3D-Drucker verändern die Arbeitswelt, die Berufsbildung und vielleicht sogar die Berufspädagogik

Die Entwicklung der Berufsbildung wird durch Veränderungen der Arbeitswelt determiniert, mehr noch als durch Veränderungen des Bildungswesens (hier).
Die wichtigste Entwicklung in der Arbeitswelt dürfte in nächster Zeit das Aufkommen der 3D-Drucker sein.

Wer nicht in einschlägigen Bereichen arbeitet erlebt die 3D-Drucker als Spielzeug, als Gadget für Nerds. 3D-Drucker können aber nicht nur Figürchen aus Plastik drucken, sondern auch komplizierte Werkstücke aus Titan und anderen Hochleistungswerkstoffen, vgl. hier. Die dafür nötigen Maschinen kosten heute ähnliche Beträge wie kleinere Fertigungszentren (6-stellige Frankenbeträge). Ihre Anschaffung ist somit für spezialisierte KMU möglich, wobei eine rasche Abschreibung einberechnet werden muss.

3D-Drucker ersetzen in erster Linie spanabhebende Bearbeitungsverfahren, treten aber auch an die Stelle gewisser Gussverfahren und können Schweisskonstruktionen ersetzen. Sie haben somit einen grossen Einfluss auf die Ausbildung von Polymechanikern und anderen MEM-Berufen.

Der Einfluss geht aber über den Wechsel von einem Fertigungsverfahren zum andern hinaus. Er ermöglicht grundsätzlich neue Vorgehensweisen, wie der oben verlinkte Beitrag zeigt, ist also auch bedeutungsvoll für Ausbildungen auf der Tertiärstufe. Ja, er stellt sogar für die Berufspädagogik neue Fragen:

Eduard Käser, stellt in seinem Aufsatz im Journal21 die Arbeit mit 3D-Druckern in Beziehung zur alten Diskussion über die Ablösung der Handarbeit durch Maschinen. Er berücksichtigt dabei die klassischen Bemühungen wie das Arts-and-Crafts-Movement, aber auch Bewegungen der Gegenkultur, wie sie in der 2. Hälfte des 20. Jh. verbreitet waren. Die neuste Welle sieht er im Maker Mouvment, wozu wohl auch die Repair Cafés zu zählen sind, die ja auch den 3D-Drucker erfolgreich einsetzen.

Manche Autoren erwarten mit dem Aufkommen der 3D-Drucker, die ja auf die Produktion von Einzelstücken ausgerichtet sind und der Gestaltung neue Möglichkeiten öffnen, eine neue Welle von Handwerk oder sogar Kunsthandwerk. Eduard Kaiser vertritt im Gegensatz dazu die Auffassung, die Arbeit mit 3D-Druckern sei eher als Gegensatz zur handwerklichen Arbeit zu verstehen: „Der 3D-Drucker markiert also im Grunde einen neuen Höhepunkt in der Trennung von Kopf und Hand. Radikaler als zuvor nimmt er uns das Machen aus den Händen.“

Vorausgesetzt, der 3D-Drucker bewirkt die Entstehung einer neuen Fertigungsform und -organisation, wie die Informatik die Bürowelt verändert hat – ich glaube, dass dem so ist – dann darf sie nicht als ein „Zurück zum Handwerk“ verstanden werden, sondern eher als das Gegenteil. Spannend sind in diesem Zusammenhang auch Überlegungen, die in Deutschland unter dem Schlagwort „Industrie 4.0“ angestellt werden, die eine „Neuordnung der Arbeitswelt“ erfordere.

Akademisierungsfalle – Stimme aus Deutschland

In Deutschland hat Julian Nida-Rümelin, „einer der renommiertesten Philosophen“ sich zum „Akademisierungswahn“ geäussert. Einem Vortrag (hier als PDF, hier als mp3) entnehme ich, folgende Informationen:

Fast 50% eines Jahrgangs haben heute eine „Hochschulzugangsberechtigung“. 20% von ihnennehme kein Studium auf. In Frankreich erreichen heute 75% ein Baccalaureat. Es ist aber zu beachten, dass Frankreich „ein ganz anders geartetes Hochschulsystem“ hat als Deutschland und „ein Bachelor-Studium in den USA hat mit einem wissenschaftlichen Studium in Europa nichts zu tun. Das ist eine Art gymnasiale Oberstufe mit Wahl- und gegen Ende gewissen Spezialisierungsmöglichkeiten. Sie ist eingerichtet worden, um ein wissenschaftliches Studium zu ermöglichen, auf ein wissenschaftliches Studium hinzuführen.“

„Das Bundesinstitut für Berufliche Bildung ist in einer Abschätzung der Bedarfe zwischen 2010 und 2030 (…) zu dem Schluss gekommen, dass wir im Bereich der Facharbeiterschaft, also der Bereiche, die eine berufliche Ausbildung, aber kein Studium erfordern, einen Fehlbedarf haben, der über all diese Jahre nicht gedeckt sein wird, von deutlich über 4 Millionen Menschen [und] (…) dass es im Bereich der akademischen Berufe keinen Mangel geben wird, ja sogar einen Überhang von mehr als 1 Million.“ Im MINT Bereich sei ein riesiger Deckungsbedarf zu erwarten, aber nicht bei den akademischen, sondern bei den nicht-akademischen MINT-Berufen.

