Prezi zu einer Didaktik der beruflichen Bildung

Andreas Sägesser arbeitet zusammen mit Kolleg/innen seit Jahren an einem Konzept zur Förderung des Kompetenzentwicklung von Berufslernenden, das dem Selbstlernen grosse Bedeutung zumisst. Unter dem Titel «KoRe Landschaft Didaktik der beruflichen Bildung 1» hat er dazu ein Prezi publiziert, umfassend grafische Darstellungen, Videos und kleine Vorträge, die seine Vorstellungen in einer neuen Form zugänglich machen.

Ich versuche seit einiger Zeit, den Arbeiten dieser Gruppe zu folgen, denn ich empfinde sie als sinnvolle Umsetzung des Kompetenz-Konzeptes. Die erwähnte Präsentation ist zudem die erste Anwendung von Prezi, der Alternative zu PowerPoint, die mich fasziniert. Prezi – so angewandt – kann wirklich eine Alternative der öden PowerPoint-Darstellungen sein!

Ich muss mich aufmachen, dieses Tool zu lernen …

Was kann man an Kompetenzen schlecht finden?

Seit Jahren schätze ich die Beiträge der Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Gabi Reinmann, Professorin für Lehren und Lernen an der Universität der Bundeswehr München, und lese deshalb ihren Blog „E-Denkarium„. Sie erprobt mit grossem Einsatz immer wieder Neues , besonders auch in ihrem eigenen Unterricht. Sie ist zudem äusserst vorsichtig, wenn sie den Eindruck hat, dass zu viele ihrer Kolleg/innen einem neuen wissenschaftlichen ‚Hype‘ nachrennen.

Ein eben erschienener Beitrag behandelt die auch in der Schweizer Berufsbildung verfolgten Mode, Lehrpläne als Kompetenzen zu formulieren. Nachdem ich eben geholfen habe, auf dieser Basis eine Berufsprüfung zu konzipieren und dabei neben den Stärken auh die Schwächen dieses Ansatzes erlebe, nehme ich ihre Frage doppelt ernst und erlaube mir, aus ihrem Text zu zitieren:

„Beim Lesen von Beiträgen zum Kompetenzthema beschleicht mich trotzdem immer so ein zwiespältiges Gefühl. Es stören mich mehrere Dinge, ohne dass ich wirklich genau explizieren könnte, was es ist, das mich stört:

• Vielleicht stört mich der implizit in der „neuen“ Kompetenzorientierung steckende Vorwurf, vor der Kompetenzwelle hätte niemand Interesse am Handeln gehabt, was man so sicher nicht stehen lassen kann.
÷ Vielleicht stört mich aber auch die mit der Kompetenz- und Output-Orientierung verbundene (scheinbare oder tatsächliche?) Abwertung der Inhalte bzw. der Sache, mit der man sich in einem Studium beschäftigt bzw. beschäftigen sollte.
• Damit zusammenhängend stört mich vielleicht auch die sich bei mir einschleichende Befürchtung, dass man in einem „kompetenzorientierten Studium“ vor allem um sich selber kreist und sowohl Inhalte als auch andere Personen letztlich nur Mittel zum Zweck (welchen genau?) werden.
• Vielleicht stört mich darüber hinaus ein impliziter Widerspruch, nämlich der zwischen der Behauptung, dass nun alles Interesse an den Kompetenzen hafte, die als Dispositionen allerdings nicht direkt erkennbar sind, und der Forderung, alles Augenmerk plötzlich auf das sichtbare Verhalten zu lenken, das ja allenfalls ein Indikator für eine Kompetenz sein kann.“

Schule als Fabrik?

Der abtretende Direktor der Zurich International School, Peter Moll verglich in der NZZ vom 6. August 2012 das „heute praktizierte Schulmodell“ mit dem „aus dem 19. Jahrhundert stammende Fabrikmodell: Alles, was hinten rauskommt, muss gleich aussehen. Unterwegs wird die schlechte Ware von der guten getrennt, aber die Prozesse sind für alle gleich. Es gehört abgelöst. Die Technologie ermöglicht heute ein viel individuelleres Lernen und Lehren.“

Dazu konkretisiert er: „Intensiv unterhalten wir uns zurzeit über den «flipped classroom». Bisher war es üblich, dass der Unterricht in der Klasse stattfand. Danach ging man nach Hause und übte dort das Gelernte. Am nächsten Tag folgte der nächste Schritt. Der «flipped classroom» stellt dieses Paradigma auf den Kopf. Die Schüler holen sich den Inhalt nach Anleitung irgendwo selber ab, zum Beispiel im Web in der Khan Academy. In der Klasse wird dann der Inhalt vertieft. Was früher im stillen Kämmerchen geschah, wird jetzt zusammen mit dem Lehrer in Gruppen geübt. Das alte Modell bezweckt, möglichst viel Wissen anzuhäufen, um es in Prüfungen wiedergeben zu können. Wir wollen, dass die Schüler zwar über Wissen verfügen, aber damit etwas anzufangen wissen.“

Den Vergleich mit einer Fabrik scheint mir spannend. Allerdings ist dieses Modell relativ spät übernommen worden. Bis weit ins 20. Jh. hinein war manche Schule eher mit einem Handwerksbetrieb zu vergleichen, mindestens in der Volksschule und auf dem Land.

Das neue Modell, das er skizziert, ist allerdings nicht ganz so neu – oder höchstens für Gymnasien: Ähnliche Ansätze waren in den letzen Jahren unter dem Titel „blended learning“ im Gespräch. Ganz unbescheiden darf ich zudem darauf hinweisen, dass der genau gleiche Gedanke Basis des „Kombiunterrichts“ war, den wir bei der Gründung der „BBC-Technikerschule“ 1971 realisierten, vgl. hier und hier. Die Lernenden hatten anhand von Lehrmaterialen das Wissen zu erarbeiten, dass dann im Unterricht diskutiert und vertieft wurde. Wichtig ist, dass dazu didaktisch gut aufgebaute Lernmaterialien vorliegen.

Später wurden ähnliche Ansätze in Lehrwerkstätten von Unternehmen eingeführt, der sog. Leittextunterricht. Auch die Ansätze des „Schulunternehmers“ Peter Fratton seien erwähnt, die u.a. für Brückenjahre in Zug und Basel aber auch für die Ausbildung von Mediamatikern in Romanshorn wegweisend sind.

Damit will ich aber keineswegs die Idee Molls schlecht reden. Im Gegenteil, ich hoffe, dass sich diese Gedanken vermehrt durchsetzen – in Ansätzen geschieht dies bereits an vielen Schulen auf allen Stufen.