Berufliche Bildung: Rascher Einstieg – aber mit 40, 45 sieht es anders aus.

Andreas Schleicher, in Deutschland und Australien ausgebildeter Mathematiker und Physiker. Er gilt als Erfinder der Pisa-Studie und hält von der Schweizer Sekundarstufe II nicht sehr viel: „Es stimmt, die Leute aus der Berufsbildung bekommt man schnell in Arbeit. Heute messen wir den Erfolg eines Bildungssystems aber am sozialen und gesellschaftlichen Erfolg eines Menschen über die Lebenszeit. Wir haben interessante Daten zur Schweiz: Die Leute mit beruflicher Ausbildung stehen am Anfang relativ gut da, aber schon mit 40, 45 sieht das anders aus. Die Idee, entweder eine theoretisch-akademische oder eine praktische Ausbildung zu wählen – und dies im Alter von 16 Jahren – ist eine Idee aus längst vergangener Zeit. Denn die Berufswelt verlangt heute immer beides, und zwar vom Mechaniker bis zum Philosophieprofessor.“

Eine Aussage an anderer Stelle: „Ein Automechaniker kam früher mit 200 Seiten codierten Wissens aus – heute sind es 14 000 Seiten. Die Kompetenzen, die junge Menschen heute brauchen, um im Leben erfolgreich zu sein, sind ganz andere als noch vor einigen Jahrzehnten.“ zeigt den Hintergrund dieser Auffassung.

Auch das Schweizer Bildungssystem als ganzes begeistert ihn nicht: „Nun, mit den besten Pisa-Ländern Finnland, Kanada und Korea kann die Schweiz noch nicht ganz mithalten. Aber sie liegt über dem OECD-Durchschnitt.“ Allerdings, seine Skepsis beschränkt sich nicht auf die Schweiz: „Unser Bildungssystem ist im Grunde noch immer eine gigantische Sortiermaschine. Das reichte ja im 19. Jahrhundert völlig, als es darum ging, irgendwie jenen Drittel herauszufiltern, der dann den anderen zwei Dritteln sagte, was und wie sie arbeiten sollten. Heute ist das genauso veraltet wie ein Fliessband-Produktionsbetrieb des 19. Jahrhunderts.“ Heute geht es darum, „ein Arbeitsfeld zu schaffen, das Raum bietet für Kreativität, Zusammenarbeit und auch Anerkennung auf Grund von Erfolg. … Im Bildungsbereich dagegen stehen wir etwa dort, wo die Medizin vor 100 Jahren war: Viel Ideologie, viel Tradition, sehr wenig Wissen. … Lernmotivation, Metakognition – das sind die grossen Themen, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen. Damit ein Lehrer in der Lage ist, jedes Kind individuell zu diagnostizieren und eine breite Reihe von pädagogischen Strategien einzusetzen.

Die Aufteilung auf mehrere Züge oder gar Lernkulturen wie in der Schweiz üblich, lehnt Schleicher ab: Es geht „nicht darum, jetzt alle Schüler einfach zusammen zu unterrichten. Die Frage ist: Wie kann man mit der Verschiedenheit von Kindern und Jugendlichen anders umgehen, als sie auf verschiedene Schulen zu verteilen? In Finnland finden 30 Prozent des Unterrichts ausserhalb des Klassenverbandes statt – das heisst nichts anderes als starke individuelle Förderung. Das kostet Geld, aber es ist strategisch gedacht. Denn die Kosten von Nicht-Bildung werden immer grösser, während Bildung volkswirtschaftlich einen grossen Gewinn darstellt.

Zitate aus «Viel Ideologie, sehr wenig Wissen», ein Interview von Kathrin Meier-Rust mit Andreas Schleicher, Leiter der Abteilung für Indikatoren und Analysen im Direktorat für Bildung der OECD und internationaler Koordinator der Pisa-Studien. Publiziert in NZZaS, 13. Juni 10, S. 58