Viele berufliche Tätigkeiten erfordern eine zertifizierte Ausbildung. Die Notwendigkeit solcher Regelungen soll untersucht werden.

In einem Postulat weist NR Philippe Nantermod darauf hin, dass die Ausübung mancher Berufe durch Vorschriften bezüglich der nötigen Ausbildung eingeschränkt wird. Er äussert die Vermutung, dass dies nicht immer gerechtfertigt sei, sondern der Einschränkung der Konkurrenz diene.

Der Bundesrat weisst in seiner Stellungnahme darauf hin, dass die Wirtschaftsfreiheit in der Bundesverfassung verankert ist (Art. 27) und deren Einschränkung nur zulässig ist, wenn sie durch ein öffentliches Interesse oder durch den Schutz von Grundrechten Dritter gerechtfertigt ist (Art. 36 Abs. 2 BV). Die Bundesverwaltung führt ein Verzeichnis „der Bewilligungen und reglementierten Berufe in der Schweiz“, das gegenwärtig 453 Bewilligungen, basierend auf Bundesrecht, 286 basierend auf kantonalem Recht und 3237 Bewilligungen durch Gemeinden aufzählt. Sehr viele betreffen nicht die Ausbildung, sondern beispielsweise Öffnungszeiten oder die Einschränkung der Benutzung von öffentlichem Grund. Alternativ oder kumulativ können beispielsweise auch bestimmte Berufsqualifikationen, eine Eintragung in einem Register, eine Haftpflichtversicherung oder ein Leumundszeugnis verlangt werden.
Eine wichtige Quelle zur Frage, welche Qualifikationen verlangt werden, ist auch eine vom SBFI im Rahmen des Freizügigkeitsabkommens geführte Liste der Berufe, für die spezifische Berufsqualifikationen erforderlich sind (www.sbfi.admin.ch/diploma > reglementierte Berufe).
Zur Vermutung, dass manche Vorschriften eher aus korporatistischen Überlegungen eingeführt wurden, schlägt der Bundesrat vor, einen Bericht zu erarbeiten, der die verschiedenen Bedingungen betreffend Ausbildung und Berufsausübung sowie die Entwicklungen der letzten Jahre erfasst und analysiert, auf welches öffentliche Interesse sich die Reglementierungen stützen, und darauf aufbauend zu prüfen, ob weitere Massnahmen angezeigt sind.
Es ist noch offen, ob das Parlament diese Anregung aufnimmt.

Überblick über die Ausbildungsberufe Deutschlands? Ein Lexikon mit 553 Seiten gibt Auskunft.

Interessieren Sie die beruflichen Grundbildungen (Ausbildungsmöglichkeiten) in Deutschland?

BERUF AKTUELL, ein Lexikon erklärt zuerst die Unterschiede zwischen Ausbildungsberuf (mit und ohne Fachrichtungen oder Schwerpunkten), Berufsfachschulberuf und Beamtenausbildung. Dann werden u.a. Fortsetzungsmöglichkeiten und Anrechnungsmöglichkeiten erklärt. Nach Angaben über Dauer, Ausbildungsvergütungen und anderes mehr folgt eine Berufsübersicht, eingeteilt nach Berufsfeldern, und im Hauptteil eine Beschreibung all dieser Ausbildungsmöglichkeiten.

Wem das noch nicht genügt: www.arbeitsagentur.de > BERUFSNET gibt über weitere Details Auskunft.

Einflüsse der Rudolf Steiner-Pädagogik auf die Berufsbildung

Der Verlag Info3, der zu anthroposophischen Praxisfeldern publiziert, hat ein «Sonderheft Berufsbildung 2016» herausgegeben, was mich veranlasste mir wieder einmal zu überlegen, was ich über die Einflüsse der Pädagogik von Rudolf Steiner auf die Berufsbildung weiss.

Die Umsetzung dieser Pädagogik in den Rudolf Steiner-Schulen in der Schweiz bzw. den Waldorfschulen in Deutschland ist ja seit Jahrzehnten ein alternatives Bildungsmodelle mit einer beachtlichen Schülerzahl. Der Schwerpunkt liegt bei Primarstufe und Sekundarstufe I. Im 10.- 12. Schuljahr kann in verschiedenen Regionen der Schweiz die «Integrierte Mittelschule» besucht werden, deren Besuch an die Vorbereitung auf die Matura und den allgemeinbindenden Unterricht der Berufslehren (inkl. BM-Unterricht) angerechnet wird. (Kompass 2015) Die IMS bereitet auch auf gewisse Höhere Fachschulen vor und berufsorientierter Unterricht erleichtert den Übertritt, besonders in den Bereichen Gesundheit und Soziales, Landwirtschaft und Kunst. Zu einem Lehrabschluss führt die IMS aber nicht.
Im Unterschied dazu vermittelt die 1952 gegründete Hiberniaschule in Herne (Nordrhein-Westfalen) eine Doppelqualifikation, umfassend einen als gleichwertig anerkannten Berufsabschluss (Metall, Elektro, Schneiderei, Kinderpflege, Tischlerei) und eine Fachoberschulreife. Das eingangs erwähnte «Sonderheft» stellt zudem verschiedene Fachschulen vor, die zu beruflichen Abschlüssen aus Sekundarstufe II führen, meist in den Bereichen Gesundheit, Soziales, Erziehung und Kunst. Auch Lehrstellen werden ausgeschrieben, zum Beispiel in der Landwirtschaft.

