Der Bund will die Vermittlung von Grundkompetenzen finanziell fördern. Die Stossrichtung der Massnahmen überrascht in mehrfacher Hinsicht.

«Der Bundesrat hat an seiner Sitzung vom 5. April 2017 das WBF beauftragt, bis im November 2017 auf der Grundlage des Berufsbildungsgesetzes ein Programm für die Weiterbildung von Arbeitnehmenden im Bereich Grundkompetenzen, namentlich mit Blick auf die Digitalisierung der Wirtschaft, zu entwickeln. Die Massnahmen sollen es geringqualifizierten und insbesondere älteren Arbeitnehmenden ermöglichen, im Erwerbsleben zu verbleiben. Ebenfalls bis im November sind die allfälligen notwendigen finanziellen Ressourcen zu beziffern und dem Bundesrat zu beantragen.» (Medienmitteilung)

In der Begründung wird ausgeführt, es bestehe ein ausgebautes Instrumentarium für die Weiterbildungsfinanzierung für Arbeitnehmende. Handlungsbedarf gäbe es hingegen bei der Förderung von Grundkompetenzen wie Kenntnissen der lokalen Sprache oder grundlegenden Informatikkenntnissen. Dies sei insbesondere erforderlich bei über 45-Jährigen sowie in Bereichen mit ausgeprägtem Fachkräftemangel.

Mich wundert, dass die Förderung der Lokalsprache bei über 45-Jährigen und grundlegender Informatikkenntnisse in Bereichen mit Fachkräftemangel Wirkungen haben soll. Weiter erstaunt mich, dass sich die geplanten Massnahmen auf das Berufsbildungsgesetz stützen sollen und nicht auf das neue Weiterbildungsgesetz, in dem die Förderung der Grundkompetenzen ein Schwerpunkt darstellt.

Befremdlich finde ich die Einschätzung der Weiterbildungsfinanzierung. Die Leistungen für die Weiterbildung von Arbeitnehmer/innen mögen in einigen Branchen sehr gut sein, zum Beispiel im Bauhauptgewerbe. Ihre Ausrichtung ist aber in der Regel von der Zustimmung der Arbeitgeber abhängig. Weiter fehlt sie bei sehr viel prekär Arbeitenden, insbesondere in den Bereichen Werbung und Medien. Solche Arbeitsnehmende (oft mit sehr geringen Einkommen) sowie viele Selbständigerwerbende müssen ihre Weiterbildung selbst berappen. Die ungedeckten Aufwendungen können bald mal einen fünfstelligen Betrag ausmachen, wenn die Weiterbildung arbeitsmarktrelevant sein soll.

Viele berufliche Tätigkeiten erfordern eine zertifizierte Ausbildung. Die Notwendigkeit solcher Regelungen soll untersucht werden.

In einem Postulat weist NR Philippe Nantermod darauf hin, dass die Ausübung mancher Berufe durch Vorschriften bezüglich der nötigen Ausbildung eingeschränkt wird. Er äussert die Vermutung, dass dies nicht immer gerechtfertigt sei, sondern der Einschränkung der Konkurrenz diene.

Der Bundesrat weisst in seiner Stellungnahme darauf hin, dass die Wirtschaftsfreiheit in der Bundesverfassung verankert ist (Art. 27) und deren Einschränkung nur zulässig ist, wenn sie durch ein öffentliches Interesse oder durch den Schutz von Grundrechten Dritter gerechtfertigt ist (Art. 36 Abs. 2 BV). Die Bundesverwaltung führt ein Verzeichnis „der Bewilligungen und reglementierten Berufe in der Schweiz“, das gegenwärtig 453 Bewilligungen, basierend auf Bundesrecht, 286 basierend auf kantonalem Recht und 3237 Bewilligungen durch Gemeinden aufzählt. Sehr viele betreffen nicht die Ausbildung, sondern beispielsweise Öffnungszeiten oder die Einschränkung der Benutzung von öffentlichem Grund. Alternativ oder kumulativ können beispielsweise auch bestimmte Berufsqualifikationen, eine Eintragung in einem Register, eine Haftpflichtversicherung oder ein Leumundszeugnis verlangt werden.
Eine wichtige Quelle zur Frage, welche Qualifikationen verlangt werden, ist auch eine vom SBFI im Rahmen des Freizügigkeitsabkommens geführte Liste der Berufe, für die spezifische Berufsqualifikationen erforderlich sind (www.sbfi.admin.ch/diploma > reglementierte Berufe).
Zur Vermutung, dass manche Vorschriften eher aus korporatistischen Überlegungen eingeführt wurden, schlägt der Bundesrat vor, einen Bericht zu erarbeiten, der die verschiedenen Bedingungen betreffend Ausbildung und Berufsausübung sowie die Entwicklungen der letzten Jahre erfasst und analysiert, auf welches öffentliche Interesse sich die Reglementierungen stützen, und darauf aufbauend zu prüfen, ob weitere Massnahmen angezeigt sind.
Es ist noch offen, ob das Parlament diese Anregung aufnimmt.

