Der Bund will die Vermittlung von Grundkompetenzen finanziell fördern. Die Stossrichtung der Massnahmen überrascht in mehrfacher Hinsicht.

«Der Bundesrat hat an seiner Sitzung vom 5. April 2017 das WBF beauftragt, bis im November 2017 auf der Grundlage des Berufsbildungsgesetzes ein Programm für die Weiterbildung von Arbeitnehmenden im Bereich Grundkompetenzen, namentlich mit Blick auf die Digitalisierung der Wirtschaft, zu entwickeln. Die Massnahmen sollen es geringqualifizierten und insbesondere älteren Arbeitnehmenden ermöglichen, im Erwerbsleben zu verbleiben. Ebenfalls bis im November sind die allfälligen notwendigen finanziellen Ressourcen zu beziffern und dem Bundesrat zu beantragen.» (Medienmitteilung)

In der Begründung wird ausgeführt, es bestehe ein ausgebautes Instrumentarium für die Weiterbildungsfinanzierung für Arbeitnehmende. Handlungsbedarf gäbe es hingegen bei der Förderung von Grundkompetenzen wie Kenntnissen der lokalen Sprache oder grundlegenden Informatikkenntnissen. Dies sei insbesondere erforderlich bei über 45-Jährigen sowie in Bereichen mit ausgeprägtem Fachkräftemangel.

Mich wundert, dass die Förderung der Lokalsprache bei über 45-Jährigen und grundlegender Informatikkenntnisse in Bereichen mit Fachkräftemangel Wirkungen haben soll. Weiter erstaunt mich, dass sich die geplanten Massnahmen auf das Berufsbildungsgesetz stützen sollen und nicht auf das neue Weiterbildungsgesetz, in dem die Förderung der Grundkompetenzen ein Schwerpunkt darstellt.

Befremdlich finde ich die Einschätzung der Weiterbildungsfinanzierung. Die Leistungen für die Weiterbildung von Arbeitnehmer/innen mögen in einigen Branchen sehr gut sein, zum Beispiel im Bauhauptgewerbe. Ihre Ausrichtung ist aber in der Regel von der Zustimmung der Arbeitgeber abhängig. Weiter fehlt sie bei sehr viel prekär Arbeitenden, insbesondere in den Bereichen Werbung und Medien. Solche Arbeitsnehmende (oft mit sehr geringen Einkommen) sowie viele Selbständigerwerbende müssen ihre Weiterbildung selbst berappen. Die ungedeckten Aufwendungen können bald mal einen fünfstelligen Betrag ausmachen, wenn die Weiterbildung arbeitsmarktrelevant sein soll.

Im Kanton Thurgau entsteht eine rechtliche Grundlage für niederschwelliges Ausbildungsangebot im ersten Arbeitsmarkt.

Im April 2013 verlangte der Thurgauer Kantonsrat Roland A. Huber in einer Motion im Grossen Rat des Kantons die „Schaffung der gesetzlichen Grundlage für ein niederschwelliges Berufsausbildungs-Angebots“. Der Vorstoss wurde im Februar 2014 als erheblich erklärt und am 27. Oktober 2015 schlug der RR dazu dem KR eine Änderung des Gesetzes über die Berufsbildung und die Mittelschulen vor:

Kantonales Ausbildungsattest
1 Das kantonale Ausbildungsattest ist eine niederschwellige Grundbildung im ersten Arbeitsmarkt zur Erlangung von fachlichen Grundfertigkeiten für Personen mit Wohnsitz im Kanton Thurgau.
2 Die Ausbildung zum Erhalt des kantonalen Ausbildungsattests dauert zwei Jahre. Vier Tage pro Woche werden im Ausbildungsbetrieb geleistet, ein Tag an einer kantonalen Berufsfachschule.
3 Das kantonale Ausbildungsattest enthält einen Kompetenznachweis der fachlichen Fähigkeiten sowie ein Abschlusszeugnis der Berufsfachschule.
4 Grundlage bildet ein schriftlicher, vom Kanton zu genehmigender Ausbildungsver- trag mit einem Ausbildungsbetrieb mit Bildungsbewilligung.

