Berufsbildung für Erwachsene: Auswertung der Statistiken 2013 und 2014

Die Zahl der Abschlüsse der beruflichen Grundbildung (EFZ, EBA und HMS-Diplome) ist von 2013 auf 2014 um 832 Abschlüsse gesunken. Vordergründig kann dies der Ablösung der HMS-Diplome zugeschrieben werden, die um über 1000 Einheiten gesunken sind. Allerdings ist die Zahl der Abschlüsse bei Personen ab 25 Jahren sogar um rund 1150 Einheiten gesunken, in einem Bereich in dem HMS kaum tätig sind. Offenbar sind in den letzten Jahren wesentlich weniger Erwachsene in Berufslehren aufgenommen worden, denn die Zahl der Abschlüsse nach direktem Zugang zu den QV ist etwas, die Zahl der Abschlüsse nach Validierungsverfahren sogar deutlich gestiegen. Bei letzteren hat sich die Konzentration auf die Kantone Genf und Zürich fortgesetzt.
Dies sind einige Resultate der Auswertung der Statistik „Sekundarstufe II, Berufliche Grundbildung: Bildungsabschlüsse. 2014“ des Bundesamtes für Statistik. Einer Auswertung, die sich vor allem mit den Abschlüssen von Personen ab 25 Jahren, also mit der Berufsbildung für Erwachsene befasst.

Entwicklung der Berufsbildung, kurz zusammengefasst

Die Entwicklung der Berufsbildung in der Schweiz verläuft ja seit 1884 erstaunlich kontinuierlich. Im Zusammenhang mit einer Publikation habe ich den Versuch unternommen, die wichtigsten Linien herauszuarbeiten, deren Kenntnis für das Verständnis der heutigen Situation erforderlich sind, vgl. hier. Ältere Versuche zur Geschichte der Berufsbildung sind unter anderem die „Meilensteine“ und die Schrift „Entwicklung der Berufsbildung“ aus dem Jahr 1978.

Berufsbildung für Erwachsene

Seit bald zehn Jahren beschäftigen wir uns mit der Berufsbildung für Erwachsene. Seit einiger Zeit ist das Projekt „ZweiteChance“ unser wichtigstes Arbeitsgebiet. Es befasst sich mit der Förderung der über 600’000 Einwohner/innen der Schweiz im Alter von 25 bis 64 Jahren, die nach der obligatorischen Schulzeit keine weitere Ausbildung abgeschlossen haben.
Ich werde in Zukunft in diesem Blog immer mal wieder auf Resultate aus diesem Projekt hinweisen und über Vorkommnisse orientieren,die sich mit der Thematik befassen.

2015 haben wir unter anderem folgende Recherchen abgeschlossen und auf der Website der Firma publiziert:

Ein erfolgreiches Modell aus Österreich: «Du kannst was!»
Die Entwicklung und der heutige Stand der rechtlichen Grundlagen der Berufsbildung für Erwachsene
Das einschlägige Angebot von Hotel&Gastro formation Schweiz
Warum Berufsbildung für Erwachsene? Ein Argumentarium
An wen richtet sie sich? Wichtige Zielgruppen einer Förderung
Eidgenössisch anerkannte Abschlüsse (EFZ, EBA) sind nicht die einzigen Möglichkeiten beruflich voranzukommen: Alternativen
Berufsbildung für Erwachsene im Detailhandel
Vorbildliche Angebote im Kanton Solothurn
Validierungsverfahren – eine Erfolgsgeschichte (Informatikerin EFZ)

UPDATE:
Weitere Darstellungen finden Sie unter www.ZweiteChance/Angebote

Entstehung der „Lernpiloten“, einer weit entwickelten Form der Lernstätten

In der neuen Fassung des Buches „Berufsbildung in der Schweiz“ wird sowohl im Abschnitt über die Grundbildung im Grossbetrieb als auch in demjenigen über die Simulation auf den „Lehrpilot“ von aprentas Bezug genommen, einer speziell für die Ausbildung eingerichteter Fabrik, in der die angehenden Chemie- und Pharmatechnolog/innen EFZ einen grossen Teil ihrer Ausbildung absolvieren: Im kleinen Massstab und mit weniger wertvollen Substanzen erlernen sie die Ausführung von Grundfunktionen wie filtrieren, destillieren, rühren, extrahieren. Es ist dies eine besonders weit entwickelte Form der Simulation als Vorbereitung auf die Arbeit ‚on the Job‘, also in der Produktion.