Einflüsse der Rudolf Steiner-Pädagogik auf die Berufsbildung

Der Verlag Info3, der zu anthroposophischen Praxisfeldern publiziert, hat ein «Sonderheft Berufsbildung 2016» herausgegeben, was mich veranlasste mir wieder einmal zu überlegen, was ich über die Einflüsse der Pädagogik von Rudolf Steiner auf die Berufsbildung weiss.

Die Umsetzung dieser Pädagogik in den Rudolf Steiner-Schulen in der Schweiz bzw. den Waldorfschulen in Deutschland ist ja seit Jahrzehnten ein alternatives Bildungsmodelle mit einer beachtlichen Schülerzahl. Der Schwerpunkt liegt bei Primarstufe und Sekundarstufe I. Im 10.- 12. Schuljahr kann in verschiedenen Regionen der Schweiz die «Integrierte Mittelschule» besucht werden, deren Besuch an die Vorbereitung auf die Matura und den allgemeinbindenden Unterricht der Berufslehren (inkl. BM-Unterricht) angerechnet wird. (Kompass 2015) Die IMS bereitet auch auf gewisse Höhere Fachschulen vor und berufsorientierter Unterricht erleichtert den Übertritt, besonders in den Bereichen Gesundheit und Soziales, Landwirtschaft und Kunst. Zu einem Lehrabschluss führt die IMS aber nicht.
Im Unterschied dazu vermittelt die 1952 gegründete Hiberniaschule in Herne (Nordrhein-Westfalen) eine Doppelqualifikation, umfassend einen als gleichwertig anerkannten Berufsabschluss (Metall, Elektro, Schneiderei, Kinderpflege, Tischlerei) und eine Fachoberschulreife. Das eingangs erwähnte «Sonderheft» stellt zudem verschiedene Fachschulen vor, die zu beruflichen Abschlüssen aus Sekundarstufe II führen, meist in den Bereichen Gesundheit, Soziales, Erziehung und Kunst. Auch Lehrstellen werden ausgeschrieben, zum Beispiel in der Landwirtschaft.

In Deutschland existiert auch eine Hochschule, die auf Tertiärstufe eine Berufsausbildung vermittelt und dabei anthroposophisches Gedankengut und entsprechende Lehrangebote einfliessen lässt. Es ist die Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft bei Bonn mit den Fakultäten Kunst und Architektur sowie Human- und Gesellschaftswissenschaften. Zu letzterer gehören u.a. die Fachbereiche Wirtschaft (NZZ 21.8.08) und Bildungswissenschaften.

In der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts beeinflusste die anthroposophische Pädagogik zudem die berufliche Grundbildung in Unternehmen (Betriebslehren), von denen einzelne künstlerischen Unterricht in die Ausbildung der Lernenden einbezog, beispielsweise der heutige Technologiekonzern Voith GmbH, Heidenheim. Dies dürfte dazu beigetragen hat, dass der Deutsche Bildungsrat 1974 für die Berufsausbildung das «Studio» als vierten Lernort neben Betrieb, Schule und Lehrwerkstatt vorsah. Presseberichten ist zu entnehmen, dass es auch heute noch entsprechende Einflüsse gibt, doch hört man nicht mehr viel davon. Aus der Schweiz ist mir nur ein Versuch mit Schaffhauser Schreinern bekannt. (Bericht)

Von besonderer Bedeutung sind nach wie vor die Arbeiten des Berufspädagogen Michael Brater, der eine einschlägige Didaktik entwickelte, über das Verhältnis von Bildung und Arbeit nachdachte und bereits 1988 schrieb: «Man lernt nicht mehr Drehen, Fräsen usw., um es in der Arbeit direkt anwenden, sondern um mit diesem Wissen und Können etwas ganz anderes tun zu können. Hier bekommt die Berufsbildung durchaus Züge «formaler» Bildung, indem nicht mehr der Stoff als solcher wichtig ist, sondern mehr das, was an Fähigkeiten in der Aneignung bzw. der Auseinandersetzung mit dem Stoff gebildet wird.» und «Die alten pädagogischen Gegensätze von «Berufsausbildung» und «Allgemeinbildung» haben sich faktisch aufgehoben (auch wenn dies mancherorts noch nicht bemerkt wurde). Die Kernfrage der Berufsbildung lautet heute nicht mehr: Wie führt man in bestimmte Arbeitstechniken ein? – sondern: Wie legt man die Grundlage für selbständiges Handeln, für die Autonomie der Persönlichkeit?» (Berufsbildung und Persönlichkeitsentwicklung. Stuttgart 1988, S. 53 bzw. 56).