Seitens der SVP wurde mit folgender Begründung ein Verzicht auf ein kantonales Ausbildungsattest verlangt:

Die Einführung eines kantonalen Ausbildungsattestes macht deshalb aus vier Gründen keinen Sinn:
1. Weil mit der zweijährigen Grundbildung mit EBA eine gute Alternative geschaffen wurde, die für ein gleichbleiendes, auf dem Arbeitsmarkt nachgefragtes Niveau sorgt.
2. Weil das Gesetz über die Berufsbildung heute schon Massnahmen zur Unterstützung vorsieht.
3. Weil Jugendliche ihre Kompetenzen bald auch individuell bescheinigen lassen können.
4 Weil das Gewerbe, die Industrie und die Branchenverbände keine kantonalen „Berufs-Züglein“ wollen. Dies zugunsten der Jugendlichen und der Unternehmungen. Diese Basis gilt es zu respektieren.

Diesem Antrag wurde mit Stichentscheid des Präsidenten zugestimmt.

In der zweiten Lesung am 20.4.16 wurde der Entwurf zur Überarbeitung an den RR zurück gewiesen, mit dem Auftrag, den aufgeworfenen Fragen im Zusammenhang mit der beruflichen Qualifizierung von weniger leistungsfähigen Jugendlichen nachzugehen. Am 16.8.16 legte der RR eine umfangreiche (und lesenswerte!) Ergänzung seiner Botschaft vor, in dem er ausführlich auf rechtliche Grundlagen und auf das Bildungssystem eingeht und als Lösungsansatz den „Individuellen Kompetenznachweis für Jugendliche, die keinen eidgenössischen Berufsabschluss erlangen (IKN)“ beschreibt. Er schlägt nun vor, das Gesetz über die Berufsbildung und die Mittelschulen wie folgt zu ergänzen:

Für leistungsschwache Jugendliche mit Wohnsitz im Kanton Thurgau kann der Kanton ein niederschwelliges Ausbildungsangebot im ersten Arbeitsmarkt vorsehen. Der Regierungsrat regelt die Einzelheiten.

Fortsetzung folgt wohl demnächst …
(Dieser Link zeigt die Übersicht über den Ablauf der Verhandlungen.)

Viele berufliche Tätigkeiten erfordern eine zertifizierte Ausbildung. Die Notwendigkeit solcher Regelungen soll untersucht werden.

In einem Postulat weist NR Philippe Nantermod darauf hin, dass die Ausübung mancher Berufe durch Vorschriften bezüglich der nötigen Ausbildung eingeschränkt wird. Er äussert die Vermutung, dass dies nicht immer gerechtfertigt sei, sondern der Einschränkung der Konkurrenz diene.

Der Bundesrat weisst in seiner Stellungnahme darauf hin, dass die Wirtschaftsfreiheit in der Bundesverfassung verankert ist (Art. 27) und deren Einschränkung nur zulässig ist, wenn sie durch ein öffentliches Interesse oder durch den Schutz von Grundrechten Dritter gerechtfertigt ist (Art. 36 Abs. 2 BV). Die Bundesverwaltung führt ein Verzeichnis „der Bewilligungen und reglementierten Berufe in der Schweiz“, das gegenwärtig 453 Bewilligungen, basierend auf Bundesrecht, 286 basierend auf kantonalem Recht und 3237 Bewilligungen durch Gemeinden aufzählt. Sehr viele betreffen nicht die Ausbildung, sondern beispielsweise Öffnungszeiten oder die Einschränkung der Benutzung von öffentlichem Grund. Alternativ oder kumulativ können beispielsweise auch bestimmte Berufsqualifikationen, eine Eintragung in einem Register, eine Haftpflichtversicherung oder ein Leumundszeugnis verlangt werden.
Eine wichtige Quelle zur Frage, welche Qualifikationen verlangt werden, ist auch eine vom SBFI im Rahmen des Freizügigkeitsabkommens geführte Liste der Berufe, für die spezifische Berufsqualifikationen erforderlich sind (www.sbfi.admin.ch/diploma > reglementierte Berufe).
Zur Vermutung, dass manche Vorschriften eher aus korporatistischen Überlegungen eingeführt wurden, schlägt der Bundesrat vor, einen Bericht zu erarbeiten, der die verschiedenen Bedingungen betreffend Ausbildung und Berufsausübung sowie die Entwicklungen der letzten Jahre erfasst und analysiert, auf welches öffentliche Interesse sich die Reglementierungen stützen, und darauf aufbauend zu prüfen, ob weitere Massnahmen angezeigt sind.
Es ist noch offen, ob das Parlament diese Anregung aufnimmt.

