Bill Gates hofft auf Feedback-System für Lehrpersonen

Ich habe ja meine Vorbehalte gegenüber der Übernahme von Forschungsmethoden in Sozial-, Erziehungs- und Wirtschaftswissenschaften, die seinerzeit den Naturwissenschaften und der Technik zum grossen Durchbruch verhalfen. Wenn nun Bill Gates in seinem „Jahresbrief 2013“ berichtet, genauere Messmethoden hätten den Durchbruch der Dampfmaschinen und damit der Industrialisierung gebracht, so finde ich dies zwar interessant. Mir kommen jedoch Bedenken, wenn er darauf aufbauend hofft, dank besseren Messmethoden die grossen Ziele zu erreichen, die er mit seiner Stiftung anstrebt: Bessere Gesundheit, mehr Bildung, weniger Armut usw.

Was er dann aber schreibt ist eindrücklich. Mir wird wieder bewusst, dass ja in der Technik Messungen immer als Teil eines Regelkreises betrachtet werden, also als Möglichkeit einem System Feedback zu vermitteln. Wenn er von Messen spricht, dann denkt er an dessen Einsatz im Rahmen von Feedback für ein gesellschaftliches Subsystem.

Hier interessiert mich natürlich vor allem der Bericht über seine aufwendig entwickelte und in Colorado eingeführte Form des Lehrpersonen-Feedbacks. Sie habe – so berichtet er im „Jahresbrief“, zu deutlich besseren Leistungen in der High School geführt. Sie werde von der Lehrerschaft breit akzptiert und fördere auch Gegenstände wie Musik und Kunst, nicht nur die klassischen „Hauptfächer“ wie Pisa, Stellwerk etc.

Der Informatiker Gates und seine Leute haben offenbar den Weitblick, Messen weiter aufzufassen, weit über das Zählen von „objektiv erfassbarer“ Eigenschaften hinaus. Sie scheinen u.a. eine Feedback-Methode für Unterricht entwickelt zu haben, die zu einer echten Verbesserung eines Schulsystems geführt hat.

… schreibt Bill Gates.

Weiss jemand mehr über dieses Feedback-System? Und seiner Aufnahme an den Schulen? Mich würde es sehr interessieren!

Was kann man an Kompetenzen schlecht finden?

Seit Jahren schätze ich die Beiträge der Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Gabi Reinmann, Professorin für Lehren und Lernen an der Universität der Bundeswehr München, und lese deshalb ihren Blog „E-Denkarium„. Sie erprobt mit grossem Einsatz immer wieder Neues , besonders auch in ihrem eigenen Unterricht. Sie ist zudem äusserst vorsichtig, wenn sie den Eindruck hat, dass zu viele ihrer Kolleg/innen einem neuen wissenschaftlichen ‚Hype‘ nachrennen.

Ein eben erschienener Beitrag behandelt die auch in der Schweizer Berufsbildung verfolgten Mode, Lehrpläne als Kompetenzen zu formulieren. Nachdem ich eben geholfen habe, auf dieser Basis eine Berufsprüfung zu konzipieren und dabei neben den Stärken auh die Schwächen dieses Ansatzes erlebe, nehme ich ihre Frage doppelt ernst und erlaube mir, aus ihrem Text zu zitieren:

„Beim Lesen von Beiträgen zum Kompetenzthema beschleicht mich trotzdem immer so ein zwiespältiges Gefühl. Es stören mich mehrere Dinge, ohne dass ich wirklich genau explizieren könnte, was es ist, das mich stört:

• Vielleicht stört mich der implizit in der „neuen“ Kompetenzorientierung steckende Vorwurf, vor der Kompetenzwelle hätte niemand Interesse am Handeln gehabt, was man so sicher nicht stehen lassen kann.
÷ Vielleicht stört mich aber auch die mit der Kompetenz- und Output-Orientierung verbundene (scheinbare oder tatsächliche?) Abwertung der Inhalte bzw. der Sache, mit der man sich in einem Studium beschäftigt bzw. beschäftigen sollte.
• Damit zusammenhängend stört mich vielleicht auch die sich bei mir einschleichende Befürchtung, dass man in einem „kompetenzorientierten Studium“ vor allem um sich selber kreist und sowohl Inhalte als auch andere Personen letztlich nur Mittel zum Zweck (welchen genau?) werden.
• Vielleicht stört mich darüber hinaus ein impliziter Widerspruch, nämlich der zwischen der Behauptung, dass nun alles Interesse an den Kompetenzen hafte, die als Dispositionen allerdings nicht direkt erkennbar sind, und der Forderung, alles Augenmerk plötzlich auf das sichtbare Verhalten zu lenken, das ja allenfalls ein Indikator für eine Kompetenz sein kann.“

