Einflüsse der Rudolf Steiner-Pädagogik auf die Berufsbildung

Der Verlag Info3, der zu anthroposophischen Praxisfeldern publiziert, hat ein «Sonderheft Berufsbildung 2016» herausgegeben, was mich veranlasste mir wieder einmal zu überlegen, was ich über die Einflüsse der Pädagogik von Rudolf Steiner auf die Berufsbildung weiss.

Die Umsetzung dieser Pädagogik in den Rudolf Steiner-Schulen in der Schweiz bzw. den Waldorfschulen in Deutschland ist ja seit Jahrzehnten ein alternatives Bildungsmodelle mit einer beachtlichen Schülerzahl. Der Schwerpunkt liegt bei Primarstufe und Sekundarstufe I. Im 10.- 12. Schuljahr kann in verschiedenen Regionen der Schweiz die «Integrierte Mittelschule» besucht werden, deren Besuch an die Vorbereitung auf die Matura und den allgemeinbindenden Unterricht der Berufslehren (inkl. BM-Unterricht) angerechnet wird. (Kompass 2015) Die IMS bereitet auch auf gewisse Höhere Fachschulen vor und berufsorientierter Unterricht erleichtert den Übertritt, besonders in den Bereichen Gesundheit und Soziales, Landwirtschaft und Kunst. Zu einem Lehrabschluss führt die IMS aber nicht.
Im Unterschied dazu vermittelt die 1952 gegründete Hiberniaschule in Herne (Nordrhein-Westfalen) eine Doppelqualifikation, umfassend einen als gleichwertig anerkannten Berufsabschluss (Metall, Elektro, Schneiderei, Kinderpflege, Tischlerei) und eine Fachoberschulreife. Das eingangs erwähnte «Sonderheft» stellt zudem verschiedene Fachschulen vor, die zu beruflichen Abschlüssen aus Sekundarstufe II führen, meist in den Bereichen Gesundheit, Soziales, Erziehung und Kunst. Auch Lehrstellen werden ausgeschrieben, zum Beispiel in der Landwirtschaft.

In Deutschland existiert auch eine Hochschule, die auf Tertiärstufe eine Berufsausbildung vermittelt und dabei anthroposophisches Gedankengut und entsprechende Lehrangebote einfliessen lässt. Es ist die Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft bei Bonn mit den Fakultäten Kunst und Architektur sowie Human- und Gesellschaftswissenschaften. Zu letzterer gehören u.a. die Fachbereiche Wirtschaft (NZZ 21.8.08) und Bildungswissenschaften.

In der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts beeinflusste die anthroposophische Pädagogik zudem die berufliche Grundbildung in Unternehmen (Betriebslehren), von denen einzelne künstlerischen Unterricht in die Ausbildung der Lernenden einbezog, beispielsweise der heutige Technologiekonzern Voith GmbH, Heidenheim. Dies dürfte dazu beigetragen hat, dass der Deutsche Bildungsrat 1974 für die Berufsausbildung das «Studio» als vierten Lernort neben Betrieb, Schule und Lehrwerkstatt vorsah. Presseberichten ist zu entnehmen, dass es auch heute noch entsprechende Einflüsse gibt, doch hört man nicht mehr viel davon. Aus der Schweiz ist mir nur ein Versuch mit Schaffhauser Schreinern bekannt. (Bericht)

Von besonderer Bedeutung sind nach wie vor die Arbeiten des Berufspädagogen Michael Brater, der eine einschlägige Didaktik entwickelte, über das Verhältnis von Bildung und Arbeit nachdachte und bereits 1988 schrieb: «Man lernt nicht mehr Drehen, Fräsen usw., um es in der Arbeit direkt anwenden, sondern um mit diesem Wissen und Können etwas ganz anderes tun zu können. Hier bekommt die Berufsbildung durchaus Züge «formaler» Bildung, indem nicht mehr der Stoff als solcher wichtig ist, sondern mehr das, was an Fähigkeiten in der Aneignung bzw. der Auseinandersetzung mit dem Stoff gebildet wird.» und «Die alten pädagogischen Gegensätze von «Berufsausbildung» und «Allgemeinbildung» haben sich faktisch aufgehoben (auch wenn dies mancherorts noch nicht bemerkt wurde). Die Kernfrage der Berufsbildung lautet heute nicht mehr: Wie führt man in bestimmte Arbeitstechniken ein? – sondern: Wie legt man die Grundlage für selbständiges Handeln, für die Autonomie der Persönlichkeit?» (Berufsbildung und Persönlichkeitsentwicklung. Stuttgart 1988, S. 53 bzw. 56).

Sekundarstufe I 2005 und 2012

Bei der Gestaltung der Sekundarstufe I hat sich ja die Kreativität der kantonalen Bildungspolitik in einer Art geäussert, die Eltern, Lehrbetrieben und vor allem die Schüler/innen selbst immer wieder vor Probleme stellt. Mitarbeitende des Bundesamtes für Statistik erstellen in verdankenswerter Arbeit jedes Jahr eine Übersicht, vgl «Bildungslandschaft Schweiz». Für eine Publikation habe ich, basierend dieser Basis 2005 eine Grafik erstellt (hier), die ich nun anhand der Daten 2012 aufaddiert habe (hier), vgl. unten.
Vielleicht interessiert’s jemanden …
407 Sek I Schultypen 2012

83 Schüler/innen in einer Klasse

Irma Dütsch, höchst dotierte Köchin der Schweiz, berichtet über ihre Schulzeit:
„Die Schule war streng, wir waren 83 Schülerinnen und Schüler vom 1. bis zum 6. Schuljahr in einer Klasse. … Der Lehrer war eine Respektperson, aber wir hatten ihn gern, und er hat uns alles beigebracht, vom Singen über Rechnen bis zum Sport.“

Dies scheint in Gruyere gewesen zu sein, in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts: Irma Dütsch wurde 1944 in Gruyere geboren.

Quelle: Schulblatt des Kantons Zürich, 4/2012, Seite 5.

Gute alte Zeit?
Starke Kinder haben profitiert. Schwache und scheue dürften aber gelitten haben. Wir wissen es nicht.

Eindrücklich: wie schnell sich auch in der Schweiz die Verhältnisse geändert haben. Von meinen damaligen Mitschülern im Lehrerseminar habe ich gehört, dass auch in den 60er Jahren noch Klassen mit 60 Schüler/innen existiert haben sollen, u.a. im Thurgau.

Interessant übrigens auch ihre Aussagen zu den Fragen „Inwiefern hat die Schule Ihnen geholfen, zur international anerkannten Starköchin zu werden?“ und zu ihren Vorstellungen über die Ziele der Schule.