Im Bregenzerwald wurde eine neues Modell zur Ausbildung im Handwerk realisiert.

Der Begrenzerwald im Vorarlberg, bereits im Barock für seine Baumeister, Maler und Stuckateure bekannt, hat sich nach dem zweiten Weltkrieg zu einer Region entwickelt, in der eine Vielzahl von Betrieben Holzbau, Innenausbau und Möbelproduktion in bester Qualität produzieren und damit diesem Hügelland zwischen Rheintal und Bayern eine neue Blüte verschafften. Der „Werkraum Bregenzerwald“ in Andelsbuch, erbaut im Auftrag von 89 regionalen Handwerksfirmen und gestaltet von Architekt Peter Zumthor, Haldenstein, ist heute ein Wallfahrtsort für alle, die sich für anspruchsvolles Handwerk interessieren, vom Bauhandwerk bis zu Möbel-, Schmuck- und Textilgestaltung.

Da horcht man auf, wenn die Träger dieses Werkraums, zusammen mit den „Wirtschaftsschschulen Bezau“, einen Ausbildungsgang für Handwerkerinnen und Handwerker anbieten. Im September 2016 wurde der Unterricht mit 31 Schüler/innen aufgenommen. (Medienmitteilung)

Der Ablauf wird wie folgt charakterisiert:
1. Jahr: Handelsschule mit Entscheidung für ein Material, 25 Schnuppernachmittage sowie ein 4-wöchiges Praktikum in einem Werkraum-Mitgliedsbetrieb.
2. Jahr: Handelsschule mit Entscheidung für einen Beruf, 10-wöchiges Praktikum in einem Werkraum-Mitgliedsbetrieb.
3. Jahr: Abschluss Handelsschule und Entscheidung für einen Betrieb, Beginn des Lehrverhältnisses, verkürztes erstes Lehrjahr, Beginn des Berufsschulunterrichts
4. Jahr: Lehre, zweites Lehrjahr
5. Jahr: Lehre, drittes Lehrjahr mit Lehrabschlussprüfung

Die Ausbildung wird nach dem 8. Schuljahr aufgenommen, ein Jahr vor Ablauf des Schulobligatoriums.
Die handwerkliche Ausbildung kann in rund dreissig verschiedenen Berufen absolviert werden, unter anderem in Schreinereien im Metallbau, IT-Technik, Ofenbau, als Filzer/in, Koch/Köchin, Metzger/in.
Im Juni des 3. Schuljahres erfolgt ein fließender Übergang in ein Lehrverhältnis in dem der Lehrlingslohn bezahlt wird, der Schüler nicht mehr Schüler sondern Lehrling ist und auch die Berufsschule besucht.
Im Laufe der fünf Jahre werden mehrere Abschlüsse erworben: Lehrabschluss, Handelsschulabschluss inkl. der von der Gewerbeordnung verlangten Unternehmerprüfung, allenfalls auch die Berufsmatura, die ja in Österreich auch eine Zulassung zu den Universitäten darstellt.
Der Lehrgang ist kostenlos, da der Schulunterricht an öffentlichen Schulen stattfindet.

werkraumschule-logo
Quellen:
Köbi Gantenbein: Werkraum, Haus, Schule. IN Hochparterre 9/16
Florian Eicher und Renate Breuß: eigen+sinnig. Der werkraum bregenzerwald als Modell für ein neues Handwerk, München (oekom) 2005
sowie die oben verlinkten Websites und Unterlagen sowie eine Mitteilung von Susanne Schedler, Werkraum Bregenzerwald.