4% aller Zugangsberechtigungen zu universitären Hochschulen gingen 2014/15 an Berufsmaturan/dinnen

Die Passstelle, die Personen mit Berufsmaturität den Zugang zu den universitären Hochschulen öffnet, gewinnt an Bedeutung: Im Schuljahr 2014/15 wurden 752 Ausweise erworben, davon 43% von Frauen. (Quelle) Das entspricht rund 5% der Personen, die im gleichen Jahr eine BM erworben haben (14’172) und 4% aller erteilten Zugangsberechtigungen (18’438 gymn. Maturitäten und 752 Passerellen).
Die Zahl der Ausweise nach dem Besuch einer Passstelle nimmt fast jedes Jahr zu (Quelle):

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Das Handwerk Deutschlands setzt auf Studienabbrecher

Deutsche Berufsverbände des Handwerks haben die Studienabbrecher als Nachwuchsquelle entdeckt. Dazu setzen sie auf das vom Schweizer Gewerbe abgelehnte Duale Studium. Dazu zitiert die Deutsche Handwerks-Zeitung eine neue Studie:

Rund ein Drittel der Studierenden zweifelt daran, dass sie ihr derzeitiges Studium erfolgreich abschließen werden. Für fast 30 Prozent von ihnen ist eine Ausbildung im dualen System eine attraktive Alternative, falls sie ihr Studium abbrechen. Dies sind Ergebnisse einer Studierendenbefragung der Universität Maastricht in Kooperation mit dem Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) zur Attraktivität der Berufsbildung, vgl. die diesbezügliche Meldung.

Berufsbildung jenseits des BBG

Wir sind ja stolz auf unsere Berufsbildung – und vergessen dabei meist, dass es jenseits der durch das Berufsbildungsgesetz geregelten Bildungsgänge weitere Formen der Berufsbildung gibt, die sich durchaus sehen lassen können. Im neuen Buch von Evi Schmid, Philipp Gonon und mir haben wir einige davon beschrieben.
In den letzten Wochen habe ich mich noch etwas tiefer mit besonders kurzen Ausbildungen befasst, die als Alternative zu den BBG-geregelten Grundbildungen in Frage kommen, wenn ein Erwachsener eine berufliche Ausbildung erwerben will. Manche Interessierte fühlen sich ja vom Aufwand für den Erwerb eines EBA oder gar eines EFZ überfordert und könnten in diesem Bereich eine Möglichkeit für eine „Zweite Chance“ finden.
Die gute Kunde: Es gibt eine rechte Zahl von kürzeren Ausbildungen für Erwachsene. Einige können als in sich abgeschlossene und als solche für sich wertvolle Teile einer Vorbereitung auf ein EFZ besucht werden. Andere stellen Alternativen dar, die dank modularem Aufbau zu anspruchsvollen beruflichen Qualifikationen führen können.
Die schlechte Kunde: Manche Angebote sind den Aufwand nicht wert: Sie führen zwar zu wohlklingenden Abschlüssen, vermitteln aber Qualifikationen, für die kein Markt besteht – ausser als Ausbilder/in für andere Interessierte – es sind Schneeballsysteme im Bildungswesen.

Gleichartig statt gleichwertig?

Prof. Dieter Euler hat im neuen „folio“ (einmal mehr) einen interessanten Denkanstoss gegeben: Die Einsatzgebiete von Absolvent/innen beruflicher Bildungswege würden sich von denjenigen akademischer Studien in manchen Feldern kaum noch unterscheiden. Die Abgrenzungsformel „Gleichwertig, aber nicht gleichartig“ erweise sich immer mehr als Beschwörungsrhetorik statt als Beschreibung der Wirklichkeit. Euler nennt als Beispiel die Ausbildungen von Dipl. Pflegepersonen (Höhere Fachschule) und von BSc in Pflege (Fachhochschulen). Mir fallen dazu auch Ausbildungen in den Bereiche Gestaltung, Informatik, Architektur ein.

Interessant auch ein Schluss, den er daraus zieht: Weshalb ist der Zugang zu Fachhochschulen ausschliesslich über zusätzliche Allgemeinbildung möglich, nicht auch über zusätzliche berufliche Bildung?
Dazu ein Blick über die Grenze: In vielen deutschen Bundesländern eröffnet ein Meisterdiplom ebenfalls den Zugang zu Universitäten, nicht nur ein Abitur. Österreich kennt wie die Schweiz die Berufsmaturität. Sie basiert dort jedoch auf einer Kombination von zusätzlicher Allgemeinbildung und zusätzlicher Berufsbildung.

Das Handwerk Deutschlands kämpft um leistungsfähige Jugendliche

Ja, machen die Schweizer KMU auch. In Deutschland ist der Kampf wohl noch etwas härter: 50% aller Jugendlichen erwerben ein Abitur.

Hier einige Auszüge aus einem Interview mit Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer (Quelle):

Was bieten Sie an Karrieremöglichkeiten im Handwerk?

