Deutschland: Studienabbrecher als Lehrstellenbewerber willkommen

Die Furcht vor der Facharbeiterverknappung bringt in Deutschland viele Betriebe dazu, sich bei der Suche nach Nachwuchs neu zu orientieren: Personen, die ihr Studium abbrechen, werden gerne als Berufslernende aufgenommen: Jeder dritte Ausbildungsbetrieb hat bereits Studienabbrecher/innen als Lehrling eingestellt, vgl. Bericht. Dies liegt Deutschen Betrieben näher als Schweizer Betrieben, denn Besetzung von Lehrstellen mit Abiturienten ist in den letzten Jahren zum Normalfall geworden, auch im Handwerk.
Im Raume Stuttgart interessierten sich dieses Jahr 40% der Betriebe für Studienabbrecher, 2013 waren es erst 13%. Mit dem Angebot, die Ausbildung zu verkürzen und/oder Zusatzqualifikationen zu erwerben wird deren Interesse für eine solche Ausbildung gefördert, vgl. diesbezügliche Studie.
Diese Anstrengungen sind erfolgreich: Mehr als vier von zehn Abbrechern hatten 2014 ein halbes Jahr nach Verlassen der Hochschule eine Berufsausbildung aufgenommen. Im Jahr 2008 waren es nur zwei von zehn, vgl. Bericht.

Im Kanton Thurgau entsteht eine rechtliche Grundlage für niederschwelliges Ausbildungsangebot im ersten Arbeitsmarkt.

Im April 2013 verlangte der Thurgauer Kantonsrat Roland A. Huber in einer Motion im Grossen Rat des Kantons die „Schaffung der gesetzlichen Grundlage für ein niederschwelliges Berufsausbildungs-Angebots“. Der Vorstoss wurde im Februar 2014 als erheblich erklärt und am 27. Oktober 2015 schlug der RR dazu dem KR eine Änderung des Gesetzes über die Berufsbildung und die Mittelschulen vor:

Kantonales Ausbildungsattest
1 Das kantonale Ausbildungsattest ist eine niederschwellige Grundbildung im ersten Arbeitsmarkt zur Erlangung von fachlichen Grundfertigkeiten für Personen mit Wohnsitz im Kanton Thurgau.
2 Die Ausbildung zum Erhalt des kantonalen Ausbildungsattests dauert zwei Jahre. Vier Tage pro Woche werden im Ausbildungsbetrieb geleistet, ein Tag an einer kantonalen Berufsfachschule.
3 Das kantonale Ausbildungsattest enthält einen Kompetenznachweis der fachlichen Fähigkeiten sowie ein Abschlusszeugnis der Berufsfachschule.
4 Grundlage bildet ein schriftlicher, vom Kanton zu genehmigender Ausbildungsver- trag mit einem Ausbildungsbetrieb mit Bildungsbewilligung.

Seitens der SVP wurde mit folgender Begründung ein Verzicht auf ein kantonales Ausbildungsattest verlangt:

Die Einführung eines kantonalen Ausbildungsattestes macht deshalb aus vier Gründen keinen Sinn:
1. Weil mit der zweijährigen Grundbildung mit EBA eine gute Alternative geschaffen wurde, die für ein gleichbleiendes, auf dem Arbeitsmarkt nachgefragtes Niveau sorgt.
2. Weil das Gesetz über die Berufsbildung heute schon Massnahmen zur Unterstützung vorsieht.
3. Weil Jugendliche ihre Kompetenzen bald auch individuell bescheinigen lassen können.
4 Weil das Gewerbe, die Industrie und die Branchenverbände keine kantonalen „Berufs-Züglein“ wollen. Dies zugunsten der Jugendlichen und der Unternehmungen. Diese Basis gilt es zu respektieren.

Diesem Antrag wurde mit Stichentscheid des Präsidenten zugestimmt.

In der zweiten Lesung am 20.4.16 wurde der Entwurf zur Überarbeitung an den RR zurück gewiesen, mit dem Auftrag, den aufgeworfenen Fragen im Zusammenhang mit der beruflichen Qualifizierung von weniger leistungsfähigen Jugendlichen nachzugehen. Am 16.8.16 legte der RR eine umfangreiche (und lesenswerte!) Ergänzung seiner Botschaft vor, in dem er ausführlich auf rechtliche Grundlagen und auf das Bildungssystem eingeht und als Lösungsansatz den „Individuellen Kompetenznachweis für Jugendliche, die keinen eidgenössischen Berufsabschluss erlangen (IKN)“ beschreibt. Er schlägt nun vor, das Gesetz über die Berufsbildung und die Mittelschulen wie folgt zu ergänzen:

Für leistungsschwache Jugendliche mit Wohnsitz im Kanton Thurgau kann der Kanton ein niederschwelliges Ausbildungsangebot im ersten Arbeitsmarkt vorsehen. Der Regierungsrat regelt die Einzelheiten.