 

UPDATE (8. Dez. 2016)

Werkraum Bregenzerwald von UNESCO ausgezeichnet
Der Werkraum wurde gemeinsam mit zwei weiteren Handwerkszentren in Oberösterreich, dem Textilzentrum Haslach und dem Hand.Werk.Haus in Bad Goisern, in das internationale „Register guter Praxisbeispiele für die Erhaltung des immateriellen Kulturerbes“ aufgenommen. (Quelle)

Das Handwerk Deutschlands setzt auf Studienabbrecher

Deutsche Berufsverbände des Handwerks haben die Studienabbrecher als Nachwuchsquelle entdeckt. Dazu setzen sie auf das vom Schweizer Gewerbe abgelehnte Duale Studium. Dazu zitiert die Deutsche Handwerks-Zeitung eine neue Studie:

Rund ein Drittel der Studierenden zweifelt daran, dass sie ihr derzeitiges Studium erfolgreich abschließen werden. Für fast 30 Prozent von ihnen ist eine Ausbildung im dualen System eine attraktive Alternative, falls sie ihr Studium abbrechen. Dies sind Ergebnisse einer Studierendenbefragung der Universität Maastricht in Kooperation mit dem Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) zur Attraktivität der Berufsbildung, vgl. die diesbezügliche Meldung.

Berufsbildung für Erwachsene

Seit bald zehn Jahren beschäftigen wir uns mit der Berufsbildung für Erwachsene. Seit einiger Zeit ist das Projekt „ZweiteChance“ unser wichtigstes Arbeitsgebiet. Es befasst sich mit der Förderung der über 600’000 Einwohner/innen der Schweiz im Alter von 25 bis 64 Jahren, die nach der obligatorischen Schulzeit keine weitere Ausbildung abgeschlossen haben.
Ich werde in Zukunft in diesem Blog immer mal wieder auf Resultate aus diesem Projekt hinweisen und über Vorkommnisse orientieren,die sich mit der Thematik befassen.

2015 haben wir unter anderem folgende Recherchen abgeschlossen und auf der Website der Firma publiziert:

Ein erfolgreiches Modell aus Österreich: «Du kannst was!»
Die Entwicklung und der heutige Stand der rechtlichen Grundlagen der Berufsbildung für Erwachsene
Das einschlägige Angebot von Hotel&Gastro formation Schweiz
Warum Berufsbildung für Erwachsene? Ein Argumentarium
An wen richtet sie sich? Wichtige Zielgruppen einer Förderung
Eidgenössisch anerkannte Abschlüsse (EFZ, EBA) sind nicht die einzigen Möglichkeiten beruflich voranzukommen: Alternativen
Berufsbildung für Erwachsene im Detailhandel
Vorbildliche Angebote im Kanton Solothurn
Validierungsverfahren – eine Erfolgsgeschichte (Informatikerin EFZ)

UPDATE:
Weitere Darstellungen finden Sie unter www.ZweiteChance/Angebote

Grossmehrheitlich englischsprachige Berufslehren für Kaufleute und Informatiker

Ab Sommer 2015 wird die Berufsbildung im Kanton Zug durch zwei neue Angebote ergänzt. Motivierte Jugendliche können die kaufmännische Lehre oder eine Lehre im Bereich Informatik bald zum Grossteil in Englisch absolvieren.
Im kaufmännischen Bereich und in der Informatik entstehen als Zuger Pilotprojekt eidgenössisch anerkannte Berufslehren, die an allen drei Lernorten grossmehrheitlich in englischer Sprache durchgeführt werden.
Wie wird wohl das Qualifikationsverfahren gestaltet, das in einer Landessprache durchgeführt werden muss?
Mehr zu diesem Pilotversuch: Website des Kantons Zug