Wollseifer Der „Markenkern“ des Handwerks sind die duale Ausbildung und der Meisterbrief. Dazu gibt es auf allen Stufen Zusatzqualifikationen, Spezialisierungsangebote und Fortbildungen. Darüber muss künftig in allen Schulformen informiert werden – diese Berufsorientierung unterstützt auch Bundesbildungsministerin Wanka. Denn wir brauchen alle – den Hauptschulabsolventen wie den Abiturienten.

50 Prozent aller Kinder machen Abitur, die allermeisten wollen anschließend studieren. Gehen dem Handwerk hier Generationen verloren?

Wollseifer Dass sich so viele hohe Ziele setzen, ist ja ein gutes Zeichen. Hier muss die berufliche Bildung aber viel stärker in den Fokus rücken – auch hier findet höhere Bildung statt! Wir brauchen doch beides: gute Akademiker und gute Fachkräfte, die beruflich qualifiziert sind. Bachelor und Meister stehen auf Augenhöhe. Um mehr leistungsstarke Schulabgänger für das Handwerk zu gewinnen, werden beispielsweise das duale und das triale Studium angeboten.

Wie funktioniert das?

Wollseifer Duales Studium bedeutet: Ich mache meine Berufsausbildung im Betrieb und studiere parallel, erwerbe so Gesellenbrief und Bachelor. In Köln ist das triale Studium gestartet, das jetzt bundesweit Karriere macht: Hier kommt der Meisterbrief als dritter Abschluss hinzu, innerhalb von viereinhalb Jahren. Diese leistungsstarken jungen Leute sind im Handwerk höchst gefragt. In den nächsten zehn Jahren werden 200 000 Handwerksbetriebe an Nachfolger übergeben. Für die Übernahme sind diese Absolventen prädestiniert.

Eine Lehre ist in der Gesellschaft immer noch weniger gut angesehen als ein Studium …

Wollseifer Dagegen wollen wir eine „höhere Berufsbildung“ setzen. Erstes Ziel ist ein duales Gymnasium, das technisch oder wirtschaftlich orientiert ist. Mir schwebt ein „Abitur plus“, mit Berufsabschluss, für die Absolventen vor. Es gibt in Brandenburg, Baden-Württemberg und Bayern bereits solche Schulen. Wir wollen das jetzt zusammen mit Bund und Ländern als Leuchtturmprojekt auf den Weg bringen. Denn wir müssen den Jugendlichen Angebote unterbreiten, die attraktiv und gesellschaftlich anerkannt sind.

Was tun Sie für Studienabbrecher?

Wollseifer Wir arbeiten bereits stärker mit den Universitäten zusammen. Gemeinsam kümmern wir uns um Studienaussteiger, bieten ihnen berufliche Karrieren als Alternative an. Dazu gehört eine verkürzte Ausbildung in Kombination mit einer Fortbildung, etwa dem Meisterabschluss. Dabei werden ihre bisherigen Studienleistungen teilweise anerkannt. Wir vergessen aber auch junge Leute nicht, die Unterstützung brauchen – für sie wird es künftig 10 000 Plätze in assistierter Ausbildung geben.

3D-Drucker verändern die Arbeitswelt, die Berufsbildung und vielleicht sogar die Berufspädagogik

Die Entwicklung der Berufsbildung wird durch Veränderungen der Arbeitswelt determiniert, mehr noch als durch Veränderungen des Bildungswesens (hier).
Die wichtigste Entwicklung in der Arbeitswelt dürfte in nächster Zeit das Aufkommen der 3D-Drucker sein.

Wer nicht in einschlägigen Bereichen arbeitet erlebt die 3D-Drucker als Spielzeug, als Gadget für Nerds. 3D-Drucker können aber nicht nur Figürchen aus Plastik drucken, sondern auch komplizierte Werkstücke aus Titan und anderen Hochleistungswerkstoffen, vgl. hier. Die dafür nötigen Maschinen kosten heute ähnliche Beträge wie kleinere Fertigungszentren (6-stellige Frankenbeträge). Ihre Anschaffung ist somit für spezialisierte KMU möglich, wobei eine rasche Abschreibung einberechnet werden muss.

3D-Drucker ersetzen in erster Linie spanabhebende Bearbeitungsverfahren, treten aber auch an die Stelle gewisser Gussverfahren und können Schweisskonstruktionen ersetzen. Sie haben somit einen grossen Einfluss auf die Ausbildung von Polymechanikern und anderen MEM-Berufen.

Der Einfluss geht aber über den Wechsel von einem Fertigungsverfahren zum andern hinaus. Er ermöglicht grundsätzlich neue Vorgehensweisen, wie der oben verlinkte Beitrag zeigt, ist also auch bedeutungsvoll für Ausbildungen auf der Tertiärstufe. Ja, er stellt sogar für die Berufspädagogik neue Fragen:

Eduard Käser, stellt in seinem Aufsatz im Journal21 die Arbeit mit 3D-Druckern in Beziehung zur alten Diskussion über die Ablösung der Handarbeit durch Maschinen. Er berücksichtigt dabei die klassischen Bemühungen wie das Arts-and-Crafts-Movement, aber auch Bewegungen der Gegenkultur, wie sie in der 2. Hälfte des 20. Jh. verbreitet waren. Die neuste Welle sieht er im Maker Mouvment, wozu wohl auch die Repair Cafés zu zählen sind, die ja auch den 3D-Drucker erfolgreich einsetzen.