Dieser Tage wurde ich auf zwei 1946 und 1952 entstandenen Aufsätze aufmerksam gemacht, die zeigen, dass diese Form der Simulation bereits Mitte des letzten Jahrhunderts entstanden ist, als Hilfsmittel zur Ausbildung des „Chemiehandwerkers“, später Chemikant genannt und heute „Chemie- und Pharmatechnologe EFZ“. Schon damals kamen die Lernenden erst gegen Ende der Lehrzeit in die Produktion, was allerdings nicht nur didaktisch, sondern mindestens so sehr arbeitsrechtlich bedingt war.

Quelle: ChemieXtra, Ausgaben 5/2014 und 7-8/2014, Download (mit zeitgenössischen Bildern)

Berufsbildung jenseits des BBG

Wir sind ja stolz auf unsere Berufsbildung – und vergessen dabei meist, dass es jenseits der durch das Berufsbildungsgesetz geregelten Bildungsgänge weitere Formen der Berufsbildung gibt, die sich durchaus sehen lassen können. Im neuen Buch von Evi Schmid, Philipp Gonon und mir haben wir einige davon beschrieben.
In den letzten Wochen habe ich mich noch etwas tiefer mit besonders kurzen Ausbildungen befasst, die als Alternative zu den BBG-geregelten Grundbildungen in Frage kommen, wenn ein Erwachsener eine berufliche Ausbildung erwerben will. Manche Interessierte fühlen sich ja vom Aufwand für den Erwerb eines EBA oder gar eines EFZ überfordert und könnten in diesem Bereich eine Möglichkeit für eine „Zweite Chance“ finden.
Die gute Kunde: Es gibt eine rechte Zahl von kürzeren Ausbildungen für Erwachsene. Einige können als in sich abgeschlossene und als solche für sich wertvolle Teile einer Vorbereitung auf ein EFZ besucht werden. Andere stellen Alternativen dar, die dank modularem Aufbau zu anspruchsvollen beruflichen Qualifikationen führen können.
Die schlechte Kunde: Manche Angebote sind den Aufwand nicht wert: Sie führen zwar zu wohlklingenden Abschlüssen, vermitteln aber Qualifikationen, für die kein Markt besteht – ausser als Ausbilder/in für andere Interessierte – es sind Schneeballsysteme im Bildungswesen.

Gleichartig statt gleichwertig?

Prof. Dieter Euler hat im neuen „folio“ (einmal mehr) einen interessanten Denkanstoss gegeben: Die Einsatzgebiete von Absolvent/innen beruflicher Bildungswege würden sich von denjenigen akademischer Studien in manchen Feldern kaum noch unterscheiden. Die Abgrenzungsformel „Gleichwertig, aber nicht gleichartig“ erweise sich immer mehr als Beschwörungsrhetorik statt als Beschreibung der Wirklichkeit. Euler nennt als Beispiel die Ausbildungen von Dipl. Pflegepersonen (Höhere Fachschule) und von BSc in Pflege (Fachhochschulen). Mir fallen dazu auch Ausbildungen in den Bereiche Gestaltung, Informatik, Architektur ein.

Interessant auch ein Schluss, den er daraus zieht: Weshalb ist der Zugang zu Fachhochschulen ausschliesslich über zusätzliche Allgemeinbildung möglich, nicht auch über zusätzliche berufliche Bildung?
Dazu ein Blick über die Grenze: In vielen deutschen Bundesländern eröffnet ein Meisterdiplom ebenfalls den Zugang zu Universitäten, nicht nur ein Abitur. Österreich kennt wie die Schweiz die Berufsmaturität. Sie basiert dort jedoch auf einer Kombination von zusätzlicher Allgemeinbildung und zusätzlicher Berufsbildung.