Förderung von Leistungsstarken in Deutschland: AusbildungPlus

Die „Duale Berufsausbildung mit Zusatzqualifikationen“ soll die Berufslehren für leistungsstarke Lernende attraktiver machen. Herzstück ist die Datenbank „AusbildungPlus“ des BIBB – beruhend auf freiwilligen Anbieterangaben. 2013 waren in der Datenbank rund 2.300 Zusatzqualifikationen mit insgesamt rund 85.000 teilnehmenden Auszubildenden verzeichnet. Zusatzqualifikationen richten sich an Jugendliche, die ihre duale Berufsausbildung durch Inhalte ergänzen möchten, die über die Mindestanforderungen der Ausbildungsordnung hinausgehen oder branchenspezifische Qualifikationen abdecken, zum Beispiel „Fachberater/-in für den fairen Handel“ (Dauer: 120 Stunden) für angehende Einzelhandelskaufleute und Verkäufer/-innen oder „Betriebsassistent/-in im Handwerk“ (500 Stunden) für Handwerker.

Eine Generation im Zaudermodus

„Dreissig zu werden, heisst heute vor allem zu erkennen, dass Verheissungen sich nicht erfüllt haben.“ schreibt der 30-jährige Tomasz Kurianowicz in der NZZ:
„29 zu sein fühlt sich so an wie ein Sonntagmorgen nach einer durchfeierten Samstagnacht. Man inhaliert noch das Gefühl der Unbeschwertheit, der Freiheit, der nie versiegenden Jugend – und zugleich ahnt man schon, dass sich der Montag langsam in die Woche schleicht. …
Das Wochenende verblüht schnell. Mit dem Leben verhält es sich nicht unähnlich. Man ist zwanzig, geht in eine beliebige Grossstadt studieren, hat sich vorher so seine Phantasien zurechtgelegt – wie es ist, auf sich allein gestellt zu sein, sich zu verlieben, sich zu trennen und wieder zu verlieben, sich ins offene Leben hineinzuwerfen, Entscheidungen zu treffen, Wurzeln abzuschneiden und neue zu schlagen. Und dann merkt man, dass das naive Lebensgefühl ziemlich schnell verfliegt …
Und dann kommt der Schock. Der Schock um die Erkenntnis, dass die Zeit abläuft. Dass man falsche Entscheidungen getroffen hat. Dass man jemand ist, der man nicht werden wollte und dass man nicht jeder werden kann.

… darum brauchen wir eine Berufslehre für Errwachsene, eine die sie echt ergreifen können, eine echte ZweiteChance. Der Text – und die 32 Kommentare, die bisher dazu publiziert wurden, geben uns einen Eindruck von der Befindlichkeit und damit von den Bedürfnissen der „Generation im Zaudermodus“.

Warum besteht jeder die theoretische Fahrprüfung?

Gunter Dueck, während langen Jahren im oberen Kader von IBM tätig und nun viel gefragter Management-Trainer, beschäftigt sich wieder mal mit dem Bildungswesen. Er frägt: „Warum besteht absolut jeder die theoretische Führerscheinprüfung?“ und antwortet: „Weil er WILL – denn es hat Sinn und nützt.“

Daraus leitet er die Forderung ab, die wissenschaftliche Struktur unserer Lehrpläne zugunsten von „Möglichkeit, leidenschaftliches Interesse zu wecken,“ ein bisschen aufzugeben. (Mail vom 3. Dez. 12) In seinem Text zum Thema führt er dann aus:

„Jeder lernt gern, wenn eines oder mehreres vom Folgenden zutrifft:
– Das Gelernte nützt und hilft weiter
– Das Gelernte fesselt die Aufmerksamkeit oder macht Freude oder Spaß
– Das Gelernte eröffnet eine neue Welt des Interesses

Das Problem scheint zu sein, dass ‚da kein System dahinter steckt‘, sonst könnten wir danach vorgehen. Unsere Erziehungssysteme tendieren aber immer mehr dazu, den Erziehungsprozess zu systematisieren und letztlich zu industrialisieren.“

Mir leuchten seine Überlegungen ein, vor allem auch seine im erwähnten Text geäusserten Gedanken, weshalb denn systematisiert wurde und wird. Mit der Einführung von ‚Standards‘ bestimmt immer mehr ein vorgeschriebener Kanon das Lernen und nicht das Interesse der Lernenden.