Manche Autoren erwarten mit dem Aufkommen der 3D-Drucker, die ja auf die Produktion von Einzelstücken ausgerichtet sind und der Gestaltung neue Möglichkeiten öffnen, eine neue Welle von Handwerk oder sogar Kunsthandwerk. Eduard Kaiser vertritt im Gegensatz dazu die Auffassung, die Arbeit mit 3D-Druckern sei eher als Gegensatz zur handwerklichen Arbeit zu verstehen: „Der 3D-Drucker markiert also im Grunde einen neuen Höhepunkt in der Trennung von Kopf und Hand. Radikaler als zuvor nimmt er uns das Machen aus den Händen.“

Vorausgesetzt, der 3D-Drucker bewirkt die Entstehung einer neuen Fertigungsform und -organisation, wie die Informatik die Bürowelt verändert hat – ich glaube, dass dem so ist – dann darf sie nicht als ein „Zurück zum Handwerk“ verstanden werden, sondern eher als das Gegenteil. Spannend sind in diesem Zusammenhang auch Überlegungen, die in Deutschland unter dem Schlagwort „Industrie 4.0“ angestellt werden, die eine „Neuordnung der Arbeitswelt“ erfordere.

Akademisierungsfalle – Stimme aus Deutschland

In Deutschland hat Julian Nida-Rümelin, „einer der renommiertesten Philosophen“ sich zum „Akademisierungswahn“ geäussert. Einem Vortrag (hier als PDF, hier als mp3) entnehme ich, folgende Informationen:

Fast 50% eines Jahrgangs haben heute eine „Hochschulzugangsberechtigung“. 20% von ihnennehme kein Studium auf. In Frankreich erreichen heute 75% ein Baccalaureat. Es ist aber zu beachten, dass Frankreich „ein ganz anders geartetes Hochschulsystem“ hat als Deutschland und „ein Bachelor-Studium in den USA hat mit einem wissenschaftlichen Studium in Europa nichts zu tun. Das ist eine Art gymnasiale Oberstufe mit Wahl- und gegen Ende gewissen Spezialisierungsmöglichkeiten. Sie ist eingerichtet worden, um ein wissenschaftliches Studium zu ermöglichen, auf ein wissenschaftliches Studium hinzuführen.“

„Das Bundesinstitut für Berufliche Bildung ist in einer Abschätzung der Bedarfe zwischen 2010 und 2030 (…) zu dem Schluss gekommen, dass wir im Bereich der Facharbeiterschaft, also der Bereiche, die eine berufliche Ausbildung, aber kein Studium erfordern, einen Fehlbedarf haben, der über all diese Jahre nicht gedeckt sein wird, von deutlich über 4 Millionen Menschen [und] (…) dass es im Bereich der akademischen Berufe keinen Mangel geben wird, ja sogar einen Überhang von mehr als 1 Million.“ Im MINT Bereich sei ein riesiger Deckungsbedarf zu erwarten, aber nicht bei den akademischen, sondern bei den nicht-akademischen MINT-Berufen.

Immerhin: „Für Menschen, die ein Studium abgeschlossen haben, wird es auch in Zukunft wahrscheinlich nur selten ein Problem geben, Arbeit zu finden, aber eben nicht in den Berufen, die ihrer Ausbildung angemessen sind. (…) Es gibt Untersuchungen, dass ein Gutteil der Absolventen akademischer Studiengänge weniger als den [in Zukunft gesetzlich vorgeschriebenen] Mindestlohn erhalten.“ Unter anderem als Lehrbeauftragte.

Zum Lebenseinkommen: „Es ist eine Lüge zu behaupten, dass ein Studium ein höheres Einkommen mit sich bringt. Es hängt davon ab, was man studiert hat. Tatsächlich verdienen z. B. Absolventen geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlicher Fächer im Durchschnitt weniger als Fachkräfte aus nichtakademischen Berufen – Bankfachleute, Maschinenbautechniker, Industriemeister, Elektrotechniker, Bautechniker usw. „

Als die Zukunft noch Zukunft hatte

Peter Glaser («Glaserei») hat in seinem Blog in der NZZ wieder einen eindrücklichen Post publiziert:
«IN DEN Fünfzigerjahren hatte die Zukunft noch Zukunft. Alles Künftige lag klar, strahlend und erfreulich vor den Instrumenten des Fortschritts. Probleme waren lösbar. …»
Das war die Zeit meiner Kindheit. Meine Lieblingslektüre war die deutsche Zeitschrift «Hobby», die sich mit dem technischen Fortschritt befasste. Ich war überzeugt, als Erwachsener den Arbeitsweg mit meinen privaten Helikopter zurück zu legen.
Glaser stellt diese Zeit dar, spannend vor allem seine Hinweise auf die Erwartungen an die künstliche Intelligenz.