Eine Übungsfirma im 18. Jh. zur Ausbildung der Obrigkeit

Franz Kehl hat mich darauf aufmerksam gemacht: Im Bern des 18. Jh. gab es eine Art Übungsfirma (Lehrwerkstatt) für die Ausbildung der Stadtverwaltung, den „Äusseren Stand“. 1728 bis 1730 wurde dafür sogar ein Haus gebaut, das Rathaus an der Zeugenaussage 17. Hier ein Auszug aus der Darstellung dieser „Politischen Schule“, entnommen der Website des heute dort untergebrachten Restaurants (übrigens sehr zu empfehlen!):

„Der «Äussere Stand» war eine Vereinigung, die als Schattenstaat den «Inneren Stand», also die Obrigkeit der Republik Bern, imitierte.
Der Sinn dieser Einrichtung bestand darin, die jungen Bernburger vor ihrem eventuellen Eintritt in die Räte auf ihre Amtstätigkeit vorzubereiten. Der Aufbau des Äusseren Standes entsprach in allen Einzelheiten der Organisation der richtigen Staatsverwaltung, so dass Wahlvorgänge, Rechnungsablagen, politische Ansprachen, Gerichtstätigkeit und Bauverwaltung geübt werden konnten. In spielerischer Nachahmung wurden alle Ämter besetzt. An der Spitze stand der Schultheiss, der sowohl den Kleinen wie den Grossen Rat leitete. … Mit dem Bau eines eigenen Rathauses manifestierte sich der Äussere Stand mit einem eleganten Bauwerk im Stadtbild von Bern.“

Wir (Evi Schmid, Philipp Gonon und ich) haben der Simulation als Element der beruflichen Bildung in unserer neuen Darstellung der Berufsbildung in der Schweiz ein eigenes Kapitel gewidmet. Erstaunlich, wie hoch sie bereits im 18. Jh. in Bern entwickelt war!

Das Handwerk Deutschlands kämpft um leistungsfähige Jugendliche

Ja, machen die Schweizer KMU auch. In Deutschland ist der Kampf wohl noch etwas härter: 50% aller Jugendlichen erwerben ein Abitur.

Hier einige Auszüge aus einem Interview mit Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer (Quelle):

Was bieten Sie an Karrieremöglichkeiten im Handwerk?

Wollseifer Der „Markenkern“ des Handwerks sind die duale Ausbildung und der Meisterbrief. Dazu gibt es auf allen Stufen Zusatzqualifikationen, Spezialisierungsangebote und Fortbildungen. Darüber muss künftig in allen Schulformen informiert werden – diese Berufsorientierung unterstützt auch Bundesbildungsministerin Wanka. Denn wir brauchen alle – den Hauptschulabsolventen wie den Abiturienten.

50 Prozent aller Kinder machen Abitur, die allermeisten wollen anschließend studieren. Gehen dem Handwerk hier Generationen verloren?

Wollseifer Dass sich so viele hohe Ziele setzen, ist ja ein gutes Zeichen. Hier muss die berufliche Bildung aber viel stärker in den Fokus rücken – auch hier findet höhere Bildung statt! Wir brauchen doch beides: gute Akademiker und gute Fachkräfte, die beruflich qualifiziert sind. Bachelor und Meister stehen auf Augenhöhe. Um mehr leistungsstarke Schulabgänger für das Handwerk zu gewinnen, werden beispielsweise das duale und das triale Studium angeboten.

Wie funktioniert das?

Wollseifer Duales Studium bedeutet: Ich mache meine Berufsausbildung im Betrieb und studiere parallel, erwerbe so Gesellenbrief und Bachelor. In Köln ist das triale Studium gestartet, das jetzt bundesweit Karriere macht: Hier kommt der Meisterbrief als dritter Abschluss hinzu, innerhalb von viereinhalb Jahren. Diese leistungsstarken jungen Leute sind im Handwerk höchst gefragt. In den nächsten zehn Jahren werden 200 000 Handwerksbetriebe an Nachfolger übergeben. Für die Übernahme sind diese Absolventen prädestiniert.