In Deutschland existiert auch eine Hochschule, die auf Tertiärstufe eine Berufsausbildung vermittelt und dabei anthroposophisches Gedankengut und entsprechende Lehrangebote einfliessen lässt. Es ist die Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft bei Bonn mit den Fakultäten Kunst und Architektur sowie Human- und Gesellschaftswissenschaften. Zu letzterer gehören u.a. die Fachbereiche Wirtschaft (NZZ 21.8.08) und Bildungswissenschaften.

In der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts beeinflusste die anthroposophische Pädagogik zudem die berufliche Grundbildung in Unternehmen (Betriebslehren), von denen einzelne künstlerischen Unterricht in die Ausbildung der Lernenden einbezog, beispielsweise der heutige Technologiekonzern Voith GmbH, Heidenheim. Dies dürfte dazu beigetragen hat, dass der Deutsche Bildungsrat 1974 für die Berufsausbildung das «Studio» als vierten Lernort neben Betrieb, Schule und Lehrwerkstatt vorsah. Presseberichten ist zu entnehmen, dass es auch heute noch entsprechende Einflüsse gibt, doch hört man nicht mehr viel davon. Aus der Schweiz ist mir nur ein Versuch mit Schaffhauser Schreinern bekannt. (Bericht)

Von besonderer Bedeutung sind nach wie vor die Arbeiten des Berufspädagogen Michael Brater, der eine einschlägige Didaktik entwickelte, über das Verhältnis von Bildung und Arbeit nachdachte und bereits 1988 schrieb: «Man lernt nicht mehr Drehen, Fräsen usw., um es in der Arbeit direkt anwenden, sondern um mit diesem Wissen und Können etwas ganz anderes tun zu können. Hier bekommt die Berufsbildung durchaus Züge «formaler» Bildung, indem nicht mehr der Stoff als solcher wichtig ist, sondern mehr das, was an Fähigkeiten in der Aneignung bzw. der Auseinandersetzung mit dem Stoff gebildet wird.» und «Die alten pädagogischen Gegensätze von «Berufsausbildung» und «Allgemeinbildung» haben sich faktisch aufgehoben (auch wenn dies mancherorts noch nicht bemerkt wurde). Die Kernfrage der Berufsbildung lautet heute nicht mehr: Wie führt man in bestimmte Arbeitstechniken ein? – sondern: Wie legt man die Grundlage für selbständiges Handeln, für die Autonomie der Persönlichkeit?» (Berufsbildung und Persönlichkeitsentwicklung. Stuttgart 1988, S. 53 bzw. 56).

Unterschätzen wir die Berufsbildung anderer Länder?

Gelegentlich frage ich mich, ob wir nicht die Anstrengungen anderer Länder unterschätzen. Algerien beispielsweise bietet vergleichsweise ebensoviele Ausbildungsplätze an wie die Schweiz: 410’000 für Neueintritte bei knapp 40 Mio Einwohnern. Dies entspricht unseren 80’000 bei 8 Mio Einwohnern. Algerien leistet sich übrigens einen „ministre de la Formation et de l’enseignement professionnels“, vgl. Algerischer Mediendienst.
Ja, die Qualität ist bei uns sicher entscheidend besser! Wir können ja auch auf 130 Jahren Erfahrung aufbauen. 1884 wurde beschlossen, ein System mit zwei Lernorten (Betrieb und berufliche Fortbildungsschule) einzuführen, gemeinsam getragen von der öffentlichen Hand und der Wirtschaft. Seither konnte dieses System sich kontinuierlich entwickeln.

Berufsbildung jenseits des BBG

Wir sind ja stolz auf unsere Berufsbildung – und vergessen dabei meist, dass es jenseits der durch das Berufsbildungsgesetz geregelten Bildungsgänge weitere Formen der Berufsbildung gibt, die sich durchaus sehen lassen können. Im neuen Buch von Evi Schmid, Philipp Gonon und mir haben wir einige davon beschrieben.
In den letzten Wochen habe ich mich noch etwas tiefer mit besonders kurzen Ausbildungen befasst, die als Alternative zu den BBG-geregelten Grundbildungen in Frage kommen, wenn ein Erwachsener eine berufliche Ausbildung erwerben will. Manche Interessierte fühlen sich ja vom Aufwand für den Erwerb eines EBA oder gar eines EFZ überfordert und könnten in diesem Bereich eine Möglichkeit für eine „Zweite Chance“ finden.
Die gute Kunde: Es gibt eine rechte Zahl von kürzeren Ausbildungen für Erwachsene. Einige können als in sich abgeschlossene und als solche für sich wertvolle Teile einer Vorbereitung auf ein EFZ besucht werden. Andere stellen Alternativen dar, die dank modularem Aufbau zu anspruchsvollen beruflichen Qualifikationen führen können.
Die schlechte Kunde: Manche Angebote sind den Aufwand nicht wert: Sie führen zwar zu wohlklingenden Abschlüssen, vermitteln aber Qualifikationen, für die kein Markt besteht – ausser als Ausbilder/in für andere Interessierte – es sind Schneeballsysteme im Bildungswesen.