Immerhin: „Für Menschen, die ein Studium abgeschlossen haben, wird es auch in Zukunft wahrscheinlich nur selten ein Problem geben, Arbeit zu finden, aber eben nicht in den Berufen, die ihrer Ausbildung angemessen sind. (…) Es gibt Untersuchungen, dass ein Gutteil der Absolventen akademischer Studiengänge weniger als den [in Zukunft gesetzlich vorgeschriebenen] Mindestlohn erhalten.“ Unter anderem als Lehrbeauftragte.

Zum Lebenseinkommen: „Es ist eine Lüge zu behaupten, dass ein Studium ein höheres Einkommen mit sich bringt. Es hängt davon ab, was man studiert hat. Tatsächlich verdienen z. B. Absolventen geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlicher Fächer im Durchschnitt weniger als Fachkräfte aus nichtakademischen Berufen – Bankfachleute, Maschinenbautechniker, Industriemeister, Elektrotechniker, Bautechniker usw. „

Als die Zukunft noch Zukunft hatte

Peter Glaser («Glaserei») hat in seinem Blog in der NZZ wieder einen eindrücklichen Post publiziert:
«IN DEN Fünfzigerjahren hatte die Zukunft noch Zukunft. Alles Künftige lag klar, strahlend und erfreulich vor den Instrumenten des Fortschritts. Probleme waren lösbar. …»
Das war die Zeit meiner Kindheit. Meine Lieblingslektüre war die deutsche Zeitschrift «Hobby», die sich mit dem technischen Fortschritt befasste. Ich war überzeugt, als Erwachsener den Arbeitsweg mit meinen privaten Helikopter zurück zu legen.
Glaser stellt diese Zeit dar, spannend vor allem seine Hinweise auf die Erwartungen an die künstliche Intelligenz.

Ja damals hatte die Zukunft noch Zukunft und die Probleme waren lösbar. Rückblickend können wir feststellen, dass es vielleicht besser ist, dass gewisse Probleme nicht gelöst worden sind. Sonst hätten wir heute noch einige Probleme mehr.

PS.
Ich habe damals ja meinen Traum realisiert und bin Ingenieur geworden. Dank einigen guten Professoren (Wiesmann, Dänzer, Biäsch) und Peter F. Drucker habe ich noch rechtzeitig festgestellt, dass die Zukunft, wie ich sie mir vorstelle, eher über die Gestaltung der Arbeitswelt zu erreichen ist als durch den Maschinenbau, so sehr dieser auch fasziniert, vgl. mein Aufsatz zu Peter F. Drucker (S. 3)

Fachkräfteüberfluss

Gestern sprach ich mit einer jungen Frau, die eben eine Ausbildung für Umweltbildung an der ZHAW Wädenswil abgeschlossen hat und auf Stellensuche ist. Sie möchte das erworbene Wissen umsetzen können und berichtet, es seien durchaus einschlägige Stellen ausgeschrieben. Aber auf jede meldeten sich 200 bis 300 Bewerber/innen, darunter viele Biologen und Geographen mit Masterabschluss einer Universität.
Bei einem Stoss von 300 Bewerbungen erfolge dann verständlicherweise zuerst eine grobe Selektion an einem einfachen Kriterium und das sei eben der Bildungsabschluss und allenfalls noch der Umfang der einschlägigen Erfahrung. Mit ihrem Bachelor und beschränkter Erfahrung werde ihre Bewerbung bereits in diesem Stadium ausgesondert. Sie meldet sich nun auch auf Stellen mit Anforderungen, die – so sagt sie – eine gute kaufmännische Angestellte auch bewältigen würde. Kolleginnen von ihr hätten bereits drei oder vier Praktika absolviert, bei denen sie nur ein Taschengeld verdienen. Sie könne sich das nicht leisten, sie müsse zuerst Darlehen zurück zahlen, die sie aufgenommen habe um studieren zu können.
Vor einiger Zeit hatte ich Kontakt mit einer andern jungen Frau, die an der Luzerner FH Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Non-Profi-Organisationen studiert hat. Sie suchte längere Zeit vergeblich nach einer Stelle, trotz Abschluss mit Spitzennoten und bekam dann – dank ihrer Berufslehre als Polygraphin – ein Praktikum, gefolgt von einer zeitlich begrenzte Anstellung als Webmasterin in der Bundesverwaltung. Erst nach mehreren Jahren ohne niveaugerechter Tätigkeit hat sie nun, dank überzeugendem Auftreten, eine ihrer Ausbildung angemessene Stelle bei einer Stiftung erhalten.