Eine Lehre ist in der Gesellschaft immer noch weniger gut angesehen als ein Studium …

Wollseifer Dagegen wollen wir eine „höhere Berufsbildung“ setzen. Erstes Ziel ist ein duales Gymnasium, das technisch oder wirtschaftlich orientiert ist. Mir schwebt ein „Abitur plus“, mit Berufsabschluss, für die Absolventen vor. Es gibt in Brandenburg, Baden-Württemberg und Bayern bereits solche Schulen. Wir wollen das jetzt zusammen mit Bund und Ländern als Leuchtturmprojekt auf den Weg bringen. Denn wir müssen den Jugendlichen Angebote unterbreiten, die attraktiv und gesellschaftlich anerkannt sind.

Was tun Sie für Studienabbrecher?

Wollseifer Wir arbeiten bereits stärker mit den Universitäten zusammen. Gemeinsam kümmern wir uns um Studienaussteiger, bieten ihnen berufliche Karrieren als Alternative an. Dazu gehört eine verkürzte Ausbildung in Kombination mit einer Fortbildung, etwa dem Meisterabschluss. Dabei werden ihre bisherigen Studienleistungen teilweise anerkannt. Wir vergessen aber auch junge Leute nicht, die Unterstützung brauchen – für sie wird es künftig 10 000 Plätze in assistierter Ausbildung geben.

3D-Drucker verändern die Arbeitswelt, die Berufsbildung und vielleicht sogar die Berufspädagogik

Die Entwicklung der Berufsbildung wird durch Veränderungen der Arbeitswelt determiniert, mehr noch als durch Veränderungen des Bildungswesens (hier).
Die wichtigste Entwicklung in der Arbeitswelt dürfte in nächster Zeit das Aufkommen der 3D-Drucker sein.

Wer nicht in einschlägigen Bereichen arbeitet erlebt die 3D-Drucker als Spielzeug, als Gadget für Nerds. 3D-Drucker können aber nicht nur Figürchen aus Plastik drucken, sondern auch komplizierte Werkstücke aus Titan und anderen Hochleistungswerkstoffen, vgl. hier. Die dafür nötigen Maschinen kosten heute ähnliche Beträge wie kleinere Fertigungszentren (6-stellige Frankenbeträge). Ihre Anschaffung ist somit für spezialisierte KMU möglich, wobei eine rasche Abschreibung einberechnet werden muss.

3D-Drucker ersetzen in erster Linie spanabhebende Bearbeitungsverfahren, treten aber auch an die Stelle gewisser Gussverfahren und können Schweisskonstruktionen ersetzen. Sie haben somit einen grossen Einfluss auf die Ausbildung von Polymechanikern und anderen MEM-Berufen.

Der Einfluss geht aber über den Wechsel von einem Fertigungsverfahren zum andern hinaus. Er ermöglicht grundsätzlich neue Vorgehensweisen, wie der oben verlinkte Beitrag zeigt, ist also auch bedeutungsvoll für Ausbildungen auf der Tertiärstufe. Ja, er stellt sogar für die Berufspädagogik neue Fragen:

Eduard Käser, stellt in seinem Aufsatz im Journal21 die Arbeit mit 3D-Druckern in Beziehung zur alten Diskussion über die Ablösung der Handarbeit durch Maschinen. Er berücksichtigt dabei die klassischen Bemühungen wie das Arts-and-Crafts-Movement, aber auch Bewegungen der Gegenkultur, wie sie in der 2. Hälfte des 20. Jh. verbreitet waren. Die neuste Welle sieht er im Maker Mouvment, wozu wohl auch die Repair Cafés zu zählen sind, die ja auch den 3D-Drucker erfolgreich einsetzen.

Manche Autoren erwarten mit dem Aufkommen der 3D-Drucker, die ja auf die Produktion von Einzelstücken ausgerichtet sind und der Gestaltung neue Möglichkeiten öffnen, eine neue Welle von Handwerk oder sogar Kunsthandwerk. Eduard Kaiser vertritt im Gegensatz dazu die Auffassung, die Arbeit mit 3D-Druckern sei eher als Gegensatz zur handwerklichen Arbeit zu verstehen: „Der 3D-Drucker markiert also im Grunde einen neuen Höhepunkt in der Trennung von Kopf und Hand. Radikaler als zuvor nimmt er uns das Machen aus den Händen.“

Vorausgesetzt, der 3D-Drucker bewirkt die Entstehung einer neuen Fertigungsform und -organisation, wie die Informatik die Bürowelt verändert hat – ich glaube, dass dem so ist – dann darf sie nicht als ein „Zurück zum Handwerk“ verstanden werden, sondern eher als das Gegenteil. Spannend sind in diesem Zusammenhang auch Überlegungen, die in Deutschland unter dem Schlagwort „Industrie 4.0“ angestellt werden, die eine „Neuordnung der Arbeitswelt“ erfordere.