Fortsetzung folgt wohl demnächst …
(Dieser Link zeigt die Übersicht über den Ablauf der Verhandlungen.)

Im Bregenzerwald wurde eine neues Modell zur Ausbildung im Handwerk realisiert.

Der Begrenzerwald im Vorarlberg, bereits im Barock für seine Baumeister, Maler und Stuckateure bekannt, hat sich nach dem zweiten Weltkrieg zu einer Region entwickelt, in der eine Vielzahl von Betrieben Holzbau, Innenausbau und Möbelproduktion in bester Qualität produzieren und damit diesem Hügelland zwischen Rheintal und Bayern eine neue Blüte verschafften. Der „Werkraum Bregenzerwald“ in Andelsbuch, erbaut im Auftrag von 89 regionalen Handwerksfirmen und gestaltet von Architekt Peter Zumthor, Haldenstein, ist heute ein Wallfahrtsort für alle, die sich für anspruchsvolles Handwerk interessieren, vom Bauhandwerk bis zu Möbel-, Schmuck- und Textilgestaltung.

Da horcht man auf, wenn die Träger dieses Werkraums, zusammen mit den „Wirtschaftsschschulen Bezau“, einen Ausbildungsgang für Handwerkerinnen und Handwerker anbieten. Im September 2016 wurde der Unterricht mit 31 Schüler/innen aufgenommen. (Medienmitteilung)

Der Ablauf wird wie folgt charakterisiert:
1. Jahr: Handelsschule mit Entscheidung für ein Material, 25 Schnuppernachmittage sowie ein 4-wöchiges Praktikum in einem Werkraum-Mitgliedsbetrieb.
2. Jahr: Handelsschule mit Entscheidung für einen Beruf, 10-wöchiges Praktikum in einem Werkraum-Mitgliedsbetrieb.
3. Jahr: Abschluss Handelsschule und Entscheidung für einen Betrieb, Beginn des Lehrverhältnisses, verkürztes erstes Lehrjahr, Beginn des Berufsschulunterrichts
4. Jahr: Lehre, zweites Lehrjahr
5. Jahr: Lehre, drittes Lehrjahr mit Lehrabschlussprüfung

Die Ausbildung wird nach dem 8. Schuljahr aufgenommen, ein Jahr vor Ablauf des Schulobligatoriums.
Die handwerkliche Ausbildung kann in rund dreissig verschiedenen Berufen absolviert werden, unter anderem in Schreinereien im Metallbau, IT-Technik, Ofenbau, als Filzer/in, Koch/Köchin, Metzger/in.
Im Juni des 3. Schuljahres erfolgt ein fließender Übergang in ein Lehrverhältnis in dem der Lehrlingslohn bezahlt wird, der Schüler nicht mehr Schüler sondern Lehrling ist und auch die Berufsschule besucht.
Im Laufe der fünf Jahre werden mehrere Abschlüsse erworben: Lehrabschluss, Handelsschulabschluss inkl. der von der Gewerbeordnung verlangten Unternehmerprüfung, allenfalls auch die Berufsmatura, die ja in Österreich auch eine Zulassung zu den Universitäten darstellt.
Der Lehrgang ist kostenlos, da der Schulunterricht an öffentlichen Schulen stattfindet.

werkraumschule-logo
Quellen:
Köbi Gantenbein: Werkraum, Haus, Schule. IN Hochparterre 9/16
Florian Eicher und Renate Breuß: eigen+sinnig. Der werkraum bregenzerwald als Modell für ein neues Handwerk, München (oekom) 2005
sowie die oben verlinkten Websites und Unterlagen sowie eine Mitteilung von Susanne Schedler, Werkraum Bregenzerwald.

 

UPDATE (8. Dez. 2016)

Werkraum Bregenzerwald von UNESCO ausgezeichnet
Der Werkraum wurde gemeinsam mit zwei weiteren Handwerkszentren in Oberösterreich, dem Textilzentrum Haslach und dem Hand.Werk.Haus in Bad Goisern, in das internationale „Register guter Praxisbeispiele für die Erhaltung des immateriellen Kulturerbes“ aufgenommen. (Quelle)

Überblick über die Ausbildungsberufe Deutschlands? Ein Lexikon mit 553 Seiten gibt Auskunft.

Interessieren Sie die beruflichen Grundbildungen (Ausbildungsmöglichkeiten) in Deutschland?