In der beruflichen Grundbildung galt während Jahrzehnten der Grundsatz, dass im Betrieb gelehrt und gerlernt wird, was bei einer konkreten Aufgabe ’nützt und weiter hilft‘. Seit einigen Jahren wird versucht, detailliert zu erfassen und festzuhalten, welche Qualifikationen ’nützen und weiter helfen‘. Diese werden dann – möglichst systematisch – vermittelt. Gut gemeint – aber damit entsteht auch hier ein Kanon, ein System, bei dem nicht mehr ‚leidenschaftliches Interesse geweckt, sondern die Erfüllung von Vorgaben im Vordergrund steht.

Auch betriebliche Ausbilder müssen immer mehr ‚motivieren‘, was Lehrpersonen seit Jahrzehnten tun, um die Lehrpläne zu erfüllen.

Die Anlehrwerkstätte der BBC – ein Stück Industrie-, Sozial- und Bildungsgeschichte

Lehrwerkstätten werden von vielen Beurfsbildner/innen als Gefahr für die Betriebslehre und/oder als Versuch der Linken aufgefasst, die Berufsbildung zu verstaatlichen. Dabei wird vergessen, dass die Mehrzahl der Lehrwerkstätten von Unternehmen aufgebaut wurden, wenn sie auch heute meist Teil von Ausbildungsbverbünden sind.

Eine besondere Lehrwerkstätte war die Anlehrwerkstätte von Brown Boveri in Baden, gedacht als Instrument zur Anlernung von Ausbildungslosen, vor allem im Zusammenhang mit der Anwerbung von Arbeitern in Italien. Ich bin in den Besitz einer schwer zugänglichen Darstellung dieser Werkstätte gekommen, seinerzeit publiziert in der Personalzeitschrift der BBC. Ich publiziere sie hier um sie leichter zugänglich zu machen.

Wie dem Aufsatz zu entnehmen ist, wurde die Werkstätte 1963 gegründet. Wann sie geschlossen wurde, weiss ich nicht. Als ich anfangs der 70-er Jahre in der BBC arbeitete, existierte sie noch.

Nebenbei: die Lehrwerkstätten, die nicht von Grossunternehmen geschaffen wurden, sind zu einem schönen Teil Gründungen von Gewerbeverbänden mit dem Ziel, der Betriebslehre durch die Ausbildung von Ausbildern („Lehrmeistern“) neuen Schwung zu vermitteln. Der Münchner Berufspädagoge Georg Kerschensteiner hat dies im Zusammenhang mit den Berner Lehrwerkstätten sin einem Bericht über die Lehrlingsausbildung in der Schweiz beschrieben.

Die Jugend wird immer schlimmer – schon immer

Dies ist der gelungene Titel eines umfangreichen Essays des Schriftstellers und Berufsschullehrers Jürg Meier, genannt Jürgmeier, publiziert im Infosperber vom 15. Februar 2012. Der etwas aussschweifende Text enthält viele schöne Beispiele zur Auffassung, dass die heutige Jugend nicht mehr ist, was sie mal war.

Gutes Material für Vorträge und Diskussionen mit der Generation, die noch in der guten alten Zeit jung war. Ein weiteres schönes Beispiel habe ich selbst kürzlich publiziert.

1500 aus der Sozialhilfe in eine Lehre gebracht.