Ja damals hatte die Zukunft noch Zukunft und die Probleme waren lösbar. Rückblickend können wir feststellen, dass es vielleicht besser ist, dass gewisse Probleme nicht gelöst worden sind. Sonst hätten wir heute noch einige Probleme mehr.

PS.
Ich habe damals ja meinen Traum realisiert und bin Ingenieur geworden. Dank einigen guten Professoren (Wiesmann, Dänzer, Biäsch) und Peter F. Drucker habe ich noch rechtzeitig festgestellt, dass die Zukunft, wie ich sie mir vorstelle, eher über die Gestaltung der Arbeitswelt zu erreichen ist als durch den Maschinenbau, so sehr dieser auch fasziniert, vgl. mein Aufsatz zu Peter F. Drucker (S. 3)

Sekundarstufe I 2005 und 2012

Bei der Gestaltung der Sekundarstufe I hat sich ja die Kreativität der kantonalen Bildungspolitik in einer Art geäussert, die Eltern, Lehrbetrieben und vor allem die Schüler/innen selbst immer wieder vor Probleme stellt. Mitarbeitende des Bundesamtes für Statistik erstellen in verdankenswerter Arbeit jedes Jahr eine Übersicht, vgl «Bildungslandschaft Schweiz». Für eine Publikation habe ich, basierend dieser Basis 2005 eine Grafik erstellt (hier), die ich nun anhand der Daten 2012 aufaddiert habe (hier), vgl. unten.
Vielleicht interessiert’s jemanden …
407 Sek I Schultypen 2012

Fachkräfteüberfluss

Gestern sprach ich mit einer jungen Frau, die eben eine Ausbildung für Umweltbildung an der ZHAW Wädenswil abgeschlossen hat und auf Stellensuche ist. Sie möchte das erworbene Wissen umsetzen können und berichtet, es seien durchaus einschlägige Stellen ausgeschrieben. Aber auf jede meldeten sich 200 bis 300 Bewerber/innen, darunter viele Biologen und Geographen mit Masterabschluss einer Universität.
Bei einem Stoss von 300 Bewerbungen erfolge dann verständlicherweise zuerst eine grobe Selektion an einem einfachen Kriterium und das sei eben der Bildungsabschluss und allenfalls noch der Umfang der einschlägigen Erfahrung. Mit ihrem Bachelor und beschränkter Erfahrung werde ihre Bewerbung bereits in diesem Stadium ausgesondert. Sie meldet sich nun auch auf Stellen mit Anforderungen, die – so sagt sie – eine gute kaufmännische Angestellte auch bewältigen würde. Kolleginnen von ihr hätten bereits drei oder vier Praktika absolviert, bei denen sie nur ein Taschengeld verdienen. Sie könne sich das nicht leisten, sie müsse zuerst Darlehen zurück zahlen, die sie aufgenommen habe um studieren zu können.
Vor einiger Zeit hatte ich Kontakt mit einer andern jungen Frau, die an der Luzerner FH Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Non-Profi-Organisationen studiert hat. Sie suchte längere Zeit vergeblich nach einer Stelle, trotz Abschluss mit Spitzennoten und bekam dann – dank ihrer Berufslehre als Polygraphin – ein Praktikum, gefolgt von einer zeitlich begrenzte Anstellung als Webmasterin in der Bundesverwaltung. Erst nach mehreren Jahren ohne niveaugerechter Tätigkeit hat sie nun, dank überzeugendem Auftreten, eine ihrer Ausbildung angemessene Stelle bei einer Stiftung erhalten.

Fachkräftemangel?

Viele junge Menschen suchen heute Arbeit, die sie als sinnvoll für die Umwelt, für die Menschen, für die Gesellschaft erachten. In diesen Bereichen herrscht kein Fachkräftemangel! Dies beweist auch der Lehrstellenmangel bei Pflegeberufen und der Numerus clausus der Fakultäten für Medizin und Tiermedizin.

Übrigens ein Überfluss, den neben Architekten, Beratungsbüros und Werbeunternehmen auch staatliche Stellen nutzen, um ihren Arbeitskräftebedarf budgetgünstig zu decken. Zulasten hochqualifizierte junger Erwachsener.

Professional Bachelor – in verschiedenen Ländern ein Titel für Höhere Berufsbildung

Schweizer Vertretungen der Höheren Berufsbildung fordern seit einiger Zeit, ihnen die Benutzung der Bezeichnung „Professional Bachelor“ zu erlauben. Ein Bericht der CEDECOP zeigt auf, dass dies in verschiedenen Ländern Europas gebräuchlich ist, so in Frankreich, Dänemark und Deutschland, wo 150 einschlägige Studiengänge bestehen. In Frankreich kann im Bereich der Landwirtschaft zudem einen „Professional Master“ erworben werden.