BERUF AKTUELL, ein Lexikon erklärt zuerst die Unterschiede zwischen Ausbildungsberuf (mit und ohne Fachrichtungen oder Schwerpunkten), Berufsfachschulberuf und Beamtenausbildung. Dann werden u.a. Fortsetzungsmöglichkeiten und Anrechnungsmöglichkeiten erklärt. Nach Angaben über Dauer, Ausbildungsvergütungen und anderes mehr folgt eine Berufsübersicht, eingeteilt nach Berufsfeldern, und im Hauptteil eine Beschreibung all dieser Ausbildungsmöglichkeiten.

Wem das noch nicht genügt: www.arbeitsagentur.de > BERUFSNET gibt über weitere Details Auskunft.

Einflüsse der Rudolf Steiner-Pädagogik auf die Berufsbildung

Der Verlag Info3, der zu anthroposophischen Praxisfeldern publiziert, hat ein «Sonderheft Berufsbildung 2016» herausgegeben, was mich veranlasste mir wieder einmal zu überlegen, was ich über die Einflüsse der Pädagogik von Rudolf Steiner auf die Berufsbildung weiss.

Die Umsetzung dieser Pädagogik in den Rudolf Steiner-Schulen in der Schweiz bzw. den Waldorfschulen in Deutschland ist ja seit Jahrzehnten ein alternatives Bildungsmodelle mit einer beachtlichen Schülerzahl. Der Schwerpunkt liegt bei Primarstufe und Sekundarstufe I. Im 10.- 12. Schuljahr kann in verschiedenen Regionen der Schweiz die «Integrierte Mittelschule» besucht werden, deren Besuch an die Vorbereitung auf die Matura und den allgemeinbindenden Unterricht der Berufslehren (inkl. BM-Unterricht) angerechnet wird. (Kompass 2015) Die IMS bereitet auch auf gewisse Höhere Fachschulen vor und berufsorientierter Unterricht erleichtert den Übertritt, besonders in den Bereichen Gesundheit und Soziales, Landwirtschaft und Kunst. Zu einem Lehrabschluss führt die IMS aber nicht.
Im Unterschied dazu vermittelt die 1952 gegründete Hiberniaschule in Herne (Nordrhein-Westfalen) eine Doppelqualifikation, umfassend einen als gleichwertig anerkannten Berufsabschluss (Metall, Elektro, Schneiderei, Kinderpflege, Tischlerei) und eine Fachoberschulreife. Das eingangs erwähnte «Sonderheft» stellt zudem verschiedene Fachschulen vor, die zu beruflichen Abschlüssen aus Sekundarstufe II führen, meist in den Bereichen Gesundheit, Soziales, Erziehung und Kunst. Auch Lehrstellen werden ausgeschrieben, zum Beispiel in der Landwirtschaft.

In Deutschland existiert auch eine Hochschule, die auf Tertiärstufe eine Berufsausbildung vermittelt und dabei anthroposophisches Gedankengut und entsprechende Lehrangebote einfliessen lässt. Es ist die Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft bei Bonn mit den Fakultäten Kunst und Architektur sowie Human- und Gesellschaftswissenschaften. Zu letzterer gehören u.a. die Fachbereiche Wirtschaft (NZZ 21.8.08) und Bildungswissenschaften.

In der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts beeinflusste die anthroposophische Pädagogik zudem die berufliche Grundbildung in Unternehmen (Betriebslehren), von denen einzelne künstlerischen Unterricht in die Ausbildung der Lernenden einbezog, beispielsweise der heutige Technologiekonzern Voith GmbH, Heidenheim. Dies dürfte dazu beigetragen hat, dass der Deutsche Bildungsrat 1974 für die Berufsausbildung das «Studio» als vierten Lernort neben Betrieb, Schule und Lehrwerkstatt vorsah. Presseberichten ist zu entnehmen, dass es auch heute noch entsprechende Einflüsse gibt, doch hört man nicht mehr viel davon. Aus der Schweiz ist mir nur ein Versuch mit Schaffhauser Schreinern bekannt. (Bericht)

Von besonderer Bedeutung sind nach wie vor die Arbeiten des Berufspädagogen Michael Brater, der eine einschlägige Didaktik entwickelte, über das Verhältnis von Bildung und Arbeit nachdachte und bereits 1988 schrieb: «Man lernt nicht mehr Drehen, Fräsen usw., um es in der Arbeit direkt anwenden, sondern um mit diesem Wissen und Können etwas ganz anderes tun zu können. Hier bekommt die Berufsbildung durchaus Züge «formaler» Bildung, indem nicht mehr der Stoff als solcher wichtig ist, sondern mehr das, was an Fähigkeiten in der Aneignung bzw. der Auseinandersetzung mit dem Stoff gebildet wird.» und «Die alten pädagogischen Gegensätze von «Berufsausbildung» und «Allgemeinbildung» haben sich faktisch aufgehoben (auch wenn dies mancherorts noch nicht bemerkt wurde). Die Kernfrage der Berufsbildung lautet heute nicht mehr: Wie führt man in bestimmte Arbeitstechniken ein? – sondern: Wie legt man die Grundlage für selbständiges Handeln, für die Autonomie der Persönlichkeit?» (Berufsbildung und Persönlichkeitsentwicklung. Stuttgart 1988, S. 53 bzw. 56).