„Wir haben durch die Änderung der finanziellen Anreize 1500 junge Erwachsene aus der Sozialhilfe in eine Lehre gebracht.“ erklärt Bundesratskandidat Pierre-Yves Maillard in einem Interview im TA, 25. November 2011.
Er spricht vom Projekt FORJAD, wahrlich einer vorbildlichen Leistung: Unter bestimmten Bedingungen erhalten Personen zwischen 18 und 25 Stipendien statt Sozialhilfe und so die Möglichkeit, eine berufliche Grundbildung nachzuholen. 10 Gesetze und Verordnungen mussten dazu geändert werden. Erfolgreich gelöstes Hauptproblem: Stipendien werden vom Kanton vergeben, Sozialhilfe von den Gemeinden.
Mehr dazu: Abklärungen und Bericht über unsere Veranstaltung, druchgeführt zusammen mit VALIDA im Rahmen des Projekts „Zweite Chance„.

Misst PISA Qualifikationen oder Motivationen?

Dieser Tage habe ich sie wieder einmal gehört, die Klage über die ungenügenden Deutsch- und Rechenkenntnisse (60%), die – gemäss PISA – so weit gehen, dass eine rechte Minderheit (17%) nicht in der Lage ist, einen einfachen Text zu lesen und zu verstehen.

Ich erinnere mich dann jeweils an einen Besuch in einer geschützten Werkstätte vor einigen Jahren. Sie beschäftigte Erwachsene mit so geringer Intelligenz, dass sie in der freien Wirtschaft keine Arbeit fanden. Viele von ihnen fuhren mit dem eigenen Auto zur Arbeit. Ja, sehr viele der Beschäftigten hätten die Fahrprüfung abgelegt, erfuhr ich von der Leitung der Werkstätte.

Wenn die Motivation gross genug ist, dann sind plötzlich Leistungen möglich, die man nicht erwartet. Und umgekehrt. Wie kämen wohl die PISA-Tests heraus, wenn der Erwerb der Fahrerlaubnis von den dort gezeigten Leistungen abhängen würde? Wir gehen bei Tests immer davon aus, dass sie zeigen, was jemand kann. Vielleicht misst PISA weniger die Lesefähigkeit als die Bereitschaft, sich unfreiwillig testen zu lassen. Wie kämen wohl die PISA-Tests heraus, wenn von den dort gezeigten Leistungen der Erwerb der Fahrerlaubnis abhängen würde?

Eigentlich wissen wir es seit langem: Eine Leistung ist nicht nur von den Qualifikationen sondern auch von der Motivation eines Menschen abhängig. Wir gehen bei Tests immer davon aus, dass sie zeigen, was jemand kann. Vielleicht zeigen sie manchmal eher, was jemand können will. Die Annahme, dass jeder Prüfling sein Bestes gibt, wenn er aufgefordert wird, sich einem Test zu unterwerfen, muss hinterfragt werden.

Update
In der „NZZ am Sonntag“ vom 29. Januar zitiert Prof. Thomas Jahnke, ein Kritiker der PISA-Tests, Joachim Wuttke: „Allein schon unterschiedliche Schülermotivation kann, amerikanischen Studien zufolge, mit 50 oder mehr Punkten durchschlagen“, entsprechend dem Lernfortschritt von zwei Schuljahren. „In Seoul wird vor der Testung die Nationalhymne gesungen; in Hamburg geben die ersten Schüler nach fünf Minuten ab.“ (NZZaS, 29. Januar, S. 60)

Update 2
In einem Blog-Post von Nik Ostertag (Link leider nicht mehr gültig) habe ich eine interessante Betrachtung gelesen, wie Jugendliche reagieren, wenn sie ein Formular auszufüllen haben. Dürfte auch für Fragebogen zutreffen!

Very Experienced Persons und DIY

Wow, kurz vor meinem Eintritt ins nächste Jahrzehnt taucht ein passender Begriff für uns auf: Very Experienced Persons. Gemeint sind Leute zwischen 70 und 80, vgl. Interview mit dem gdi-Leiter David Bosshart in TAM 41/2001.
Obwohl er noch über vergleichsweise wenig Expirience verfügt (er ist erst 51 Jahre alt) gebe ich ihm recht, wenn er sagt: Die Herausforderungen der nächsten Jahre wird die Wissensgesellschaft nicht (allein Wt) lösen: „Selbermachten ist und wird ein Megatrend für die kommenden zwanzig Jahre bleiben.“
Womit zur DIY der Zukunft sowohl die Pflege von uns Alten zuhause als auch die Fertigung von Tools 3 D-Druckern gehören kann. Dazu braucht es aber Beratung, Beratung durch gelernte Berufsleute.