Der Begriff „Professional Bachelor“ wird verwendet für Abschlüsse der „professional higher education“, worunter Angebote auf den EQF-Levels 6 bis 8 verstanden werden, die nicht an Hochschulen durchgeführt werden. Diskutiert wird die Gleichwertigkeit zu den an Hochschulen erworbenen Bachelor-Abschlüssen im Hinblick auf die Frage, ob Professional Bachelors wie die Bachelors aus Hochschulen zu den Master-Degrees von Hochschulen zugelassen werden.

Quelle: CEDEFOP (2011): Vocational education and training at higher qualification levels. Research paper No 15. Luxembourg: Publications Office of the European Union. Download: http://www.cedefop.europa.eu/EN/publications/18646.aspx (4. Dez. 13)

Eine Generation im Zaudermodus

„Dreissig zu werden, heisst heute vor allem zu erkennen, dass Verheissungen sich nicht erfüllt haben.“ schreibt der 30-jährige Tomasz Kurianowicz in der NZZ:
„29 zu sein fühlt sich so an wie ein Sonntagmorgen nach einer durchfeierten Samstagnacht. Man inhaliert noch das Gefühl der Unbeschwertheit, der Freiheit, der nie versiegenden Jugend – und zugleich ahnt man schon, dass sich der Montag langsam in die Woche schleicht. …
Das Wochenende verblüht schnell. Mit dem Leben verhält es sich nicht unähnlich. Man ist zwanzig, geht in eine beliebige Grossstadt studieren, hat sich vorher so seine Phantasien zurechtgelegt – wie es ist, auf sich allein gestellt zu sein, sich zu verlieben, sich zu trennen und wieder zu verlieben, sich ins offene Leben hineinzuwerfen, Entscheidungen zu treffen, Wurzeln abzuschneiden und neue zu schlagen. Und dann merkt man, dass das naive Lebensgefühl ziemlich schnell verfliegt …
Und dann kommt der Schock. Der Schock um die Erkenntnis, dass die Zeit abläuft. Dass man falsche Entscheidungen getroffen hat. Dass man jemand ist, der man nicht werden wollte und dass man nicht jeder werden kann.

… darum brauchen wir eine Berufslehre für Errwachsene, eine die sie echt ergreifen können, eine echte ZweiteChance. Der Text – und die 32 Kommentare, die bisher dazu publiziert wurden, geben uns einen Eindruck von der Befindlichkeit und damit von den Bedürfnissen der „Generation im Zaudermodus“.

Fachkräftemangel heisst …

… denn auch nicht un­bedingt, dass es keine entsprechenden Spezi­alisten gibt, sondern lediglich, dass zum herrschenden Lohnniveau die Nachfrage nach Fachkräften das Angebot übersteigt.“

Diese Aussage von Samuel Mühlemann und Stefan C. Wolter müssen wir uns immer mal hinter die Ohren schreiben, vor allem wenn verlangt wird, dass das Bildungssystem ‚rasch und entschieden‘ auf den Fachkräftemangel reagiert.

(Zitat aus Samuel Mühlemann und Stefan C. Wolter: Personenfreizügigkeit dämpft den Fachkräftemangel in der Schweiz. Die Volkswirtschaft 6-2013, S. 16)

Berufe von morgen (1968)

Es ist wohl eine Alterserscheinung: ich glaube nicht mehr so recht an Zukunftsprognosen. Eine Altererscheinung, verursacht durch all die falschen Prognosen, die ich im Laufe der Jahre gelesen habe. Manche betrafen die ach so verständliche Frage nach den ‚Berufen von morgen‘ So verständlich vor allem aus Sicht der Eltern, die das beste für ihre Kinder wollen, wenn es um deren Berufswahl geht.

So ist es denn nicht erstaunlich, dass 1968 der erfolgreiche und renomierte Econ-Verlag ein Buch von C.V. Rock unter dem Titel „Berufe von morgen“ als „eines der aufregendsten Sachbücher unserer Zeit“ ankündete.

Der Autor entwarf zuerst das „Bild der Welt von morgen“, denn „Neue Entwicklungen haben Einfluss auf Berufe.“ 1968 erwartete man laut C. V. Rock:

  • Bis 1980 haben wir eine zuverlässige Wettervorhersage – keine Missernten mehr
  • Ab 1990 können wir von jedem Punkt der Erde die automatischen Zentralbibliotheken verwenden
  • Ab 1990 kennen wir nur noch die automatische Zollabfertigung – wohin mit den Beamten?
  • Ab 1990 können wir uns synthetisch ernähren
  • Ab 2000 besitzen wir ausreichende Meeresgrundfarmen
  • Ab 2000 beherrschen die Lehrautomaten den Unterricht – Lehrer nur noch Aufsichtspersonen
  • Ab 2010 können wir das menschliche Alter chemisch kontrollieren – Unsterblichkeit?
  • Ab 2020 erreichen wir das allgemeine Existenzminimum für alle auf der Erde Lebenden – Paradies?
  • Ab 2020 besitzen wir dank der Automaten eine Weltsprache

Auszug aus der Liste S. 81f im ‚Originalton’.

