerprogramm, sei es Einträge in Wikipedia oder Open Source-Landkarten, seien es Bilder auf Flicker etc.

Vielleicht sind die Jahre nach Beginn der Finanzkrise als den Übergang von einer Kapital gesteuerten Wirtschaft hin zu einer Knowledge-gesteuerten zu beschreiben durch die Entwicklung neuer Strukturen zur Organisation von Talenten. Der Übergang von handwerklicher zu industrieller Fertigung im 19. Jh. wurde möglich durch die Entwicklung von Strukturen zur Abwicklung von Kapitelströmen, genannt „Banken“.

Was kann man an Kompetenzen schlecht finden?

Seit Jahren schätze ich die Beiträge der Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Gabi Reinmann, Professorin für Lehren und Lernen an der Universität der Bundeswehr München, und lese deshalb ihren Blog „E-Denkarium„. Sie erprobt mit grossem Einsatz immer wieder Neues , besonders auch in ihrem eigenen Unterricht. Sie ist zudem äusserst vorsichtig, wenn sie den Eindruck hat, dass zu viele ihrer Kolleg/innen einem neuen wissenschaftlichen ‚Hype‘ nachrennen.

Ein eben erschienener Beitrag behandelt die auch in der Schweizer Berufsbildung verfolgten Mode, Lehrpläne als Kompetenzen zu formulieren. Nachdem ich eben geholfen habe, auf dieser Basis eine Berufsprüfung zu konzipieren und dabei neben den Stärken auh die Schwächen dieses Ansatzes erlebe, nehme ich ihre Frage doppelt ernst und erlaube mir, aus ihrem Text zu zitieren:

„Beim Lesen von Beiträgen zum Kompetenzthema beschleicht mich trotzdem immer so ein zwiespältiges Gefühl. Es stören mich mehrere Dinge, ohne dass ich wirklich genau explizieren könnte, was es ist, das mich stört:

• Vielleicht stört mich der implizit in der „neuen“ Kompetenzorientierung steckende Vorwurf, vor der Kompetenzwelle hätte niemand Interesse am Handeln gehabt, was man so sicher nicht stehen lassen kann.
÷ Vielleicht stört mich aber auch die mit der Kompetenz- und Output-Orientierung verbundene (scheinbare oder tatsächliche?) Abwertung der Inhalte bzw. der Sache, mit der man sich in einem Studium beschäftigt bzw. beschäftigen sollte.
• Damit zusammenhängend stört mich vielleicht auch die sich bei mir einschleichende Befürchtung, dass man in einem „kompetenzorientierten Studium“ vor allem um sich selber kreist und sowohl Inhalte als auch andere Personen letztlich nur Mittel zum Zweck (welchen genau?) werden.
• Vielleicht stört mich darüber hinaus ein impliziter Widerspruch, nämlich der zwischen der Behauptung, dass nun alles Interesse an den Kompetenzen hafte, die als Dispositionen allerdings nicht direkt erkennbar sind, und der Forderung, alles Augenmerk plötzlich auf das sichtbare Verhalten zu lenken, das ja allenfalls ein Indikator für eine Kompetenz sein kann.“

„Markt-Design“ auf den Lehrstellenmarkt anwenden!

Mir war es natürlich klar: Der Lehrstellenmarkt ist ein Markt, bei dem die Verteilungsfrage nicht durch Preise koordiniert werden kann, womit er sich von den klassischen Märkten für Güter und Dienstleistungen unterschiedet. Was ich nicht wusste: In den Wirtschaftswissenschaften ist eine neue Disziplin entstanden, die versucht, Verfahren zu entwickeln um solche Märkte zu optimieren. Jacob Goeree und Konrad Mierendorff haben dieses Jahr in diesem Zusammenhang den Wirtschaftsnobelpreis erhalten. Auf der Basis ihrer Arbeiten ist eine neue Diszplin entstanden, die sich mit „Markt-Design“ beschäftigt und versucht gute Verfahren zu finden, um Märkte zu optimieren, die nicht über Preise ablaufen.

Die NZZ beschreibt im diesbezüglichen Aufsatz ein Beispiel, das demjenigen der Schulabgänger/innen im Lehrstellenmarkt gleicht: „Ein wichtiger Anteil des medizinischen Personals in Krankenhäusern in den USA besteht aus Assistenzärzten, die gerade ihr Medizinstudium abgeschlossen haben. Bis in die fünfziger Jahre war dieser Arbeitsmarkt im Wesentlichen dezentral organisiert, was zu grossen Ineffizienzen führte. Erstens bewirkte der Wettbewerb um die besten Absolventen, dass Krankenhäuser immer früher versuchten, ihre Assistenzarztstellen zu besetzen. Das ging so weit, dass sich Medizinstudenten bereits lange vor ihrem Studienabschluss auf eine Stelle in einem Krankenhaus festlegen mussten. Dadurch entging den Studenten die Möglichkeit, ihre im weiteren Studium erworbenen Qualifikationen zu nutzen, um ihre Bewerbungschancen zu erhöhen. Und sie konnten auch nicht im Laufe des Studiums herausfinden, welche Spezialisierung ihnen am meisten liegt. Auch kam es häufig vor, das Absolventen Stellenangebote erst so spät ablehnten, dass die Krankenhäuser keine Möglichkeit mehr hatten, weitere Angebote zu machen. Diese Art der ineffizienten Verstopfung führte dazu, dass nicht alle Stellen rechtzeitig besetzt wurden.“ (NZZ, 20.12.12, S. 31 und Web-Auftritt)

Für den Lehrstellenmarkt ist mir ein einziger Ansatz von „Markt-Design“ bekannt: das von den Grossbanken vor einigen Jahren ausgehebelte „Gentlemen’s Agreement“, wonach Lehrverträge nicht vor dem 1. November des Vorjahres abgeschlossen werden dürfen. Vielleicht könnte versucht werden, mit diesen Ansätzen der Wirtschaftswissenschaften bessere Formen des Lehrstellenmarktes zu finden! Ein diesbezügliches Postulat wurde eben im NR eingereicht.