Die Zeiten ändern sich: UNESCO betrachtet „Berufsbildung als Schlüsselfaktor“

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich vergeblich versucht habe bei der UNESCO – zumindest bei ihrem Schweizer Ableger – Interesse für die Berufsbildung zu wecken. Sie würden sich auf Kultur und Allgemeinbildung konzentrieren. Mit Berufsbildung hätten sie nichts zu tun.

Nun gibt es also eine „Berufsbildungsstrategie für den Zeitraum 2016 bis 2021“, gemäss Meldung vor allem um die Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen, vorgestellt vom „UN-Zentrums für Berufsbildung (Unesco-Unevoc)“ im Bonn. Es ist dort am richtigen Ort, denn – so lese ich – „Das deutsche System der Berufsausbildung mit einer Kombination aus praktischem Lernen im Betrieb und theoretischer Unterweisung in der Berufsschule gilt als weltweit einzigartig.“

Im fühle mich wie damals auf der falschen Seite, denn ich schätze die Bedeutung eines bestimmten Bildungssystems etwas vorsichtiger ein. Weder wird ein Land allein durch die Berufsbildung reich noch kann allein damit die Jugendarbeitslosigkeit bekämpft werden. Leider ist die Welt etwas komplizierter: Für beides braucht es ein Bildungssystem mit mehreren guten Sparten und darüber hinaus eine Arbeitswelt mit bestimmten Merkmalen. Diese wiederum setzt neben einem guten Bildungssystem aber mindestens so sehr ein sicheres Rechtssystem und eine Bevölkerung voraus, die mit ihrer Arbeit dank anständiger Entlohnung und humanen Randbedingungen auf einen grünen Zweig kommt.

Übrigens gibt es eine Kombination „aus praktischem Lernen im Betrieb und theoretischer Unterweisung“ nicht nur in Deutschland.

Bildungsökonomie

Stephan Wolter stellt in einem sehr interessanten Beitrag in der NZZ vom 29.6. 2016 Überlegungen an, weshalb viele Staaten uns um unsere Berufsbildung beneiden und trotzdem nicht in der Lage sind, sie im eigenen Land einzuführen. Er findet die Antwort in grundsätzlichen Fehlentwicklungen in der Bildungspolitik wie der Begrenzung einer möglichen Ausbildungsdauer auf zwei Jahre (Spanien) oder der Glaube an den Nutzen von Umverteilungsmechanismen (Grossbritannien). Damit zeigt er für eine Makroebene auf, dass die in der Bildungsökonomie heute vorherrschenden Kosten-Nutzen-Überlegungen eine beschränkte Wirkung auf die Politik haben.

Leider wird dies von der Bildungsökonomie in Untersuchungen zum Verhalten von Unternehmen immer noch ignoriert. Im Gegensatz zu andern Bereichen der Wirtschaftswissenschaften fehlt in den in der Schweiz üblichen Publikationen zur Ökonomie der Berufsbildung nach wie vor der Einbezug von „weichen Faktoren“ in das Verhalten der Betreibe.

Ob ein bestimmte Person einen Ausbildungsplatz erhält – und das interessiert letztlich die meisten Beteiligten und Betroffenen – hat nicht nur mit rationalen Kosten-Nutzen-Überlegungen zu tun, vgl. beispielsweise die Arbeiten von Christian Imdorf. Manche Lehrmeister (ich verwende bewusst diesen alten Begriff) reizt es, auch schwierigen oder schwachen Jugendliche eine Berufsausbildung zu ermöglichen. Sie nehmen in Kauf, dass hier die Kosten-Nutzen-Relation ungünstiger ist als bei angepassten Jugendlichen mit Spitzenwerten in Selektionstests. Sie ermöglichen damit erst manchen Jugendlichen einen erfolgreichen Start und tragen zum guten Image der Schweizer Berufsbildung teil.

Anderseits lehnen viele Betriebe die Anstellung von erwachsenen Lernenden durchwegs ab. Obwohl sie nicht mehr genügend fähige Jugendliche finden um ihre Lehrstellen zu besetzen werden Bewerber ab 25 Jahren von vornherein abgelehnt. Dabei dürfte es einsichtig sein, dass erwachsene Lernende dank ihrer Reife und hoher Motivation zu einer deutlich besseren Kosten-Nutzen-Relation führt. Dies beschäftigt mich sehr, bekomme ich doch immer wieder Mails die zeigen wie ausgetrocknet der Lehrstellenmarkt für Erwachsene weiterhin ist.