Im Buch werden dann Berufe aufgezählt, die dank der Veränderungen der Arbeitswelt um die Jahrtausendwende besonders gute „Berufsaussichten“ haben. Hier ein Auszug:

  • Bearbeiten von Stoffen: Betonwerker / Modellschlosser / Werkzeugmacher
  • Montieren und Zusammenbauen: Feinmechaniker / Ingenieure (versch. Fachrichtungen) / Kunststoffschlosser / Stahlbauschlosser /
  • Gestalten, Formen, Schmücken: Graveur, Keramikingenieur, Zahntechniker
  • Maschinen-Bedienung: Gefrierverfahren-Techniker / Strickeinrichter / Tiefbohrer /
  • Untersuchen und Messen: Biologielaborant / Ozeanograph / Physiklaborant /
  • Entwerfen: Schilder- und Lichtreklamen-Hersteller
  • Züchten und Hegen: Diplomlandwirt / Pflanzenschutz-Techniker / Fischzüchter / Zuchtwart
  • Planen, Verwalten, Werben: Exportkaufmann / Hotelkaufmann / Werbegrafiker / Wirtschaftsjurist
  • Bedienen und Beraten: Beamter der Arbeitsämter / Datenverarbeiter / Friseur
  • Unterstützen: Arzthelferin / Rechtsanwalt / Beamte im höheren Dienst
  • Überwachen und Sichern: Beamter im Dienst der Bundeswehr / Seefunker
  • Pflegen und Betreuen: Hauswirtschaftsgehilfin / Steward / Wirtschafterin / Lehrer / Psychiater

Hier ein PDF dieser beiden Auszüge.

Das Handwerk kehrt zurück

… titelt die NZZaS einen Aufsatz ihres Stilberaters Jeroen von Rooijen. Er berichtet:

„Die Welt wird in rasendem Tempo digitaler und virtueller. Diese Entwicklung öffnet aber gleichzeitig neue Räume für die reale Welt, in der es um ursprüngliche Werkstoffe mit vertrauter Haptik, um Handwerk und grundlegende menschliche Bedürfnisse geht. Wer diesen Frühling am Mailänder Möbelsalon durch die Showrooms und Ateliers der jungen Designstudenten und Newcomer schlenderte, der sah dort eine Generation am Werk, die stark mit der Renaissance des Handwerks beschäftigt ist. Diese jungen Leute, aufgewachsen mit Internet und Smartphone, entdecken das schlichte Vergnügen von traditioneller Handwerkskunst wieder, sie forschen nach fast schon vergessenen Werkstoffen, sie kochen, schreinern, backen, stricken und nähen.“

Er spricht mir aus dem Herzen, vgl. meinen Text „Handwerk – der neue Luxus„. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Resultate einer Umfrage des renomierten deutschen Meinungsforschungsinstuts Allensbach:

Die Allensbacher Berufsprestige-Skala 2011
… und interessant ist die Tatsache, dass die Zürcher Hochschule der Künste in ihrem neuen Sitz auf dem Tony-Areal keinen Platz für die handwerklichen Werkstätten fand, die sich im alten Gebäude an der Ausstellungsstrasse betrieben wurden. Sie wurden bzw. werden aufgelöst …

Jugendarbeitslosigkeit: Fehler bei den Quoten werden anerkannt

Ich habe letzten Sommer darauf hingewiesen, dass die Unterschiede bei der Jugendarbeitslosigkeit zwischen Deutschschweiz und Romandie überschätzt werden. Frau Prof. Monika Bütler hat dann analoge Überlegungen publiziert.

Nun folgt die deutsche Arbeitsmarktbehörde, die Bundesagentur für Arbeit (BdA) mit Überlegungen zur Jugendarbeitslosigkeit in den Ländern der EU. Für Spanien beispielsweise hört man von einer Jugendarbeitslosigkeit von 55.9%. Diese Quote vergleicht die Zahl der Arbeitssuchenden mit derjenigen der gleichaltrigen Jugendlichen, die arbeiten oder einen Job suchen. Ein grosser Teil der 15 bis 25-jährigen Jugendlichen besucht aber noch eine Schule bzw. Hochschule. Vergleicht man die Zahl der Arbeitssuchenden mit der Gesamtzahl der 15- bis 25-Jährigen, beträgt die Jugendarbeitslosigkeit gemäss BdA in Spanien nicht mehr 55.9%, sondern 20.6%.

Selbstverständlich sind auch das noch 20% zu viel – trotzdem ist es falsch zu behaupten, jeder 2. Jugendliche in Spanien sei arbeitslos. In Deutschland beträgt die Quote gemäss gleicher Quelle übrigens zurzeit 4.1% statt 7.6%