Mit Nachwuchskampagnen Jugendliche werben – mehr vom Gleichen.

Verschiedene Branchen leiden unter Nachwuchsmangel. Die Zahl der Jugendlichen ist begrenzt und sinkt in manchen Regionen weiter. Anderseits will die Wirtschaft wachsen. Deshalb wird versucht, Jugendliche mit raffinierter Öffentlichkeitsarbeit auf einen wenig gesuchten Beruf aufmerksam aufmerksam zu machen. Die Metzger haben dieser Tage eine solche Kampagne gestartet. Wenn sie gross genug ist bringt sie sicher etwas – mindestens für die beteiligten PR-Büros. Und sicher hat sie noch grössere Werbekampagnen für andere Berufe zur Folge.

Man könnte auch versuchen, andere Wege zu gehen, statt immer ausgefeiltere Werbekampagnen zu entwickeln. Zum Beispiel in dem man den Nachwuchs bei Erwachsenen sucht, statt bei Jugendlichen.
.
Die Pflästerer sind eine Branche, die diesen Weg bereits gegangen ist. Die Zahl der Pflästerer-Lehrlinge sank vor einigen Jahren auf weniger als 10 pro Jahr. Heute decken sie ihren Nachwuchsbedarf zum grossen Teil durch die Ausbildung von Erwachsenen statt von Jugendlichen.

In der Schweiz arbeiten über 600’000 Männer und Frauen, die älter als 24 Jahre sind und nie eine Berufslehre oder eine Mittelschule abgeschlossen haben. Manche von ihnen verfügen durchaus über die nötige Kapazität um noch einen Beruf zu erlernen und sind auch interessiert, vorwärts zu kommen. Das Berufsbildungsgesetz sieht spezielle Wege für Erwachsene vor, die eine Grundbildung nachholen möchten. Sie werden kaum benutzt, den in der Praxis sind grosse Hindernisse zu überwinden. Jährlich erwerben deshalb nur 3000 Personen über 25 Jahren einen ersten Berufsabschluss. Seit kurzem sind nun aber verschiedene Initiativen im Gange, um die vorgesehenen Wege auch wirklich begehbar zu machen, unter anderem unsere Initiative «ZweiteChance».

Die Schweizer Berufsbildung richtet sich in erster Linie an Jugendliche. Anderseits gibt es viele Erwachsene, die weiter kommen möchten. Weshalb nicht hier ansetzen? Vor allem Branchen mit einem einem hohem Anteil an Un- und Angelernten kommen dazu in Frage. Zum Beispiel die Gipser, wo der Anteil der Angelernten 90% beträgt!

Allerdings ist dazu ein geeignetes Setting notwendig, umfassend einen auf Erwachsene ausgerichteten Unterricht und einige andere Vorkehrungen. Dies gibt Aufwand, PR-Kampagne aberauch. Und die Erfolgsaussichten dürften grösser sein, wenn man sich an Erwachsene wendet, statt wie alle andern an Jugendliche. Ganz abgesehen davon, dass Erwachsene, die noch eine Berufsausbildung machen, diesem Berufsfeld langfristig treu bleiben werden.

Man kann das gleiche machen wie andere, nur größer und besser. Oder man kann nach anderen Wegen suchen, ein Problem zu lösen. Schön, wenn man zwischen verschiedenen Möglichkeiten wählen kann, nicht wahr?

Lehre und Gymi

Seit einiger Zeit finden auf Initiative des MBA Zürich Veranstaltungen für Eltern statt, bei denen es um den Entscheid geht, ob ihr Sohn, ihre Tochter eher in eine Berufslehre oder ein Gymnasium eintreten sollten. Während mehreren Jahren habe ich jeweils im Auftrag des Zürcher MBA das Impulsreferat gehalten. Nun wurde anhand des Inhalts dieser Referate ein 12 Minuten dauerndes Video erstellt, das in professioneller Weise diese Thematik darstellt. Es soll in erster Linie im Rahmen von Veranstaltungen zur Berufswahl eingesetzt werden.