Die einzigen, die von einem höheren Nutzen für die Betriebe ausgehen sind die Arbeitsmarktbehörden: Sie zahlen Stellenlosen nur Ausbildungsbeiträge aus, wenn ein Betrieb bereit ist, vom ersten Lehrjahr an den Lohn für das letzte Lehrjahr zu bezahlen. Was es den Betroffenen noch schwerer macht, einen Ausbildungsplatz zu finden.

D: Neuer Lehrberuf: Büromanager

In Deutschland wurden per 2014/15 die drei Lehrberufe Bürokaufmann/-frau, Kaufmann/ -frau für Bürokommunikation sowie Fachangestellte/-r für Bürokommunikation zur Ausbildung „Kaufmann/Kauffrau für Büromanagement“ zusammengefasst (Berufsbild), ein Lehrberuf, der sich mit 29’100 neuen Ausbildungsverträgen gleich an die Spitze der Rangliste der Ausbildungsberufe setzte.

Für mich stellt sich hier einmal mehr die Frage, ob die Bezeichnung KAUFmann bzw. KAUFfrau noch adäquat ist, eine Frage die sich in der Schweiz auch stellt, vor allem nach dem aus dem kaufmännischen Angestellten nun auch Kauffrauen und Kaufmänner geworden sind.

Berufsbildung für Erwachsene: Auswertung der Statistiken 2013 und 2014

Die Zahl der Abschlüsse der beruflichen Grundbildung (EFZ, EBA und HMS-Diplome) ist von 2013 auf 2014 um 832 Abschlüsse gesunken. Vordergründig kann dies der Ablösung der HMS-Diplome zugeschrieben werden, die um über 1000 Einheiten gesunken sind. Allerdings ist die Zahl der Abschlüsse bei Personen ab 25 Jahren sogar um rund 1150 Einheiten gesunken, in einem Bereich in dem HMS kaum tätig sind. Offenbar sind in den letzten Jahren wesentlich weniger Erwachsene in Berufslehren aufgenommen worden, denn die Zahl der Abschlüsse nach direktem Zugang zu den QV ist etwas, die Zahl der Abschlüsse nach Validierungsverfahren sogar deutlich gestiegen. Bei letzteren hat sich die Konzentration auf die Kantone Genf und Zürich fortgesetzt.
Dies sind einige Resultate der Auswertung der Statistik „Sekundarstufe II, Berufliche Grundbildung: Bildungsabschlüsse. 2014“ des Bundesamtes für Statistik. Einer Auswertung, die sich vor allem mit den Abschlüssen von Personen ab 25 Jahren, also mit der Berufsbildung für Erwachsene befasst.

Entwicklung der Berufsbildung, kurz zusammengefasst

Die Entwicklung der Berufsbildung in der Schweiz verläuft ja seit 1884 erstaunlich kontinuierlich. Im Zusammenhang mit einer Publikation habe ich den Versuch unternommen, die wichtigsten Linien herauszuarbeiten, deren Kenntnis für das Verständnis der heutigen Situation erforderlich sind, vgl. hier. Ältere Versuche zur Geschichte der Berufsbildung sind unter anderem die „Meilensteine“ und die Schrift „Entwicklung der Berufsbildung“ aus dem Jahr 1978.

Entstehung der „Lernpiloten“, einer weit entwickelten Form der Lernstätten

In der neuen Fassung des Buches „Berufsbildung in der Schweiz“ wird sowohl im Abschnitt über die Grundbildung im Grossbetrieb als auch in demjenigen über die Simulation auf den „Lehrpilot“ von aprentas Bezug genommen, einer speziell für die Ausbildung eingerichteter Fabrik, in der die angehenden Chemie- und Pharmatechnolog/innen EFZ einen grossen Teil ihrer Ausbildung absolvieren: Im kleinen Massstab und mit weniger wertvollen Substanzen erlernen sie die Ausführung von Grundfunktionen wie filtrieren, destillieren, rühren, extrahieren. Es ist dies eine besonders weit entwickelte Form der Simulation als Vorbereitung auf die Arbeit ‚on the Job‘, also in der Produktion.

Dieser Tage wurde ich auf zwei 1946 und 1952 entstandenen Aufsätze aufmerksam gemacht, die zeigen, dass diese Form der Simulation bereits Mitte des letzten Jahrhunderts entstanden ist, als Hilfsmittel zur Ausbildung des „Chemiehandwerkers“, später Chemikant genannt und heute „Chemie- und Pharmatechnologe EFZ“. Schon damals kamen die Lernenden erst gegen Ende der Lehrzeit in die Produktion, was allerdings nicht nur didaktisch, sondern mindestens so sehr arbeitsrechtlich bedingt war.