Fachkräftemangel?

Viele junge Menschen suchen heute Arbeit, die sie als sinnvoll für die Umwelt, für die Menschen, für die Gesellschaft erachten. In diesen Bereichen herrscht kein Fachkräftemangel! Dies beweist auch der Lehrstellenmangel bei Pflegeberufen und der Numerus clausus der Fakultäten für Medizin und Tiermedizin.

Übrigens ein Überfluss, den neben Architekten, Beratungsbüros und Werbeunternehmen auch staatliche Stellen nutzen, um ihren Arbeitskräftebedarf budgetgünstig zu decken. Zulasten hochqualifizierte junger Erwachsener.

Eine Generation im Zaudermodus

„Dreissig zu werden, heisst heute vor allem zu erkennen, dass Verheissungen sich nicht erfüllt haben.“ schreibt der 30-jährige Tomasz Kurianowicz in der NZZ:
„29 zu sein fühlt sich so an wie ein Sonntagmorgen nach einer durchfeierten Samstagnacht. Man inhaliert noch das Gefühl der Unbeschwertheit, der Freiheit, der nie versiegenden Jugend – und zugleich ahnt man schon, dass sich der Montag langsam in die Woche schleicht. …
Das Wochenende verblüht schnell. Mit dem Leben verhält es sich nicht unähnlich. Man ist zwanzig, geht in eine beliebige Grossstadt studieren, hat sich vorher so seine Phantasien zurechtgelegt – wie es ist, auf sich allein gestellt zu sein, sich zu verlieben, sich zu trennen und wieder zu verlieben, sich ins offene Leben hineinzuwerfen, Entscheidungen zu treffen, Wurzeln abzuschneiden und neue zu schlagen. Und dann merkt man, dass das naive Lebensgefühl ziemlich schnell verfliegt …
Und dann kommt der Schock. Der Schock um die Erkenntnis, dass die Zeit abläuft. Dass man falsche Entscheidungen getroffen hat. Dass man jemand ist, der man nicht werden wollte und dass man nicht jeder werden kann.

… darum brauchen wir eine Berufslehre für Errwachsene, eine die sie echt ergreifen können, eine echte ZweiteChance. Der Text – und die 32 Kommentare, die bisher dazu publiziert wurden, geben uns einen Eindruck von der Befindlichkeit und damit von den Bedürfnissen der „Generation im Zaudermodus“.

Fachkräftemangel heisst …

… denn auch nicht un­bedingt, dass es keine entsprechenden Spezi­alisten gibt, sondern lediglich, dass zum herrschenden Lohnniveau die Nachfrage nach Fachkräften das Angebot übersteigt.“

Diese Aussage von Samuel Mühlemann und Stefan C. Wolter müssen wir uns immer mal hinter die Ohren schreiben, vor allem wenn verlangt wird, dass das Bildungssystem ‚rasch und entschieden‘ auf den Fachkräftemangel reagiert.

(Zitat aus Samuel Mühlemann und Stefan C. Wolter: Personenfreizügigkeit dämpft den Fachkräftemangel in der Schweiz. Die Volkswirtschaft 6-2013, S. 16)

Berufe von morgen (1968)

Es ist wohl eine Alterserscheinung: ich glaube nicht mehr so recht an Zukunftsprognosen. Eine Altererscheinung, verursacht durch all die falschen Prognosen, die ich im Laufe der Jahre gelesen habe. Manche betrafen die ach so verständliche Frage nach den ‚Berufen von morgen‘ So verständlich vor allem aus Sicht der Eltern, die das beste für ihre Kinder wollen, wenn es um deren Berufswahl geht.

So ist es denn nicht erstaunlich, dass 1968 der erfolgreiche und renomierte Econ-Verlag ein Buch von C.V. Rock unter dem Titel „Berufe von morgen“ als „eines der aufregendsten Sachbücher unserer Zeit“ ankündete.