Für mich ein äusserst erfreulicher Abschluss dieses Einsatzes!

Akademisierungsfalle – Stimme aus Deutschland

In Deutschland hat Julian Nida-Rümelin, „einer der renommiertesten Philosophen“ sich zum „Akademisierungswahn“ geäussert. Einem Vortrag (hier als PDF, hier als mp3) entnehme ich, folgende Informationen:

Fast 50% eines Jahrgangs haben heute eine „Hochschulzugangsberechtigung“. 20% von ihnennehme kein Studium auf. In Frankreich erreichen heute 75% ein Baccalaureat. Es ist aber zu beachten, dass Frankreich „ein ganz anders geartetes Hochschulsystem“ hat als Deutschland und „ein Bachelor-Studium in den USA hat mit einem wissenschaftlichen Studium in Europa nichts zu tun. Das ist eine Art gymnasiale Oberstufe mit Wahl- und gegen Ende gewissen Spezialisierungsmöglichkeiten. Sie ist eingerichtet worden, um ein wissenschaftliches Studium zu ermöglichen, auf ein wissenschaftliches Studium hinzuführen.“

„Das Bundesinstitut für Berufliche Bildung ist in einer Abschätzung der Bedarfe zwischen 2010 und 2030 (…) zu dem Schluss gekommen, dass wir im Bereich der Facharbeiterschaft, also der Bereiche, die eine berufliche Ausbildung, aber kein Studium erfordern, einen Fehlbedarf haben, der über all diese Jahre nicht gedeckt sein wird, von deutlich über 4 Millionen Menschen [und] (…) dass es im Bereich der akademischen Berufe keinen Mangel geben wird, ja sogar einen Überhang von mehr als 1 Million.“ Im MINT Bereich sei ein riesiger Deckungsbedarf zu erwarten, aber nicht bei den akademischen, sondern bei den nicht-akademischen MINT-Berufen.

Immerhin: „Für Menschen, die ein Studium abgeschlossen haben, wird es auch in Zukunft wahrscheinlich nur selten ein Problem geben, Arbeit zu finden, aber eben nicht in den Berufen, die ihrer Ausbildung angemessen sind. (…) Es gibt Untersuchungen, dass ein Gutteil der Absolventen akademischer Studiengänge weniger als den [in Zukunft gesetzlich vorgeschriebenen] Mindestlohn erhalten.“ Unter anderem als Lehrbeauftragte.

Zum Lebenseinkommen: „Es ist eine Lüge zu behaupten, dass ein Studium ein höheres Einkommen mit sich bringt. Es hängt davon ab, was man studiert hat. Tatsächlich verdienen z. B. Absolventen geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlicher Fächer im Durchschnitt weniger als Fachkräfte aus nichtakademischen Berufen – Bankfachleute, Maschinenbautechniker, Industriemeister, Elektrotechniker, Bautechniker usw. „

Als die Zukunft noch Zukunft hatte

Peter Glaser («Glaserei») hat in seinem Blog in der NZZ wieder einen eindrücklichen Post publiziert:
«IN DEN Fünfzigerjahren hatte die Zukunft noch Zukunft. Alles Künftige lag klar, strahlend und erfreulich vor den Instrumenten des Fortschritts. Probleme waren lösbar. …»
Das war die Zeit meiner Kindheit. Meine Lieblingslektüre war die deutsche Zeitschrift «Hobby», die sich mit dem technischen Fortschritt befasste. Ich war überzeugt, als Erwachsener den Arbeitsweg mit meinen privaten Helikopter zurück zu legen.
Glaser stellt diese Zeit dar, spannend vor allem seine Hinweise auf die Erwartungen an die künstliche Intelligenz.

Ja damals hatte die Zukunft noch Zukunft und die Probleme waren lösbar. Rückblickend können wir feststellen, dass es vielleicht besser ist, dass gewisse Probleme nicht gelöst worden sind. Sonst hätten wir heute noch einige Probleme mehr.