Glaube keiner Statistik …

„Die Tatsache, dass sich sogar aus denselben Daten vollkommen widersprechende Ergebnisse herausdestillieren lassen, ist in der ökonomischen Forschung keineswegs ungewöhnlich. Das eben erwähnte Beispiel macht einmal mehr deutlich, dass empirische Datenanalysen mit Hilfe statistischer Verfahren (Ökonometrie) in Wirklichkeit selten dazu beitragen, Behauptungen als richtig oder falsch zu entlarven. Durch „geeignete“ Auswahl der Daten und des Zeitraums, durch „geeignete“ Manipulation der Daten, durch die Auswahl „geeigneter“ statistischer Verfahren und durch die Nichtpublikation von Resultaten, die der eigenen Position widersprechen, lassen sich fast alle postulierten Zusammenhänge je nach Interesse der Forscher bestätigen oder falsifizieren. Wie subjektiv die Ergebnisse sind, lässt sich daran erkennen, dass die gleichen Forscher immer dasselbe herausfinden.“

Dies ist ein Zitat von Mathias Binswanger, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten und u.a. Autor des Buches „Sinnlose Wettbewerbe – Warum wir immer mehr Unsinn produzieren.“ Im Zusammenhang mit der Frage, ob Reichtum glücklicher macht, äussert er sich einmal mehr zum Wert von empirischen Untersuchungen und findet dabei einmal mehr heraus, dass die gleichen Forscher immer dasselbe herausfinden.

Seine Kritik an der emprischen Forschung ist auch auf seine eigenen Aussagen anzuwenden. Trotzdem lerne ich daraus: bei der Anwenddung von empirischen Aussagen (z.B. den Resultaten der PISA-Untersuchungen) ist höchste Vorsicht geboten. Oder wie der Volksmund sagt: Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.

Womit ich einmal mehr eine Beleg für eine Auffassung gefunden habe, die ich schon lange vertrete. Wie sagt doch Binswanger: „Wie subjektiv die Ergebnisse sind, lässt sich daran erkennen, dass die gleichen Forscher immer dasselbe herausfinden.“

Misst PISA Qualifikationen oder Motivationen?

Dieser Tage habe ich sie wieder einmal gehört, die Klage über die ungenügenden Deutsch- und Rechenkenntnisse (60%), die – gemäss PISA – so weit gehen, dass eine rechte Minderheit (17%) nicht in der Lage ist, einen einfachen Text zu lesen und zu verstehen.

Ich erinnere mich dann jeweils an einen Besuch in einer geschützten Werkstätte vor einigen Jahren. Sie beschäftigte Erwachsene mit so geringer Intelligenz, dass sie in der freien Wirtschaft keine Arbeit fanden. Viele von ihnen fuhren mit dem eigenen Auto zur Arbeit. Ja, sehr viele der Beschäftigten hätten die Fahrprüfung abgelegt, erfuhr ich von der Leitung der Werkstätte.

Wenn die Motivation gross genug ist, dann sind plötzlich Leistungen möglich, die man nicht erwartet. Und umgekehrt. Wie kämen wohl die PISA-Tests heraus, wenn der Erwerb der Fahrerlaubnis von den dort gezeigten Leistungen abhängen würde? Wir gehen bei Tests immer davon aus, dass sie zeigen, was jemand kann. Vielleicht misst PISA weniger die Lesefähigkeit als die Bereitschaft, sich unfreiwillig testen zu lassen. Wie kämen wohl die PISA-Tests heraus, wenn von den dort gezeigten Leistungen der Erwerb der Fahrerlaubnis abhängen würde?

