Entwicklung der Lehrverträge: Geringer Einfluss der Konjunktur?

Eine Studie der Universität Bern enthält Angaben zum Einfluss der Konjunktur auf die Zahl der laufenden Lehrverträge. Die Analyse einer schweizweiten Panelerhebung für den Untersuchungszeitraum 1988-2004 führt die Autoren zum Schluss, dass der Einfluss der Konjunkturzyklen auf die Zahl der Lehrvertragsabschlüsse recht schwach ist. So scheint eine Erhöhung der Arbeitslosigkeit um einen Prozentpunkt zu einer Reduktion der Lehrverhältnisse um 0,6 Prozent zu führen. Demographische Bedingungen sind gemäss der Studie von weitaus grösserer Bedeutung für das Lehrstellenangebot.
 

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Ich vergleiche seit Jahren die Zahl der Arbeitslosen mit der Zahl der neuen Lehrverhältnisse in einigen Berufen. Diese Zeitreihen schwanken sehr stark und scheinen recht stark von der Konjunktur bzw. der Arbeitslosigkeit abzuhängen:

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Quelle: Wettstein, Gonon: Berufsbildung in der Schweiz. 2009, S. 247

 

 

Die Abbildung zeigt, dass die Entwicklung bei den einzelnen Berufen gegenläufig verläuft. Dies macht die Resultate der Berner Studie plausibel.
 

Aus Sicht der einzelnen Branchen oder gar Betriebe ist allerdings nicht der Verlauf des Gesamtangebots entscheidend, sondern die Möglichkeit, für den eigenen Beruf und Betrieb Lehrlinge zu finden. Ähnliches gilt für die Jugendlichen: Wer beispielsweise Hochbauzeichner werden will und nichts findet interessiert sich wenig dafür, dass offenbar beim Metzger viele Lehrverträge abgeschlossen werden.
 

Man kann die Berner Resultate aber auch anders interpretieren: Wenn bei den Hochbauzeichnern nichts zu finden ist, weichen die Jugendlichen aus. Der verhinderte Zeichner wird deswegen wohl kaum Metzger (und wäre dafür wohl auch wenig geeignet), über mehrere Zwischenstufen entsteht aber trotzdem ein Ausgleich und die Zahl der Lehrverträge total variiert dann nur noch wenig. Ein Hoch auf die Anpassungsbereitschaft der Jugendlichen!
 

 

Nebenbei: Der Hinweis auf die Studie stammt aus „panorama.aktuell“ vom 2. Juni 2010. Dort ist fälschlicherweise von „Lehrstellenangebot“ die Rede. Einer der Autoren, Samuel Mühlemann, teilt mir mit: „Die Studie basiert in der Tat auf der Lehrvertragsstatistik („Gesamtbestand der Lehrverträge nach Kanton“).“
… wobei noch festzuhalten wäre, dass der Gesamtbestand ein Mittel der Eintritte über vier Jahre darstellt.