Der Autor entwarf zuerst das „Bild der Welt von morgen“, denn „Neue Entwicklungen haben Einfluss auf Berufe.“ 1968 erwartete man laut C. V. Rock:

  • Bis 1980 haben wir eine zuverlässige Wettervorhersage – keine Missernten mehr
  • Ab 1990 können wir von jedem Punkt der Erde die automatischen Zentralbibliotheken verwenden
  • Ab 1990 kennen wir nur noch die automatische Zollabfertigung – wohin mit den Beamten?
  • Ab 1990 können wir uns synthetisch ernähren
  • Ab 2000 besitzen wir ausreichende Meeresgrundfarmen
  • Ab 2000 beherrschen die Lehrautomaten den Unterricht – Lehrer nur noch Aufsichtspersonen
  • Ab 2010 können wir das menschliche Alter chemisch kontrollieren – Unsterblichkeit?
  • Ab 2020 erreichen wir das allgemeine Existenzminimum für alle auf der Erde Lebenden – Paradies?
  • Ab 2020 besitzen wir dank der Automaten eine Weltsprache

Auszug aus der Liste S. 81f im ‚Originalton’.

Im Buch werden dann Berufe aufgezählt, die dank der Veränderungen der Arbeitswelt um die Jahrtausendwende besonders gute „Berufsaussichten“ haben. Hier ein Auszug:

  • Bearbeiten von Stoffen: Betonwerker / Modellschlosser / Werkzeugmacher
  • Montieren und Zusammenbauen: Feinmechaniker / Ingenieure (versch. Fachrichtungen) / Kunststoffschlosser / Stahlbauschlosser /
  • Gestalten, Formen, Schmücken: Graveur, Keramikingenieur, Zahntechniker
  • Maschinen-Bedienung: Gefrierverfahren-Techniker / Strickeinrichter / Tiefbohrer /
  • Untersuchen und Messen: Biologielaborant / Ozeanograph / Physiklaborant /
  • Entwerfen: Schilder- und Lichtreklamen-Hersteller
  • Züchten und Hegen: Diplomlandwirt / Pflanzenschutz-Techniker / Fischzüchter / Zuchtwart
  • Planen, Verwalten, Werben: Exportkaufmann / Hotelkaufmann / Werbegrafiker / Wirtschaftsjurist
  • Bedienen und Beraten: Beamter der Arbeitsämter / Datenverarbeiter / Friseur
  • Unterstützen: Arzthelferin / Rechtsanwalt / Beamte im höheren Dienst
  • Überwachen und Sichern: Beamter im Dienst der Bundeswehr / Seefunker
  • Pflegen und Betreuen: Hauswirtschaftsgehilfin / Steward / Wirtschafterin / Lehrer / Psychiater

Hier ein PDF dieser beiden Auszüge.

Das Handwerk kehrt zurück

… titelt die NZZaS einen Aufsatz ihres Stilberaters Jeroen von Rooijen. Er berichtet:

„Die Welt wird in rasendem Tempo digitaler und virtueller. Diese Entwicklung öffnet aber gleichzeitig neue Räume für die reale Welt, in der es um ursprüngliche Werkstoffe mit vertrauter Haptik, um Handwerk und grundlegende menschliche Bedürfnisse geht. Wer diesen Frühling am Mailänder Möbelsalon durch die Showrooms und Ateliers der jungen Designstudenten und Newcomer schlenderte, der sah dort eine Generation am Werk, die stark mit der Renaissance des Handwerks beschäftigt ist. Diese jungen Leute, aufgewachsen mit Internet und Smartphone, entdecken das schlichte Vergnügen von traditioneller Handwerkskunst wieder, sie forschen nach fast schon vergessenen Werkstoffen, sie kochen, schreinern, backen, stricken und nähen.“

Er spricht mir aus dem Herzen, vgl. meinen Text „Handwerk – der neue Luxus„. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Resultate einer Umfrage des renomierten deutschen Meinungsforschungsinstuts Allensbach:

Die Allensbacher Berufsprestige-Skala 2011
… und interessant ist die Tatsache, dass die Zürcher Hochschule der Künste in ihrem neuen Sitz auf dem Tony-Areal keinen Platz für die handwerklichen Werkstätten fand, die sich im alten Gebäude an der Ausstellungsstrasse betrieben wurden. Sie wurden bzw. werden aufgelöst …

Jugendarbeitslosigkeit: Fehler bei den Quoten werden anerkannt

Ich habe letzten Sommer darauf hingewiesen, dass die Unterschiede bei der Jugendarbeitslosigkeit zwischen Deutschschweiz und Romandie überschätzt werden. Frau Prof. Monika Bütler hat dann analoge Überlegungen publiziert.

Nun folgt die deutsche Arbeitsmarktbehörde, die Bundesagentur für Arbeit (BdA) mit Überlegungen zur Jugendarbeitslosigkeit in den Ländern der EU. Für Spanien beispielsweise hört man von einer Jugendarbeitslosigkeit von 55.9%. Diese Quote vergleicht die Zahl der Arbeitssuchenden mit derjenigen der gleichaltrigen Jugendlichen, die arbeiten oder einen Job suchen. Ein grosser Teil der 15 bis 25-jährigen Jugendlichen besucht aber noch eine Schule bzw. Hochschule. Vergleicht man die Zahl der Arbeitssuchenden mit der Gesamtzahl der 15- bis 25-Jährigen, beträgt die Jugendarbeitslosigkeit gemäss BdA in Spanien nicht mehr 55.9%, sondern 20.6%.