Eigentlich wissen wir es seit langem: Eine Leistung ist nicht nur von den Qualifikationen sondern auch von der Motivation eines Menschen abhängig. Wir gehen bei Tests immer davon aus, dass sie zeigen, was jemand kann. Vielleicht zeigen sie manchmal eher, was jemand können will. Die Annahme, dass jeder Prüfling sein Bestes gibt, wenn er aufgefordert wird, sich einem Test zu unterwerfen, muss hinterfragt werden.

Update
In der „NZZ am Sonntag“ vom 29. Januar zitiert Prof. Thomas Jahnke, ein Kritiker der PISA-Tests, Joachim Wuttke: „Allein schon unterschiedliche Schülermotivation kann, amerikanischen Studien zufolge, mit 50 oder mehr Punkten durchschlagen“, entsprechend dem Lernfortschritt von zwei Schuljahren. „In Seoul wird vor der Testung die Nationalhymne gesungen; in Hamburg geben die ersten Schüler nach fünf Minuten ab.“ (NZZaS, 29. Januar, S. 60)

Update 2
In einem Blog-Post von Nik Ostertag (Link leider nicht mehr gültig) habe ich eine interessante Betrachtung gelesen, wie Jugendliche reagieren, wenn sie ein Formular auszufüllen haben. Dürfte auch für Fragebogen zutreffen!

Warum Betriebe _wirklich_ ausbilden

An einer Tagung der SGAB am 30. März 2011 versuchten zuerst vier Referent/innen, dann die Teilnehmenden in der „Mini Open Space“ selbst, Antworten auf diese Frage zu finden.

Nach meiner persönlichen Zusammenfassung der vorgebrachten Argumente ist sie wie folgt zu beantworten:
– Produktiver Beitrag der Lernenden an die Firmenziele dank positivem Aufwand-Ertrag-Verhältnis
– gesellschaftliches Engagement der Betriebe: Chancen für Jugendliche anbieten
– Nachwuchs für das Unternehmen, die Branche, die Volkswirtschaft schaffen
– Beitrag zu einem guten Image des Unternehmens
– Tradition: man hat es immer schon gemacht
– Spass, Freude am Ausbildung, am Erziehen
– Beitrag zur Qualitätsverbesserung (man muss alle Abläufe neu durchdenken)
– Junges Blut ins Team bringen „Warum Betriebe _wirklich_ ausbilden“ weiterlesen

COMPASS, Zugang zu den Daten des Bundesamtes für Statistik

Ungefragt bekomme ich einen neuen Newsletter und erfahre:

„Via COMPASS können Sie von nun an Mikrodaten bestellen oder sich über
vierzehn grosse Umfragen des Bundesamtes für Statistik (BFS) informieren.

COMPASS verfügt über eine dynamische Webseite, die es Ihnen erlaubt die
Umfragen des BFS zu erkunden und zu vergleichen. Zudem stellt die Webseite
eine umfangreiche Dokumentation bereit.

Das Team von COMPASS antwortet gerne auf Ihre Fragen und ist Ihnen beim
Erhalten der Daten behilflich. Mehr Informationen über die Leistungen von
COMPASS finden Sie unter folgendem Link:

http://compass.unil.ch/FORS_COMPASS/?lang=de “

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Ich habe es versucht und bin gescheitert: Schöner Katalog, Vorstellung der Mitarbeitenden … aber den Zugang zu „Mikrodaten“ (was ist das wohl?) und Umfragen habe ich nicht gefunden. Aber vielleicht kommt’s noch …

Deutschland: Auslandeinsätze von Lernenden werden gefördert

Seit März 2009 beraten rund 40 Mobilitätsberaterinnen und -berater an den deutschen Industrie- und Handelskammern sowie den Handwerkskammern vor Ort Unternehmen, Lernende und junge Arbeitnehmende über Auslandaufenthalte und mögliche Unterstützung. Das mit Mitteln des europäischen Sozialfonds geförderte Projekt soll die Zahl der Auslandaufenthalte während der Berufsausbildung von derzeit 2% erhöhen. Bundesweite Koordinierungsstellen unterstützen und koordinieren die regionalen Stellen. In der Schweiz übernimmt die “ ch Stiftung “ ähnliche Aufgaben.
Auskünfte: maerz.jacqueline@dihk.de oder efranken@zwh.de
(PANORAMA.aktuell 28.4.2009)