PS.
Ich habe damals ja meinen Traum realisiert und bin Ingenieur geworden. Dank einigen guten Professoren (Wiesmann, Dänzer, Biäsch) und Peter F. Drucker habe ich noch rechtzeitig festgestellt, dass die Zukunft, wie ich sie mir vorstelle, eher über die Gestaltung der Arbeitswelt zu erreichen ist als durch den Maschinenbau, so sehr dieser auch fasziniert, vgl. mein Aufsatz zu Peter F. Drucker (S. 3)

Sekundarstufe I 2005 und 2012

Bei der Gestaltung der Sekundarstufe I hat sich ja die Kreativität der kantonalen Bildungspolitik in einer Art geäussert, die Eltern, Lehrbetrieben und vor allem die Schüler/innen selbst immer wieder vor Probleme stellt. Mitarbeitende des Bundesamtes für Statistik erstellen in verdankenswerter Arbeit jedes Jahr eine Übersicht, vgl «Bildungslandschaft Schweiz». Für eine Publikation habe ich, basierend dieser Basis 2005 eine Grafik erstellt (hier), die ich nun anhand der Daten 2012 aufaddiert habe (hier), vgl. unten.
Vielleicht interessiert’s jemanden …
407 Sek I Schultypen 2012

Fachkräfteüberfluss

Gestern sprach ich mit einer jungen Frau, die eben eine Ausbildung für Umweltbildung an der ZHAW Wädenswil abgeschlossen hat und auf Stellensuche ist. Sie möchte das erworbene Wissen umsetzen können und berichtet, es seien durchaus einschlägige Stellen ausgeschrieben. Aber auf jede meldeten sich 200 bis 300 Bewerber/innen, darunter viele Biologen und Geographen mit Masterabschluss einer Universität.
Bei einem Stoss von 300 Bewerbungen erfolge dann verständlicherweise zuerst eine grobe Selektion an einem einfachen Kriterium und das sei eben der Bildungsabschluss und allenfalls noch der Umfang der einschlägigen Erfahrung. Mit ihrem Bachelor und beschränkter Erfahrung werde ihre Bewerbung bereits in diesem Stadium ausgesondert. Sie meldet sich nun auch auf Stellen mit Anforderungen, die – so sagt sie – eine gute kaufmännische Angestellte auch bewältigen würde. Kolleginnen von ihr hätten bereits drei oder vier Praktika absolviert, bei denen sie nur ein Taschengeld verdienen. Sie könne sich das nicht leisten, sie müsse zuerst Darlehen zurück zahlen, die sie aufgenommen habe um studieren zu können.
Vor einiger Zeit hatte ich Kontakt mit einer andern jungen Frau, die an der Luzerner FH Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Non-Profi-Organisationen studiert hat. Sie suchte längere Zeit vergeblich nach einer Stelle, trotz Abschluss mit Spitzennoten und bekam dann – dank ihrer Berufslehre als Polygraphin – ein Praktikum, gefolgt von einer zeitlich begrenzte Anstellung als Webmasterin in der Bundesverwaltung. Erst nach mehreren Jahren ohne niveaugerechter Tätigkeit hat sie nun, dank überzeugendem Auftreten, eine ihrer Ausbildung angemessene Stelle bei einer Stiftung erhalten.

Fachkräftemangel?

Viele junge Menschen suchen heute Arbeit, die sie als sinnvoll für die Umwelt, für die Menschen, für die Gesellschaft erachten. In diesen Bereichen herrscht kein Fachkräftemangel! Dies beweist auch der Lehrstellenmangel bei Pflegeberufen und der Numerus clausus der Fakultäten für Medizin und Tiermedizin.

Übrigens ein Überfluss, den neben Architekten, Beratungsbüros und Werbeunternehmen auch staatliche Stellen nutzen, um ihren Arbeitskräftebedarf budgetgünstig zu decken. Zulasten hochqualifizierte junger Erwachsener.