Quelle: ChemieXtra, Ausgaben 5/2014 und 7-8/2014, Download (mit zeitgenössischen Bildern)

Berufsbildung jenseits des BBG

Wir sind ja stolz auf unsere Berufsbildung – und vergessen dabei meist, dass es jenseits der durch das Berufsbildungsgesetz geregelten Bildungsgänge weitere Formen der Berufsbildung gibt, die sich durchaus sehen lassen können. Im neuen Buch von Evi Schmid, Philipp Gonon und mir haben wir einige davon beschrieben.
In den letzten Wochen habe ich mich noch etwas tiefer mit besonders kurzen Ausbildungen befasst, die als Alternative zu den BBG-geregelten Grundbildungen in Frage kommen, wenn ein Erwachsener eine berufliche Ausbildung erwerben will. Manche Interessierte fühlen sich ja vom Aufwand für den Erwerb eines EBA oder gar eines EFZ überfordert und könnten in diesem Bereich eine Möglichkeit für eine „Zweite Chance“ finden.
Die gute Kunde: Es gibt eine rechte Zahl von kürzeren Ausbildungen für Erwachsene. Einige können als in sich abgeschlossene und als solche für sich wertvolle Teile einer Vorbereitung auf ein EFZ besucht werden. Andere stellen Alternativen dar, die dank modularem Aufbau zu anspruchsvollen beruflichen Qualifikationen führen können.
Die schlechte Kunde: Manche Angebote sind den Aufwand nicht wert: Sie führen zwar zu wohlklingenden Abschlüssen, vermitteln aber Qualifikationen, für die kein Markt besteht – ausser als Ausbilder/in für andere Interessierte – es sind Schneeballsysteme im Bildungswesen.

Eine Übungsfirma im 18. Jh. zur Ausbildung der Obrigkeit

Franz Kehl hat mich darauf aufmerksam gemacht: Im Bern des 18. Jh. gab es eine Art Übungsfirma (Lehrwerkstatt) für die Ausbildung der Stadtverwaltung, den „Äusseren Stand“. 1728 bis 1730 wurde dafür sogar ein Haus gebaut, das Rathaus an der Zeugenaussage 17. Hier ein Auszug aus der Darstellung dieser „Politischen Schule“, entnommen der Website des heute dort untergebrachten Restaurants (übrigens sehr zu empfehlen!):

„Der «Äussere Stand» war eine Vereinigung, die als Schattenstaat den «Inneren Stand», also die Obrigkeit der Republik Bern, imitierte.
Der Sinn dieser Einrichtung bestand darin, die jungen Bernburger vor ihrem eventuellen Eintritt in die Räte auf ihre Amtstätigkeit vorzubereiten. Der Aufbau des Äusseren Standes entsprach in allen Einzelheiten der Organisation der richtigen Staatsverwaltung, so dass Wahlvorgänge, Rechnungsablagen, politische Ansprachen, Gerichtstätigkeit und Bauverwaltung geübt werden konnten. In spielerischer Nachahmung wurden alle Ämter besetzt. An der Spitze stand der Schultheiss, der sowohl den Kleinen wie den Grossen Rat leitete. … Mit dem Bau eines eigenen Rathauses manifestierte sich der Äussere Stand mit einem eleganten Bauwerk im Stadtbild von Bern.“

Wir (Evi Schmid, Philipp Gonon und ich) haben der Simulation als Element der beruflichen Bildung in unserer neuen Darstellung der Berufsbildung in der Schweiz ein eigenes Kapitel gewidmet. Erstaunlich, wie hoch sie bereits im 18. Jh. in Bern entwickelt war!

Mit Nachwuchskampagnen Jugendliche werben – mehr vom Gleichen.

Verschiedene Branchen leiden unter Nachwuchsmangel. Die Zahl der Jugendlichen ist begrenzt und sinkt in manchen Regionen weiter. Anderseits will die Wirtschaft wachsen. Deshalb wird versucht, Jugendliche mit raffinierter Öffentlichkeitsarbeit auf einen wenig gesuchten Beruf aufmerksam aufmerksam zu machen. Die Metzger haben dieser Tage eine solche Kampagne gestartet. Wenn sie gross genug ist bringt sie sicher etwas – mindestens für die beteiligten PR-Büros. Und sicher hat sie noch grössere Werbekampagnen für andere Berufe zur Folge.