Selbstverständlich sind auch das noch 20% zu viel – trotzdem ist es falsch zu behaupten, jeder 2. Jugendliche in Spanien sei arbeitslos. In Deutschland beträgt die Quote gemäss gleicher Quelle übrigens zurzeit 4.1% statt 7.6%

Vom Kapital zur Innovationskraft

Die NZZ hat einen Text von Klaus Schwab, dem Gründer und Leiter des WEF, publiziert, in dem er u.a. ausführt, dass die Bedeutung des Kapitals als wichtigster Produktionsfaktor durch Kreativität und Innovationskraft – also durch menschliche Talente – abgelöst werde. Damit sie – und damit auch die Wirtschaft – sich entfalten können, brauche es bessere Regelungs- und Sicherungssysteme, vor allem für die Kapitalmärkte. Die skandinavischen Länder hätten gezeigt, dass dann „flexible Arbeits- und Kapitalmärkte mit sozialer Verantwortung durchaus vereinbar“ seien.

Diese Überlegungen veranlassen mich zu einigen verwegenen Gedanken.

Durch die Senkung der Zinssätze und die Aufblähung der Geldmenge ist heute Kapital fast gratis und in beliebiger Menge erhältlich, sofern das Verlustrisiko klein ist. (Dieses wird allerdings immer wieder falsch eingeschätzt, was zu kurzfristigen Blasen führt.) Wenn aber die Verfügbarkeit von Kapital nicht mehr der begrenzende Faktor ist, wo liegt er dann? Nach Schwab bei dem Vorhandensein von Kreativität und Innovationskraft. In Tat und Wahrheit sind aber je nach Land bis 50% aller jungen Arbeitskräfte ohne Anstellung, in zunehmendem Masse auch Personen mit guter Ausbildung. Dies scheint mir ein Widerspruch zu sein, vielleicht erklärbar durch folgende Ansätze:
(1) Sehr viele junge Arbeitskräfte verfügen über zuwenig Kreativität und Innovationskraft, trotz ausgedehntem Schulbesuch. Dies kann Folge des Versagens des Bildungswesens sein: Bildung vermittelt Wissen (was dank ICT heute ebenfalls fast unbegrenzt zur Verfügung steht) und nicht Krativität und Innovationskraft um das Wissen einzusetzen. (Peter F. Drucker hat deshalb mehr „Knowledge“ statt Wissen verlangt.)
(2) Es fehlt an Organisationsformen, um die vorhandenen und ungenutzten Talente einzusetzen.

Zur ersten These nur soviel: Die Verbindung von Theorie und Praxis, vermittelt durch Lernen in Schule und Betrieb, dürfte eine alte und in vielen Fällen nach wie vor sehr effiziente Form der Vermittlung von „Knowledge“ sein, wenn man im Sinne von Peter F. Drucker darunter die Kombination von Wissen und der Fähigkeit versteht, dieses aktiv einzusetzen. Dafür spricht die hohe Innovationskraft der Schweiz.

Indiz für das Zutreffen der zweiten These ist die Tatsache, dass die Unternehmen, die in den letzten Jahren am schnellsten gewachsen sind (Microsoft, Google, Apple etc.) aus kleinsten Teams hervorgegangen sind, die es schafften mit einer zündenden Idee viel Kreativität und Innovation auszulösen. Dabei ist hoher Verdienst oft nur ein (angenehmer) Nebezweck – wichtig ist vielen Menschen das Produkt, sei es ein Computerprogramm, sei es Einträge in Wikipedia oder Open Source-Landkarten, seien es Bilder auf Flicker etc.

Vielleicht sind die Jahre nach Beginn der Finanzkrise als den Übergang von einer Kapital gesteuerten Wirtschaft hin zu einer Knowledge-gesteuerten zu beschreiben durch die Entwicklung neuer Strukturen zur Organisation von Talenten. Der Übergang von handwerklicher zu industrieller Fertigung im 19. Jh. wurde möglich durch die Entwicklung von Strukturen zur Abwicklung von Kapitelströmen, genannt „Banken“.

Handwerker unterschätzen ihr Ansehen! Blue-collar ist in!