Vielleicht werden im Beratungs-Business plötzlich erfahrene Berufsleute den Akademikern frisch ab Presse vorgezogen.

Kritik an der praktischen Ausbildung nach INSOS

An einer Tagung der SGAB am 30. März 2011 sprach Jürg Jegge unter anderem von Abschlussmöglichkeiten für Schwache. Er lobte das neue BBG und hob hervor – etwas was ich bisher übersehen habe – dass Jugendlichen, die das Qualifikationsverfahren für den EBA-Abschluss nicht bestehen, einen „Kompetenznachweis“ ausgestellt werden könne. Er zieht diese Möglichkeit der Praktischen Lehre gem. INSOS vor, weil diese „invalidisiere“. Im übrigen sprach er von der „Vitalstärke“, die Kindern und Jugendlichen mit schlechten Voraussetzungen ermöglichen würde, Erfolg in Ausbildung und Leben zu haben. Dies ist ein Resilienz-Faktor, der vielleicht zu wenig Beachtung findet.
Nachtrag: In BBG und BBV ist der „Kompetenznachweis“ nicht zu finden.
„Kritik an der praktischen Ausbildung nach INSOS“ weiterlesen

Anforderungen steigen. Mehr als notwendig?

Lehrbetriebe und Berufsverbände weisen zu recht darauf hin, dass die Anforderungen an die Arbeitenden steigen und deshalb auch Lehrstellenbewerber/innen höheren Anforderungen genügen müssen als früher. Dies
ist sicher richtig. Trotzdem darf gefragt werden, ob nicht gelegentlich mehr verlangt wird als unbedingt notwendig.
„Anforderungen steigen. Mehr als notwendig?“ weiterlesen

Lernen ältere Menschen anders?

Ältere Menschen lernen nicht mehr überwiegend auf Vorrat, wie das junge Menschen tun. In Lernprozessen eignen sie sich „nur“ noch das zur Aufgabenbewältigung fehlende Wissen an.
Ältere haben sich in den Arbeitsjahren die Fähig keit angeeignet, vorhandenes Wissen im Arbeitsprozess anzuwenden und umzusetzen – junge Menschen müssen diese Fähigkeiten erst noch erwerben.

Dies sind zwei Informationen aus der Broschüre „IT_50_plus„, die einen Beitrag zur Deckung der Lücke an Fachpersonal in der IT-Branche leisten will. Die oben erwähnten Ergebnisse treffen aber nicht nur für Fachleute aus der Informations- und Kommunikationsbranche zu. Das gleiche gilt für die Didaktik, die – auf obigen Erkenntnissen aufbauend – in der Broschüre dargestellt wird.

Nebenbei:
Die Grundidee gefällt mir: Die (Nach)Qualifizierung älterer Menschen ist auch eine Möglichkeit, Fachkräftemangel zu mildern.

Quelle: bwp@ Newsletter (107): 09-09-2010

Förderung von Erwachsenen ohne Sek.II-Abschluss mit Bildungsgutscheinen

Im Rahmen eines Pilotprojektes des Kantons Fribourg erhalten Personen über 25 ohne Abschluss der Sekundarstufe II Beiträge an die Weiterbildungskosten. „Förderung von Erwachsenen ohne Sek.II-Abschluss mit Bildungsgutscheinen“ weiterlesen

Mit der Berufsmaturität in die Universität

Die Hochschule Liechtenstein wird zur Universität, so ist der NZZ vom 11. Juni 2010 zu entnehmen. Da interessiert natürlich, was das für Ostschweizer/innen mit einer Berufsmaturität bedeutet, von denen viele in Vaduz Architektur, Informatik oder einen der wirtschaftswissenschaftlichen Studiengänge besuchen. „Mit der Berufsmaturität in die Universität“ weiterlesen