Man könnte auch versuchen, andere Wege zu gehen, statt immer ausgefeiltere Werbekampagnen zu entwickeln. Zum Beispiel in dem man den Nachwuchs bei Erwachsenen sucht, statt bei Jugendlichen.
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Die Pflästerer sind eine Branche, die diesen Weg bereits gegangen ist. Die Zahl der Pflästerer-Lehrlinge sank vor einigen Jahren auf weniger als 10 pro Jahr. Heute decken sie ihren Nachwuchsbedarf zum grossen Teil durch die Ausbildung von Erwachsenen statt von Jugendlichen.

In der Schweiz arbeiten über 600’000 Männer und Frauen, die älter als 24 Jahre sind und nie eine Berufslehre oder eine Mittelschule abgeschlossen haben. Manche von ihnen verfügen durchaus über die nötige Kapazität um noch einen Beruf zu erlernen und sind auch interessiert, vorwärts zu kommen. Das Berufsbildungsgesetz sieht spezielle Wege für Erwachsene vor, die eine Grundbildung nachholen möchten. Sie werden kaum benutzt, den in der Praxis sind grosse Hindernisse zu überwinden. Jährlich erwerben deshalb nur 3000 Personen über 25 Jahren einen ersten Berufsabschluss. Seit kurzem sind nun aber verschiedene Initiativen im Gange, um die vorgesehenen Wege auch wirklich begehbar zu machen, unter anderem unsere Initiative «ZweiteChance».

Die Schweizer Berufsbildung richtet sich in erster Linie an Jugendliche. Anderseits gibt es viele Erwachsene, die weiter kommen möchten. Weshalb nicht hier ansetzen? Vor allem Branchen mit einem einem hohem Anteil an Un- und Angelernten kommen dazu in Frage. Zum Beispiel die Gipser, wo der Anteil der Angelernten 90% beträgt!

Allerdings ist dazu ein geeignetes Setting notwendig, umfassend einen auf Erwachsene ausgerichteten Unterricht und einige andere Vorkehrungen. Dies gibt Aufwand, PR-Kampagne aberauch. Und die Erfolgsaussichten dürften grösser sein, wenn man sich an Erwachsene wendet, statt wie alle andern an Jugendliche. Ganz abgesehen davon, dass Erwachsene, die noch eine Berufsausbildung machen, diesem Berufsfeld langfristig treu bleiben werden.

Man kann das gleiche machen wie andere, nur größer und besser. Oder man kann nach anderen Wegen suchen, ein Problem zu lösen. Schön, wenn man zwischen verschiedenen Möglichkeiten wählen kann, nicht wahr?

Lehre und Gymi

Seit einiger Zeit finden auf Initiative des MBA Zürich Veranstaltungen für Eltern statt, bei denen es um den Entscheid geht, ob ihr Sohn, ihre Tochter eher in eine Berufslehre oder ein Gymnasium eintreten sollten. Während mehreren Jahren habe ich jeweils im Auftrag des Zürcher MBA das Impulsreferat gehalten. Nun wurde anhand des Inhalts dieser Referate ein 12 Minuten dauerndes Video erstellt, das in professioneller Weise diese Thematik darstellt. Es soll in erster Linie im Rahmen von Veranstaltungen zur Berufswahl eingesetzt werden.

Für mich ein äusserst erfreulicher Abschluss dieses Einsatzes!

Prezi zu einer Didaktik der beruflichen Bildung

Andreas Sägesser arbeitet zusammen mit Kolleg/innen seit Jahren an einem Konzept zur Förderung des Kompetenzentwicklung von Berufslernenden, das dem Selbstlernen grosse Bedeutung zumisst. Unter dem Titel «KoRe Landschaft Didaktik der beruflichen Bildung 1» hat er dazu ein Prezi publiziert, umfassend grafische Darstellungen, Videos und kleine Vorträge, die seine Vorstellungen in einer neuen Form zugänglich machen.

Ich versuche seit einiger Zeit, den Arbeiten dieser Gruppe zu folgen, denn ich empfinde sie als sinnvolle Umsetzung des Kompetenz-Konzeptes. Die erwähnte Präsentation ist zudem die erste Anwendung von Prezi, der Alternative zu PowerPoint, die mich fasziniert. Prezi – so angewandt – kann wirklich eine Alternative der öden PowerPoint-Darstellungen sein!