Handwerker sind in der Bevölkerung angesehener als Hochschulprofessoren, Rechtsanwälte, Pfarrer und Spitzensportler. Dies zeigt die Allensbacher Berufsprestige-Skala 2011 für Deutschland, vgl. Grafik. 41% der erwachsenen Deutschen zählen Handwerker zu den fünf Berufen, vor denen sie am meisten Achtung haben. Höhere Werte erreichen nur Ärzt/innen, das Pflegepersonal und (42%) Lehrpersonen. Allensbach 2011 2

Werden die angesehenen Berufe den dafür üblichen Bildungswegen zugeordnet zeigt sich, dass die Höhere Berufsbildung auch bezüglich des Berufsprestiges durchaus konkurrenzfähig ist.

Die Anlehrwerkstätte der BBC – ein Stück Industrie-, Sozial- und Bildungsgeschichte

Lehrwerkstätten werden von vielen Beurfsbildner/innen als Gefahr für die Betriebslehre und/oder als Versuch der Linken aufgefasst, die Berufsbildung zu verstaatlichen. Dabei wird vergessen, dass die Mehrzahl der Lehrwerkstätten von Unternehmen aufgebaut wurden, wenn sie auch heute meist Teil von Ausbildungsbverbünden sind.

Eine besondere Lehrwerkstätte war die Anlehrwerkstätte von Brown Boveri in Baden, gedacht als Instrument zur Anlernung von Ausbildungslosen, vor allem im Zusammenhang mit der Anwerbung von Arbeitern in Italien. Ich bin in den Besitz einer schwer zugänglichen Darstellung dieser Werkstätte gekommen, seinerzeit publiziert in der Personalzeitschrift der BBC. Ich publiziere sie hier um sie leichter zugänglich zu machen.

Wie dem Aufsatz zu entnehmen ist, wurde die Werkstätte 1963 gegründet. Wann sie geschlossen wurde, weiss ich nicht. Als ich anfangs der 70-er Jahre in der BBC arbeitete, existierte sie noch.

Nebenbei: die Lehrwerkstätten, die nicht von Grossunternehmen geschaffen wurden, sind zu einem schönen Teil Gründungen von Gewerbeverbänden mit dem Ziel, der Betriebslehre durch die Ausbildung von Ausbildern („Lehrmeistern“) neuen Schwung zu vermitteln. Der Münchner Berufspädagoge Georg Kerschensteiner hat dies im Zusammenhang mit den Berner Lehrwerkstätten sin einem Bericht über die Lehrlingsausbildung in der Schweiz beschrieben.

Jugendarbeitslosigkeit: Effekt von Systemunterschieden wird überschätzt.

Länder mit einem ‚dualen‘ Berufsbildungssystem weisen bekanntlich eine geringere Jugendarbeitslosigkeit auf als solche mit einem schulischen System. Das stimmt mit Sicherheit, den Effekt habe ich aber bisher überschätzt, weil ich die Statistiken nicht genau las:

Eigentlich ist es nicht zu überehen: In den einschlägigen Statisitken wird jeweils der „Anteil der 15 bis 24-jährigen Arbeitslosen an allen 15 bis 24-jährigen Erwerbspersonen“ aufgeführt und nicht – wie ich fälschlicherweise immer meinte – der Anteil der Arbeitslosen an der ganzen Wohnbevölkerung. Personen, die eine Schule besuchen, werden also nicht mitgezählt. Unterscheidet sich nun der Anteil der Schüler/innen von einer Region zur andern, unterscheidet sich auch die Arbeitslosenquote und zwar bei einem gleichen Anteil an Arbeitslosen zur gleichaltrigen Wohnbevölkerung:

Angeleitet von Bernhard Weber, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim seco, habe ich zwei fiktive Beispiele durchgerechnet:

In der Region A besuchen von 100 Jugendlichen
– 20 eine duale Berufslehre (Betriebslehre); sie werden in den Statistiken zu den Erwerbspersonen gezählt
– 20 eine schulisch organisierte Berufsbildung (HMS, Lehrwerkstätte, Ecole des métiers)
– 50 eine Mittelschule, ein Brückenjahr oder eine andere Schule
– 7 sind erwerbstätig
– 3 sind arbeitslos
Zu den Erwerbspersonen werden 20 + 7 + 3 = 30 gezählt. Die Quote beträgt somit 3/30 bzw. 10%

In der Region B besuchen von 100 Jugendlichen
– 70 eine Betriebslehre
– 00 eine schulisch organisierte Berufsbildung
– 20 eine Mittelschule
– 7 sind erwerbstätig
– 3 sind arbeitslos.
Zu den Erwerbspersonen werden 70 + 7 + 3 = 80 gezählt. Die Quote beträgt somit 3/80 bzw. 3,75%

Bei 3 Arbeitslosen unter 100 Jugendlichen wird somit für die Region A eine Arbeitslosenqoute von 10%, für die Region B eine solche von knapp 4% ausgewiesen!

