Jugendarbeitslosigkeit: Effekt von Systemunterschieden wird überschätzt.

Länder mit einem ‚dualen‘ Berufsbildungssystem weisen bekanntlich eine geringere Jugendarbeitslosigkeit auf als solche mit einem schulischen System. Das stimmt mit Sicherheit, den Effekt habe ich aber bisher überschätzt, weil ich die Statistiken nicht genau las:

Eigentlich ist es nicht zu überehen: In den einschlägigen Statisitken wird jeweils der „Anteil der 15 bis 24-jährigen Arbeitslosen an allen 15 bis 24-jährigen Erwerbspersonen“ aufgeführt und nicht – wie ich fälschlicherweise immer meinte – der Anteil der Arbeitslosen an der ganzen Wohnbevölkerung. Personen, die eine Schule besuchen, werden also nicht mitgezählt. Unterscheidet sich nun der Anteil der Schüler/innen von einer Region zur andern, unterscheidet sich auch die Arbeitslosenquote und zwar bei einem gleichen Anteil an Arbeitslosen zur gleichaltrigen Wohnbevölkerung:

Angeleitet von Bernhard Weber, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim seco, habe ich zwei fiktive Beispiele durchgerechnet:

In der Region A besuchen von 100 Jugendlichen
– 20 eine duale Berufslehre (Betriebslehre); sie werden in den Statistiken zu den Erwerbspersonen gezählt
– 20 eine schulisch organisierte Berufsbildung (HMS, Lehrwerkstätte, Ecole des métiers)
– 50 eine Mittelschule, ein Brückenjahr oder eine andere Schule
– 7 sind erwerbstätig
– 3 sind arbeitslos
Zu den Erwerbspersonen werden 20 + 7 + 3 = 30 gezählt. Die Quote beträgt somit 3/30 bzw. 10%

In der Region B besuchen von 100 Jugendlichen
– 70 eine Betriebslehre
– 00 eine schulisch organisierte Berufsbildung
– 20 eine Mittelschule
– 7 sind erwerbstätig
– 3 sind arbeitslos.
Zu den Erwerbspersonen werden 70 + 7 + 3 = 80 gezählt. Die Quote beträgt somit 3/80 bzw. 3,75%

Bei 3 Arbeitslosen unter 100 Jugendlichen wird somit für die Region A eine Arbeitslosenqoute von 10%, für die Region B eine solche von knapp 4% ausgewiesen!

Die obigen Beispiele sind fiktiv, sie entsprechen aber bezüglich der Grössenordnung den Verhältnissen in den Kantonen Genf (rund 20% Lernende in Betriebslehren) bzw. Uri (über 70% in Betriebslehren).

Fazit: Die Quote der Jugendarbeitslosigkeit wird in Regionen und Altersgruppen mit vielen Schüler/innen überschätzt, wenn man nicht berücksichtigt, dass sie sich nicht auf die Gesamtheit der Wohnbevölkerung, sondern nur auf die „Erwerbspersonen“ bezieht.

Hoffentlich bin ich der einzige, der den Kopf der Tabellen nicht genau liest …

UPDATE:

Nein, ich bin nicht der einzige, vgl. den Blog batz.ch, in dem Prof. Monika Bütler über die Tücken der Berechnung der Jugendarbeitslosigkeit schreibt. Sie zeigt auf, dass der gleiche Interpretationsfehler dazu führt, dass der Anteil der erwerbslosen Jugendlichen in Südeuropa massiv überschätzt wird.