Duale Studiengänge und tertiäre Lehre

AvenirSuisse hat vor einigen Monaten die Einführung von dualen Studiengängen an Fachhochschulen vorgeschlagen und ist damit auf wenig Gegenliebe gestossen: Wichtige Organisationen wie der SGV haben den Vorschlag in Bausch und Bogen abgelehnt, andere haben ihn totgeschwiegen.

Ich habe ein gewisses Verständnis für diese Haltung, begründet in der Furcht, dass wertvolle Ausbildungsmöglichkeiten für Jugendliche verloren gehen und die Ausbildung auf Sekundarstufe II verlängert wird.  Andererseits fällt mir auf, dass diese Studiengänge in Deutschland sehr grossen Anklang finden, vor allem, aber nicht nur bei Unternehmen. Und nicht nur bei Grosskonzernen, sondern auch bei mittelständigen Betrieben, vgl. dazu www.ausbildungplus.de und die Publikationen der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände BDA zu „dualen Studiengängen“. Neuerdings (Frühjahr 2012) prüft auch der länderübergreifende „Gesamtverband texitl+mode“ diese Ausbildungsform.

Nun hat sich auch der zukünftige Staatssekretär für Bildung, Forschung und Innovation, Mauro Dell’Ambrogio, zum Thema geäussert. im Gespräch mit Michael Schoenenberger, abgedruckt in der  NZZ vom 15. Juni, äusserte er sich auf die Frage nach den dualen Studiengängen wie folgt: „Eine Lehre auf Tertiärstufe könnte den Fachkräftemangel entschärfen und wäre mit Blick auf wertschöpfungsintensive Branchen ein Schritt in die richtige Richtung. Ich weiss, die Idee stösst in Berufsbildungskreisen nicht auf Gegenliebe, möchte aber vor Scheuklappen warnen.“ Gleichzeitig betont er aber, dass „das zugrunde liegende Berufsbildungssystem keine Akademisierung erfahren“ darf. Dies wird vielerorts als Widerspruch empfunden.

Dell’Ambrogio bringt also die dualen Studiengänge mit einer Berufslehre auf tertiärem Niveau in Zusammenhang, während ‚wir‘ in der Berufsbildung uns eine Berufslehre nur im Rahmen der Sekundarstufe II vorstellen können.

Das Berufsbildungsgesetz hält in Artikel 15.3 fest, dass die berufliche Grundbildung „an die obligatorische Schule oder an eine gleichwertige Qualifikation“ anschliesst. Mit guten Treuen kann man sich fragen, warum dies in jedem Fall so sein muss, wie dies offenbar Dell’Ambrogio tut. Ob es nicht vielleicht Berufe und Branchen gibt, die mehr Allgemeinbildung voraussetzen und deshalb sinnvollerweise an eine weiterführende Schule anschliessen würden.

Es gab mal eine Zeit, in der gute Buchhandlungen nur Personen mit Maturität in die Berufslehre aufnahmen. Dies mit der Begründung, die Beratung der Kundschaft würde ein gewisses Wissen über literarische Fragen erfordern, dessen Vermittlung die Berufsschule überfordern würde. Bei Recherchen für die EDK-Nahtstellenkommission stellte ich vor einigen Jahren fest, dass in der Westschweiz manche Betriebe nur Personen mit einer 10 oder 11-jährige Schulzeit in die Lehre aufnehmen udn diese Haltung auch von angesehenen Behördemitgliedern geteilt wurde.

Bei den Pflegeberufen wurde aufgezeigt, dass es auch anders geht: Bei einer geeigneten Schneidung eines Berufsfeldes konnten Ausbildungsgänge geschaffen werden , die sich für Schulabgänger/innen eignen. Dies beweist aber nicht, dass dies in jedem Bereich der Arbeitswelt der Fall ist und vor allem: dass es auch in Zukunft in jedem Fall möglich ist. Die „Wissensgesellschaft“ lässt grüssen. Früher wurden Schriftstetzer Journalisten, kaufmännische Angestellte Übersetzer/innen. Heute findet man in beiden Berufen kaum noch Berufstätige ohne FH-Abschluss. Früher erlernten Mädchen gleich nach der obligatorischen Schulzeit den Beruf „medizinische Laborantin“. Heute arbeiten im gleichen Berufsfeld Personen, die ihre Ausbildung erst nach einem dreijährigen Fachmittelschulbesuch antreten können.

Vielleicht ist eseben an der Zeit, berufliche Grundbildungen zu definieren, die nicht an die obligatorische Schule, sondern beispielsweise an eine Fachmittelschule anschliessen oder gar eine Maturität voraussetzen. Weshalb soll das Prinzip des „dualen Systems“ – die  parallele Ausbildung in Praxis und Theorie – auf die Sekundarstufe II beschränkt sein? Sie ist es ja schon lange nicht mehr: Wer will denn Chirurgen, der entweder nur theoretisch oder nur praktisch ausgebildet sind?

Kurz: duale Studiengänge bzw. tertiäre Lehren sind nicht so furchtbar neu und der erwähnte Absatz 3 in Artikel 15 dürfte überholt sein. Es ist durchaus nicht abwegig, zu überlegen, ob Elemente der beruflichen Grundbildung nicht auch im Tertiären Bereich vermehrt und bewusster angewendet werden sollten.