Die obigen Beispiele sind fiktiv, sie entsprechen aber bezüglich der Grössenordnung den Verhältnissen in den Kantonen Genf (rund 20% Lernende in Betriebslehren) bzw. Uri (über 70% in Betriebslehren).

Fazit: Die Quote der Jugendarbeitslosigkeit wird in Regionen und Altersgruppen mit vielen Schüler/innen überschätzt, wenn man nicht berücksichtigt, dass sie sich nicht auf die Gesamtheit der Wohnbevölkerung, sondern nur auf die „Erwerbspersonen“ bezieht.

Hoffentlich bin ich der einzige, der den Kopf der Tabellen nicht genau liest …

UPDATE:

Nein, ich bin nicht der einzige, vgl. den Blog batz.ch, in dem Prof. Monika Bütler über die Tücken der Berechnung der Jugendarbeitslosigkeit schreibt. Sie zeigt auf, dass der gleiche Interpretationsfehler dazu führt, dass der Anteil der erwerbslosen Jugendlichen in Südeuropa massiv überschätzt wird.

Unternehmergeist in der Berufsbildung

Die Stiftung Enterprise führt seit 2006 unter dem Titel EnterPrize Wettbewerbe durch, bei denen „Unternehmergeist in der Berufsibldung“ ausgezeichnet wird. Nun ist eine Liste der bisherigen Preisträger erschienen, von der auch Dokumentationen heruntergeladen werden können, die die bisherigen Preisträger kurz darstellen.
Nebenbei: In der Zeitschrift PANORAMA gibt es ausführlichere Darstellungen der Priesträger 2006 und 2008.

Hier die Namen der Finalisten:

2006:
Berufswahlplattform Kanton Solothurn (Gewinner)
Creative Solutions, Winterthur
Lernfoyer, Zürich

2008:
Login, Ausbildungsverbund in der Welt des Verkehrs (Gewinner)
Haus der Farbe, Zürich
Leseförderung an Berufsfachschulen
Caroline Hüte & Mützen, Luzern
Laufbahn-Coaching, BerufsBildungBaden

2010:
Overall Lehrverbund, Basel (Gewinner)
Bühler AG, Uzwil
Crescenda, Gründungszentrum für Migrantinnen, Basel
Schulisches Brückenangebot Kanton Zug
Bildungsregion Zentralschweiz

Wissen ist in der Wissensgesellschaft zum Unwort geworden.

Ich habe heute morgen einen anregenden Betrag aus dem Podcast „SWR2 Aula“ mit Paul Liessmann gehört, in dem aufzeigte, dass „Wissen in der Wissensgesellschaft wenig gilt“, u.a. weil es fälschlicherweise mit Information und Information mit der Archivierung von Daten Verwechselt wird.
So kreisen denn heute Lehrpläne um „Kompetenzen“, „Workloads“ und „Soft Skills“. Von „Bildung“ ist sowieso nicht mehr die Rede. Vielleicht zu Recht, versteht man doch unter diesem Begriff nicht mehr die Möglichkeit, den Menschen „aus der Unmündigkeit in die Autonomie zu leiten“, sondern ein Überlebenstraining für die einen und das zentrale Mittel für den „erbitterten Kampf um Chancen und Einkommen“ für die anderen.
Liessmann kommt dann zu den andernorts auch publizierten Unterscheidungen von verschiedenen und in unserer Zeit unterschiedlich wertvollen Formen von Wissen und der Möglichkeit, diese zu definieren, zu erwerben und nachzuweisen. Seine Warnung vor dem Versuch, das wirklich wichtige Wissen als Kompetenzen zu definieren, die man in Test erfassen und in Bildungsstandards beschreiben kann – dies ist im Auge zu behalten scheint mir wichtig, wenn auch heute ein Kampf mit der Windmühle!

Innovation leader – trotz oder infolge geringer Akademikerquote?

Das Innovation Union Scoureboard (IUS) 2011 der EU-Kommission bezeichnet die Schweiz als innovativstes Land Europas.

Hängt dies irgendwie mit dem Bildungssystem zusammen? Offenbar, schreibt doch Panorama.aktuell: “ Die Gesamtergebnisse widerspiegeln eine agile Exportwirtschaft, die auf einer soliden Wissensbasis von Hochschulen und Forschung und einer aktiven Innovationstätigkeit aufbaut.“ Wissen … Hochschulen … Forschung. Und dabei war ich der Ansicht, unser Bildungssystem zeichne sich eher durch einen Schwerpunkt bei der klassischen Berufsbildung aus als bei Hochschulen und Forschung.