Prezi zu einer Didaktik der beruflichen Bildung

Andreas Sägesser arbeitet zusammen mit Kolleg/innen seit Jahren an einem Konzept zur Förderung des Kompetenzentwicklung von Berufslernenden, das dem Selbstlernen grosse Bedeutung zumisst. Unter dem Titel «KoRe Landschaft Didaktik der beruflichen Bildung 1» hat er dazu ein Prezi publiziert, umfassend grafische Darstellungen, Videos und kleine Vorträge, die seine Vorstellungen in einer neuen Form zugänglich machen.

Ich versuche seit einiger Zeit, den Arbeiten dieser Gruppe zu folgen, denn ich empfinde sie als sinnvolle Umsetzung des Kompetenz-Konzeptes. Die erwähnte Präsentation ist zudem die erste Anwendung von Prezi, der Alternative zu PowerPoint, die mich fasziniert. Prezi – so angewandt – kann wirklich eine Alternative der öden PowerPoint-Darstellungen sein!

Ich muss mich aufmachen, dieses Tool zu lernen …

Man tagt. Man vergleicht.

Über die SwissSkills in Bern (17. bis 21. September 14) und den „Erster Internationaler Berufsbildungskongress“ in Winterthur (15. bis 18. September 14) wurde ausführlich berichtet. Gleichzeitig tagte man auch in Deutschland:
Am 18. und 19. September fand der 7. Kongress des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) statt. Motto: Berufsbildung attraktiver gestalten – mehr Durchlässigkeit ermöglichen. Es wird berichtet: „Das BIBB konnte [neben vielen Deutschen] knapp 100 Gäste aus rund 35 Ländern von vier Kontinenten sowie Vertreterinnen und Vertreter von internationalen Berufsbildungsorganisationen wie CEDEFOP, ETF und UNESCO-UNEVOC als Kongressteilnehmende begrüßen.“
Das nennt man konzertierte Aktion zur Förderung der Berufsbildung. Oder war es Zufall?

Persönlich interessierte mich am meisten folgender Bericht aus Berlin: „Bund und Länder haben sich im vergangenen Jahr auf den Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) geeinigt. Nach den im DQR vereinbarten Richtlinien können erstmals unterschiedliche Abschlüsse verglichen und bewertet werden. Die Abschlüsse Bachelor, Meister oder Techniker entsprechen gleichermaßen dem DQR-Niveau 6.“ Quelle
Bin ja gespannt, ob unsere Techniker HF und unsere eidg. dipl. Meister auch mit den Bachelors von FHS und Universitäten in die gleiche Schublade des Schweizer „NQR“ eingeteilt werden.

Grossmehrheitlich englischsprachige Berufslehren für Kaufleute und Informatiker

Ab Sommer 2015 wird die Berufsbildung im Kanton Zug durch zwei neue Angebote ergänzt. Motivierte Jugendliche können die kaufmännische Lehre oder eine Lehre im Bereich Informatik bald zum Grossteil in Englisch absolvieren.
Im kaufmännischen Bereich und in der Informatik entstehen als Zuger Pilotprojekt eidgenössisch anerkannte Berufslehren, die an allen drei Lernorten grossmehrheitlich in englischer Sprache durchgeführt werden.
Wie wird wohl das Qualifikationsverfahren gestaltet, das in einer Landessprache durchgeführt werden muss?
Mehr zu diesem Pilotversuch: Website des Kantons Zug

Förderung von Leistungsstarken in Deutschland: AusbildungPlus

Die „Duale Berufsausbildung mit Zusatzqualifikationen“ soll die Berufslehren für leistungsstarke Lernende attraktiver machen. Herzstück ist die Datenbank „AusbildungPlus“ des BIBB – beruhend auf freiwilligen Anbieterangaben. 2013 waren in der Datenbank rund 2.300 Zusatzqualifikationen mit insgesamt rund 85.000 teilnehmenden Auszubildenden verzeichnet. Zusatzqualifikationen richten sich an Jugendliche, die ihre duale Berufsausbildung durch Inhalte ergänzen möchten, die über die Mindestanforderungen der Ausbildungsordnung hinausgehen oder branchenspezifische Qualifikationen abdecken, zum Beispiel „Fachberater/-in für den fairen Handel“ (Dauer: 120 Stunden) für angehende Einzelhandelskaufleute und Verkäufer/-innen oder „Betriebsassistent/-in im Handwerk“ (500 Stunden) für Handwerker.