Mangel an ICT-Fachleute differenziert gesehen

Die neue OdA „ICT-Berufsbildung Schweiz“ hat zwei Studien zum künftigen Bedarf an ICT-Fachleute durchführen lassen. Der bekannte Mangel an einschlägigen Fachleuten wurde bestätigt und mit 32’000 Personen bis 2017 präzisiert, wie der Medienmitteilung entnommen werden kann. Das Studium der beiden Berichte zeigt interessante und – für mich – teilweise unerwartete Ergebnisse.

Personalmangel variiert nach Betriebsgrösse und Landesgegend.

Gemäss dem Bericht der Akademie Frey AG sind nur zwei Drittel der Personalverantwortlichen von ICT-Betrieben der Meinung, es herrsche ein Personalmangel beim ICT-Fachpersonal. Vor allem Kleinbetriebe haben offenbar diesbezüglich wenig Sorgen:
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Die Genferseeregion (Région lémanique) und das Tessin gehen – allerdings bei tiefen Fallzahlen – sogar von einem Angebotsüberhang an ICT-Fachkräften aus. Es bleibt offen, ob dies mit der Wirtschaftsstruktur, mit dem Bildungssystem oder mit anderen Besonderheiten dieser Regionen zu tun hat.

Mit dieser Differenzierung soll aber keinesfalls die Bedeutung der zentralen Aussage relativiert werden: Wir bilden viel zu wenig ICT-Fachleute aus, auch wenn ein Drittel der Betriebe den Bedarf (noch?) decken kann!

Höhere Berufsbildung hoch im Kurs

Folgende Grafik zeigt, welches Ausbildungsniveau die gesuchten Fachleute aufweisen sollten:

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Eindrücklich ist für mich die Bedeutung der Höheren Fachschulen. Wie in anderen Bereichen hat sie den Berufs- und höheren Fachprüfungen den Rang abgelaufen. Weiter eindrücklich ist die quanititativ sekundäre Bedeutung der Hochschulen, die von der öffentlichen Hand ein Vielfaches an finanziellen Mitteln erhält im Vergleich zur höheren Berufsbildung.

Gehen wir mangels genaueren Angaben davon aus, dass von die Hochschulabsolvent/innen je zur Hälfte eine FHS bzw. eine universitäre Hochschule besucht haben, nehmen wir weiter an, dass die Studierenden der FHS in der ICT zum grössten Teil aus der Berufsbildung stammen, so sehen wir, dass 84% der bis 2017 gesuchten 32’000 Fachleute eine Berufslehre durchlaufen sollten! 2009 haben 1383 Personen ein EFZ als Informatiker/in erworben.

Bedeutung der Quereinsteiger

Diese Zahlen zeigen, dass der Bedarf sicher nicht ausschliesslich aus der ICT-Grundausbildung gedeckt werden kann. Stellt man nicht von vornherein auf die Immigration ab, bleibt nur der Einsatz von Personen mit einer anderen Grundbildung übrig. Hier zeigt der Bericht von B,S,S. eine interessante Grafik:
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Danach sind heute rund zwei Drittel aller ICT-Beschäftigten Quereinsteiger. Dies wird sich angesichts obiger Zahlen wohl kaum ändern. Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass das Schweizer Bildungswesen geeignete Bildungsangebote anbietet. Die Pionierzeit der Informatik, in der sich sehr viele autodidaktisch einbearbeitet, dürfte vorbei sein. Ob Chemikerin, Soziologe, Pflegefachfrau oder Verkäufer – wer in der ICT vorwärts kommen will, braucht eine Ausbildung, die über den Erwerb einiger Zertifikate hinaus geht. Solche Angebote sind bestenfalls im Rahmen der Vorbereitung auf Berufs- und höherer Fachprüfung zu finden, ein Bereich, der leider auch in diesem Bereich der Arbeitswelt offenbar an Bedeutung verliert, vgl. zweite Grafik. Hier zeigt sich eine Marktlücke, speziell für höhere Fachschulen!