Digitale Medien im Bildungswesen – seit 30 Jahren im Gespräch

Ein Aufsatz von Nando Stöcklin über die Veränderungen, die das Internet für die Schulen bringt, hat mich veranlasst, 30 Jahre zurück zu blicken auf die Zeit, als der Computer in die Schulen drängte, als erstmals über die Bedeutung des Programmierens diskutiert wurde, und 20 Jahre, als das Internet aktuell wurde.

Wir, die Befürworter dieser Entwicklungen, haben damals vom Einsatz der Computer und ein zweites Mal vom Internet im Unterricht sehr viel erwartet. Nicht nur neue Inhalte sondern vor allem der Durchbruch von Unterrichtsformen, wie wir sie damals als wünschbar betrachtet haben: mehr „Denkschulung“ (so hiess das damals), andere Unterrichtsformen, anderes Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden. Die Pessimisten ihrerseits sahen Kulturverlust, Überforderung, sinkende Qualität voraus.

Verändert hat sich nicht viel und wenn dann indirekt als Folge von Veränderungen, die die Informations- und Kommunikationstechnik in der Gesellschaft auslöste. So vermute ich, dass auch die neusten Entwicklungen der digitalen Medien im Bildungswesen nicht allzu viel ändern werden. Unter anderem weil eine Bedingung nicht erfüllt ist, die Nando Stöcklin nennt: „Das Potenzial des Internets lässt sich nur ausschöpfen, wenn möglichst viele Menschen kompetent damit umgehen können.“

Ich hatte in den letzten Monaten mit Verantwortungsträgern im Bildungswesen zu tun, die mir zeigten, dass IT-Kenntnisse, die über Office-Grundlagen und die Verwendung einiger Funktionen eines Browsers hinausgehen, kaum verbreitet sind. Deshalb fehlt die Basis für eine fundierte Reflexion der Chancen und Gefahren, der Möglichkeiten und Grenzen der IT.

Ich habe gelernt, dass eine neue Technik im Bildungswesen nicht viel verändert. Sie kann sowohl den Erhalt alter Formen des Unterrichts sichern (PowerPoint z.B.) als auch neue Formen begünstigen. In welcher Richtung es geht ist abhängig vom Umgang, den Lehrende und Lernende miteinander pflegen.

Wenn es zum Beispiel selbstverständlich wäre, dass Lehrende von ihren Lernenden lernen würden, wie man mit sozialen Medien umgeht, dann wäre wohl der von Stöcklin geforderte kompetente Umgang mit dem Internet rasch zu erreichen, denn die meisten Jugendlichen gehen schon heute durchaus kompetent mit digitalen Medien um.

Prognosen

1990 wurde an der ETH Zürich diskutiert, ob man für die Studierenden E-Mail-Konti einrichten sollte. Die Mehrheit der Informatik-Professoren waren der Meinung, Studierende brauchten kein E-Mail, der Vorschlag bedeute herausgeworfenes Geld.
Dies erfährt man in der Abschiedsvorlesung von Prof. Dr. Walter Gander, Lehrstuhl für wissenschaftliches Rechnen.

Ich habe mich gefragt, welcher Vorschlag heute wohl ähnlich beantwortet würde: Gib jedem Kind bei Eintritt in die Schule ein iPad mit (wie früher mal eine Schiefertafel) und unterrichte Handschrift als Teil des Handarbeitsunterrichts.
(Ich selbst würde diesen Vorschlag sofort unterstützen).

Zurück zur erwähnten Vorlesung. Gander zitiert merhmals Keller und Gotthelf, letzteren mit einem Abschnitt aus den „Freuden und Leiden eines Schulmeisters“: „Als einst der Herr Pfarrer an einem Schulexamen uns eine Addition aufgeben wollte, sagte der Schulmeister: Verzeit wohlwürdiger Herr Pfarrer, seligs hämmer gar lang nid grechnet, sie köis ghum me, mir sy jetzt bim Dividieren.“

E-Learning boomt – aber nicht so wie erwartet

Den ersten Computer gestützten Unterricht habe ich anfangs der 70-er Jahre erlebt. Es waren einfache Tutorials, nach Behavioristischen Grundsätzen aufgebauter „Programmierter Unterricht.“ Auf unsere Bestellung hin erhielten wir einschlägige Programme aus den USA auf einem grossen Magnetband, das das Rechenzentrum der Universität Zürich auf einem Grossrechner installierte. Wir konnten mit Terminals – umgebauten Kugelkopf-Schreibmaschinen -darauf zugreifen.
Inzwischen arbeiten hunderte von Wissenschaftlern an Möglichkeiten, Lernprozesse mit elektronischen Mitteln zu optimieren, wobei elaborierte didaktische Konzepte zur Anwendung gelangen – das Rennen scheint aber vorläufig eine uralte Form von Unterricht zu machen: die Vorlesung.

„E-Learning boomt – aber nicht so wie erwartet“ weiterlesen