Dabei las ich heute in einem Blog: „An ounce of action is worth a ton of theory. Don’t be too timid and squeamish about your actions.” (Ralph Waldo Emerson)

Kinderarbeit in der Schweiz

Dieser Tage wurde es mir wieder bewusst: es ist noch keine 50 Jahre her, seit in der Schweiz alle Kinder das Recht haben, ganzjährig zur Schule zu gehen.

In den 60er Jahren des 20. Jh. dauerte das Schuljahr in den Bündner Bergen 28 Wochen. Von April bis anfangs Oktober war schulfrei, damit die Kinder auf den Höfen ihrer Eltern mitarbeiten konnten. Man sprach denn auch von Winterschule im Gegensatz zur Ganzjahresschule in den Städten.

Wir Lehrer waren übrigens damals während 30 Wochen angestellt; es wurden uns 2 Wochen bezahlte Ferien gewährt. Im Sommer arbeiteten viele von uns in der Saison-Hotelerie, andere bei Bergbahnen oder – wie ihre Schüler/innen – auf den eigenen Höfen.

Der Religionsunterricht dauerte übrigens am Heinzenberg noch einige Wochen kürzer, denn der Pfarrer dieser Region war leidenschaftlicher Jäger und liess sich während der Hochjagd von seinen Verpflichtungen freistellen …

Handwerk nicht weniger hoch gewichtet als Wissenschaft

„Die Kunst (und man könnte anfügen: das Handwerk) als Feld, wo es um die Meisterschaft, um die ständige Verbesserung geht, sollte nicht weniger hoch gewichtet werden als die Resultate der Wissenachaft. Diese schaffen zwar die Voraussetzungen für Innovationen. Aber ohne Stil, ohnen Schönheit, ohne Kultur entstehen keine Dinge, welche die Welt verändern.“ schreibt der Soziologie Thomas Held unter dem Titel „Steve Jobs konnte Kalligrafie“ im TAM 42/2011.

Schön, das er Handwerk so hoch einschätzt. Ich kann ihm nur beipflichten, wobei noch zu bemerken wäre, dass bei beiden grosse Qualitätsunterschiede bestehen, sowohl beim Handwerk wie auch bei der Wissenschaft. Mit dem Unterschied, dass bei den Handwerker/innen der wirtschaftliche Druch rasch entscheidet, was meisterhaft ist, alles andere wird durch industriell Produziertes ersetzt.

Bemerkenswert übrigens auch Helds Übersetzung des Schlussteils der bekannten Rede von Jobs, gehalten 2005 vor Harvard-Absaolventen, Jobs „Aufforderung, die Zeit zu nutzen, eine Arbeit zu finden, die man wirklich liebt, und immer hungrig und ein bisschen verrückt zu sein.“

20% der Geschäftsleitungen kennen Berufslehre aus eigener Erfahrung

Der Personaldienstleister Guido Schilling AG hat die Zusammensetzung der Geschäftsleitungen der 100 grössten Firmen der Schweiz untersucht. Rund ein Fünftel  von Ihnen haben seinerzeit eine Berufslehre absolviert. Ihr Anteil ist konstant.

Panorama aktuell 2011-10 weisst darauf hin: Es gibt immer mehr ausländische Manager in der Schweiz – und diese entscheiden ja auch darüber, welchen Stellenwert die Berufsbildung in dem von ihnen geführten Betrieb hat. So interessiert, ob sie aus einem Land stammen, in dem die Betriebslehre bekannt ist.

Das Studium der Quelle der Panorama-Meldung, des „schillingreports 2011“ zeigt:
Von den 907 Mitgliedern der Geschäftsleitungen der untersuchten 116 Betriebe stammen 407 aus dem Ausland, wovon immerhin 132 aus einem Land, das die Berufslehre kennt (D, A, DK) aber 275 aus Ländern, bei denen dies nicht der Fall ist wie USA, GB, F, I.

Für Entscheide betr. Berufsbildung ist auch die eigene Ausbildung der Entscheidenden von grosser Bedeutung. Der Bericht zeigt, dass von 870 erfassten GL-Mitgliedren 677 Akademiker sind, 104 FH-Absolventen, 80 haben eine Berufsausbildung absolviert. Nehmen wir optimistisch an, dass alle FH-Absolventen ebenfalls eine Berufslehre absolviert haben, beträgt der Anteil der GL-Mitglieder mit eigener Erfahrung als Lehrling 21%.

Immerhin: der Anteil der GL-Mitglieder von 9% mit Berufsbldung (und allenfalls einer Weiterbildung) nimmt nicht ab, derjenige der FH-Absolventen ganz leicht zu. (12% allere GL-Mitglieder, 13% der neuen).

Nebenbei: die männlichen Formen wurden bewusst gewählt: Der Anteil der Frauen an den GL-Mitgliedern beträgt laut „schillingreport 2011“ 5%.