Ich muss mich aufmachen, dieses Tool zu lernen …

Grossmehrheitlich englischsprachige Berufslehren für Kaufleute und Informatiker

Ab Sommer 2015 wird die Berufsbildung im Kanton Zug durch zwei neue Angebote ergänzt. Motivierte Jugendliche können die kaufmännische Lehre oder eine Lehre im Bereich Informatik bald zum Grossteil in Englisch absolvieren.
Im kaufmännischen Bereich und in der Informatik entstehen als Zuger Pilotprojekt eidgenössisch anerkannte Berufslehren, die an allen drei Lernorten grossmehrheitlich in englischer Sprache durchgeführt werden.
Wie wird wohl das Qualifikationsverfahren gestaltet, das in einer Landessprache durchgeführt werden muss?
Mehr zu diesem Pilotversuch: Website des Kantons Zug

Förderung von Leistungsstarken in Deutschland: AusbildungPlus

Die „Duale Berufsausbildung mit Zusatzqualifikationen“ soll die Berufslehren für leistungsstarke Lernende attraktiver machen. Herzstück ist die Datenbank „AusbildungPlus“ des BIBB – beruhend auf freiwilligen Anbieterangaben. 2013 waren in der Datenbank rund 2.300 Zusatzqualifikationen mit insgesamt rund 85.000 teilnehmenden Auszubildenden verzeichnet. Zusatzqualifikationen richten sich an Jugendliche, die ihre duale Berufsausbildung durch Inhalte ergänzen möchten, die über die Mindestanforderungen der Ausbildungsordnung hinausgehen oder branchenspezifische Qualifikationen abdecken, zum Beispiel „Fachberater/-in für den fairen Handel“ (Dauer: 120 Stunden) für angehende Einzelhandelskaufleute und Verkäufer/-innen oder „Betriebsassistent/-in im Handwerk“ (500 Stunden) für Handwerker.

1950: 85% der Knaben in der beruflichen Grundbildung

Der Anteil der „aus der Schule entlassenen Knaben“ die sogleich einem Erwerb nachgehen, wird 1950 auf 15-20 Prozent geschätzt. Also dürften bereits damals 80 – 85 Prozent eine berufliche Grundbildung oder eine Mittelschule in Angriff genommen haben.

Heute wird diese Zahl auf 95% der Schweizer Jugendlichen geschätzt, von anderer Seite eher auf 90 Prozent. Der Anstieg in den letzten 60 Jahren betrifft offenbar vor allem die Mädchen und allenfalls ausländische Jugendliche.

Quelle: Revision des Bundesgesetzes vom 26. Juni 1930 über die berufliche Ausbildung. Bericht und Text des Gesetzesentwurfes der Expertenkommission vom Dezember 1960, S. 42

Digitale Medien im Bildungswesen – seit 30 Jahren im Gespräch

Ein Aufsatz von Nando Stöcklin über die Veränderungen, die das Internet für die Schulen bringt, hat mich veranlasst, 30 Jahre zurück zu blicken auf die Zeit, als der Computer in die Schulen drängte, als erstmals über die Bedeutung des Programmierens diskutiert wurde, und 20 Jahre, als das Internet aktuell wurde.

Wir, die Befürworter dieser Entwicklungen, haben damals vom Einsatz der Computer und ein zweites Mal vom Internet im Unterricht sehr viel erwartet. Nicht nur neue Inhalte sondern vor allem der Durchbruch von Unterrichtsformen, wie wir sie damals als wünschbar betrachtet haben: mehr „Denkschulung“ (so hiess das damals), andere Unterrichtsformen, anderes Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden. Die Pessimisten ihrerseits sahen Kulturverlust, Überforderung, sinkende Qualität voraus.

Verändert hat sich nicht viel und wenn dann indirekt als Folge von Veränderungen, die die Informations- und Kommunikationstechnik in der Gesellschaft auslöste. So vermute ich, dass auch die neusten Entwicklungen der digitalen Medien im Bildungswesen nicht allzu viel ändern werden. Unter anderem weil eine Bedingung nicht erfüllt ist, die Nando Stöcklin nennt: „Das Potenzial des Internets lässt sich nur ausschöpfen, wenn möglichst viele Menschen kompetent damit umgehen können.“

Ich hatte in den letzten Monaten mit Verantwortungsträgern im Bildungswesen zu tun, die mir zeigten, dass IT-Kenntnisse, die über Office-Grundlagen und die Verwendung einiger Funktionen eines Browsers hinausgehen, kaum verbreitet sind. Deshalb fehlt die Basis für eine fundierte Reflexion der Chancen und Gefahren, der Möglichkeiten und Grenzen der IT.

Ich habe gelernt, dass eine neue Technik im Bildungswesen nicht viel verändert. Sie kann sowohl den Erhalt alter Formen des Unterrichts sichern (PowerPoint z.B.) als auch neue Formen begünstigen. In welcher Richtung es geht ist abhängig vom Umgang, den Lehrende und Lernende miteinander pflegen.

Wenn es zum Beispiel selbstverständlich wäre, dass Lehrende von ihren Lernenden lernen würden, wie man mit sozialen Medien umgeht, dann wäre wohl der von Stöcklin geforderte kompetente Umgang mit dem Internet rasch zu erreichen, denn die meisten Jugendlichen gehen schon heute durchaus kompetent mit digitalen Medien um.