Misst PISA Qualifikationen oder Motivationen?

Dieser Tage habe ich sie wieder einmal gehört, die Klage über die ungenügenden Deutsch- und Rechenkenntnisse (60%), die – gemäss PISA – so weit gehen, dass eine rechte Minderheit (17%) nicht in der Lage ist, einen einfachen Text zu lesen und zu verstehen.

Ich erinnere mich dann jeweils an einen Besuch in einer geschützten Werkstätte vor einigen Jahren. Sie beschäftigte Erwachsene mit so geringer Intelligenz, dass sie in der freien Wirtschaft keine Arbeit fanden. Viele von ihnen fuhren mit dem eigenen Auto zur Arbeit. Ja, sehr viele der Beschäftigten hätten die Fahrprüfung abgelegt, erfuhr ich von der Leitung der Werkstätte.

Wenn die Motivation gross genug ist, dann sind plötzlich Leistungen möglich, die man nicht erwartet. Und umgekehrt. Wie kämen wohl die PISA-Tests heraus, wenn der Erwerb der Fahrerlaubnis von den dort gezeigten Leistungen abhängen würde? Wir gehen bei Tests immer davon aus, dass sie zeigen, was jemand kann. Vielleicht misst PISA weniger die Lesefähigkeit als die Bereitschaft, sich unfreiwillig testen zu lassen. Wie kämen wohl die PISA-Tests heraus, wenn von den dort gezeigten Leistungen der Erwerb der Fahrerlaubnis abhängen würde?

Eigentlich wissen wir es seit langem: Eine Leistung ist nicht nur von den Qualifikationen sondern auch von der Motivation eines Menschen abhängig. Wir gehen bei Tests immer davon aus, dass sie zeigen, was jemand kann. Vielleicht zeigen sie manchmal eher, was jemand können will. Die Annahme, dass jeder Prüfling sein Bestes gibt, wenn er aufgefordert wird, sich einem Test zu unterwerfen, muss hinterfragt werden.

Update
In der „NZZ am Sonntag“ vom 29. Januar zitiert Prof. Thomas Jahnke, ein Kritiker der PISA-Tests, Joachim Wuttke: „Allein schon unterschiedliche Schülermotivation kann, amerikanischen Studien zufolge, mit 50 oder mehr Punkten durchschlagen“, entsprechend dem Lernfortschritt von zwei Schuljahren. „In Seoul wird vor der Testung die Nationalhymne gesungen; in Hamburg geben die ersten Schüler nach fünf Minuten ab.“ (NZZaS, 29. Januar, S. 60)

Update 2
In einem Blog-Post von Nik Ostertag (Link leider nicht mehr gültig) habe ich eine interessante Betrachtung gelesen, wie Jugendliche reagieren, wenn sie ein Formular auszufüllen haben. Dürfte auch für Fragebogen zutreffen!