Berliner Realschule mit interessantem Konzept – Vorbild für die Schweiz?

Der Präsident der nationalrätlichen Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur, Lieni Füglistaller, SVP Aargau, lobte kürzlich in einer Radio-Diskussion eine Berliner Realschule: Sie garantiere jeder/jedem Schüler/in einen Ausbildungplatz.

Es handelt sich um die Georg-Weerth-Oberschule, eine „integrierte Sekundarschule“ in Berlin Kreuzberg (Friedrichshain). Die Schule wirbt auf ihrer Website mit dem Slogan „per Mausklick in die Wirtschaft“. Wie der Slogan zeigt, hat die IKT eine grosse Bedeutung als Unterrichtsmittel und -inhalt, weiter wird u.a. Spanisch als Wahlpflichtfach und Berufswahlunterricht von der 7. bis zum 10. Schuljahr angeboten.

Gemäss Schulprofil ist es „Ziel“ (nicht Verpflichtung Wt) der Schule, „jedem Schüler nach erfolgreichem Abschluss der 10. Klassenstufe (! wt) einen Ausbildungplatz oder einen Platz an einer weiterführenden Schule zu vermitteln.“

Die Schule weist interessante Charakteristiken auf – aber stellt sie wirklich ein Vorbild für Schweizer Schulen der Sekundarstufe I dar?

Als entscheidend werden von der Schule selbst „realitätsnahe Vorbereitung der Schüler/innen“ sowie das Fach Berufsorientierung und einen „Informationstechnischen Grundkurs“ im 7. und 8. Schuljahr erwähnt. Die Schule pflegt zudem intensive Kontakte zu einigen Firmen und investiert in die Qualitätssicherung mittels eines „Berufswahlpasses“.

Die zuständige Staatsverwaltung charakterisiert diese öffentliche Schule wie folgt:
Angebote: Neigungsorientierte Einrichtung von Klassen, Ganztagsschule in teilgebundener Form, medienbetontes Profil, Schule mit Teilnahme an der Budgetierung
Zusätzliche Angebote der Schule: Profil: wirtschaftlich-berufsorientierend, Teilnahme an bundesweiten Unterrichtsprojekten, Berufswahlpass, Fach Berufsorientierung ab Klasse 7, Schülerfirmen, 7 Laptopklassen

Tönt gut – aber genügt dies, sie als vorbildlich darzustellen? Zwei Pressemeldungen geben Hinweise, was NR Füglistaller möglicherweise begeistert hat:

Am 26. Juni 2005 publizierte Welt online eine Meldung, die hier gekürzt wiedergegeben wird:
„Die Fassade des 70er-Jahre-Baus blättert und ist mit Graffiti beschmiert, die Fenster sind morsch, die benachbarte Schwimmhalle ist längst stillgelegt, und rundherum wuchern Brennesseln. Kein Ort, an dem die künftige Generation von erfolgreichen Unternehmensgründern und Angestellten heranwächst, möchte man meinen. Und dennoch wurde just diese Berliner Schule vor wenigen Tagen im ZDF geradezu als mustergültig für ganz Deutschland gefeiert. … Schüler mit einem Abschlußzeugnis dieser Schule haben mit großer Gewißheit nach den Sommerferien ihren sicheren Ausbildungsplatz – oder einen Platz am Gymnasium. Seit nunmehr vier Jahren erreicht die Schule konstant die traumhafte Vermittlungsquote von 98 Prozent, während sich tendenziell Realschüler immer schwieriger gegenüber den Abiturienten auf dem Ausbildungsmarkt Berlins behaupten können.“
Die damalige Schulleiterin Schmittke wird dazu wie folgt zitiert: „Vor elf Jahren habe sie beschlossen, die Schule in ein Unternehmen umzuwandeln, sagt Schmittke. Die Realschule an einem sozialen Brennpunkt Berlins war marode, ihr Ruf war miserabel und die Schülerzahl mickrig. «Wir mußten etwas finden, was uns von den anderen Schulen abhebt.» Also machte sie eine Marktanalyse. Ergebnis: Die Nachfrage nach Spanisch war enorm, keine Realschule im Umkreis jedoch bot die Fremdsprache an.“ Mit weiteren Massnahmen wurde der Kontakt zu einigen Betrieben intensiviert, was als zentraler Grund für den Erfolg dargestellt wird.

Mit den Räumen scheint es nun auch zu bessern, trotz Geldmangel bei der Stadt: Die Berliner Morgenpost vom 29. Oktober 2010 berichtet: „Was bislang trotz Konjunkturprogramm nicht zu schaffen war, soll jetzt Boris Becker richten: Die Georg-Weerth-Schule in Friedrichshain hat das Rennen um die sanierungsbedürftigste Schule gemacht und wird nun öffentlichkeitswirksam von prominenter Hand und in Begleitung eines Filmteams instand gesetzt. Für eine geplante Sendereihe von Sat.1 mit dem Arbeitstitel „Boris macht Schule“ wird der Ex-Tennisstar von heute an die Arbeiten an der Schule als Koordinator begleiten. Ihm zur Seite steht ein dreiköpfiges Expertenteam, zu dem ein Architekt, ein Bauleiter und eine Pädagogin gehören.“

Im Moment scheint der erwähnte Film noch nicht ausgestrahlt zu sein.

(Zu beachten: eine Schule gleichen Namens gibt es auch in Chemnitz.)