Im Bregenzerwald wurde eine neues Modell zur Ausbildung im Handwerk realisiert.

Der Begrenzerwald im Vorarlberg, bereits im Barock für seine Baumeister, Maler und Stuckateure bekannt, hat sich nach dem zweiten Weltkrieg zu einer Region entwickelt, in der eine Vielzahl von Betrieben Holzbau, Innenausbau und Möbelproduktion in bester Qualität produzieren und damit diesem Hügelland zwischen Rheintal und Bayern eine neue Blüte verschafften. Der „Werkraum Bregenzerwald“ in Andelsbuch, erbaut im Auftrag von 89 regionalen Handwerksfirmen und gestaltet von Architekt Peter Zumthor, Haldenstein, ist heute ein Wallfahrtsort für alle, die sich für anspruchsvolles Handwerk interessieren, vom Bauhandwerk bis zu Möbel-, Schmuck- und Textilgestaltung.

Da horcht man auf, wenn die Träger dieses Werkraums, zusammen mit den „Wirtschaftsschschulen Bezau“, einen Ausbildungsgang für Handwerkerinnen und Handwerker anbieten. Im September 2016 wurde der Unterricht mit 31 Schüler/innen aufgenommen. (Medienmitteilung)

Der Ablauf wird wie folgt charakterisiert:
1. Jahr: Handelsschule mit Entscheidung für ein Material, 25 Schnuppernachmittage sowie ein 4-wöchiges Praktikum in einem Werkraum-Mitgliedsbetrieb.
2. Jahr: Handelsschule mit Entscheidung für einen Beruf, 10-wöchiges Praktikum in einem Werkraum-Mitgliedsbetrieb.
3. Jahr: Abschluss Handelsschule und Entscheidung für einen Betrieb, Beginn des Lehrverhältnisses, verkürztes erstes Lehrjahr, Beginn des Berufsschulunterrichts
4. Jahr: Lehre, zweites Lehrjahr
5. Jahr: Lehre, drittes Lehrjahr mit Lehrabschlussprüfung

Die Ausbildung wird nach dem 8. Schuljahr aufgenommen, ein Jahr vor Ablauf des Schulobligatoriums.
Die handwerkliche Ausbildung kann in rund dreissig verschiedenen Berufen absolviert werden, unter anderem in Schreinereien im Metallbau, IT-Technik, Ofenbau, als Filzer/in, Koch/Köchin, Metzger/in.
Im Juni des 3. Schuljahres erfolgt ein fließender Übergang in ein Lehrverhältnis in dem der Lehrlingslohn bezahlt wird, der Schüler nicht mehr Schüler sondern Lehrling ist und auch die Berufsschule besucht.
Im Laufe der fünf Jahre werden mehrere Abschlüsse erworben: Lehrabschluss, Handelsschulabschluss inkl. der von der Gewerbeordnung verlangten Unternehmerprüfung, allenfalls auch die Berufsmatura, die ja in Österreich auch eine Zulassung zu den Universitäten darstellt.
Der Lehrgang ist kostenlos, da der Schulunterricht an öffentlichen Schulen stattfindet.

werkraumschule-logo
Quellen:
Köbi Gantenbein: Werkraum, Haus, Schule. IN Hochparterre 9/16
Florian Eicher und Renate Breuß: eigen+sinnig. Der werkraum bregenzerwald als Modell für ein neues Handwerk, München (oekom) 2005
sowie die oben verlinkten Websites und Unterlagen sowie eine Mitteilung von Susanne Schedler, Werkraum Bregenzerwald.

 

UPDATE (8. Dez. 2016)

Werkraum Bregenzerwald von UNESCO ausgezeichnet
Der Werkraum wurde gemeinsam mit zwei weiteren Handwerkszentren in Oberösterreich, dem Textilzentrum Haslach und dem Hand.Werk.Haus in Bad Goisern, in das internationale „Register guter Praxisbeispiele für die Erhaltung des immateriellen Kulturerbes“ aufgenommen. (Quelle)

Höhere Berufsbildung: Ehre wem Ehre gebührt!

Hans-Ulrich Bigler hat sich durchgesetzt: Die Höhere Berufsbildung wird finanziell gestärkt.

Seit NR H.-U. Bigler den Schweizerischen Gewerbeverband leitet (und erst seit diesem Zeitpunkt) hat sich der sgv mit Entschiedenheit für die Stärkung der Höheren Berufsbildung eingesetzt. Nun hat dieses Engagement Früchte getragen. In der Botschaft des Bundesrates für die Aufwendungen für Bildung, Forschung und Innovation in den Jahren 2017 bis 2020 sind erstmals Beiträge «an Absolvierende von Vorbereitungskursen auf eidg. Prüfungen» vorgesehen, zusätzlich zu den 2017 massiv erhöhten Beiträge an die Durchführung dieser Prüfungen, 136 Mio. für die Prüfungen, verteilt auf 2017-2020 und 365 Mio. für die Jahre 2018-2020. Diese Stärkung der Höheren Berufsbildung ist nun vom Parlament akzeptiert worden.  Ja, es hat sogar eine Erhöhung der Mittel für die (gesamte) Berufsbildung um 100 Mio. beschlossen, neben einer weiteren Aufstockung für die Hochschulen (einschl. ETH) von 260 Mio., entsprechend 25 Mio. bzw. 65 Mio. / Jahr.

Wie sieht das im Zusammenhang aus?
Von den Aufwendungen für die Bildung des der öffentlichen Hand erhielt die Höhere Berufsbildung 2013 339 Mio. Fr entsprechend 1.0% des Aufwandes. Die Hochschulen – mit etwa gleich viel Absolventen wie die Höhere Berufsbildung – erhielten 7’626 Mio entsprechend 21.6%. Details vgl. Wettstein, Schmid Gonon: Berufsbildung in der Schweiz, 2014, S. 148). Sofern sich bei den Kantonen nichts ändert dürften den Hochschulen ab 2017 pro Jahr 350 Mio mehr und der Berufsbildung 65 Mio mehr zur Verfügung stehen. Immerhin eine merkbare Reduktion des Unterschieds …

Allerdings kann im Rahmen der jährlichen Budgetierung noch einiges ändern, denn es sind ja Sparbemühungen zu erwarten. Vergessen wir nicht: Das Parlament muss jedes Jahr das Budget des Bundeshaushaltes beschliessen und es wäre nicht das erste Mal, dass die im Voranschlag beschlossenen Kredite gekürzt werden, weil das Budget deren volle Ausschöpfung nicht zulässt.

Eine Differenz zwischen den beiden Räten ist noch zu genehmigen: Der Bundesrat schlägt vor, dass die Beiträge an die Vorbereitungskurse erst nach der Prüfung ausbezahlt werden, NR Martina Munz hat eine für die Teilnehmenden günstigere Lösung vorgeschlagen. Die Räte sind sich noch nicht einig, ob und wie sie umgesetzt werden soll.

Einflüsse der Rudolf Steiner-Pädagogik auf die Berufsbildung

Der Verlag Info3, der zu anthroposophischen Praxisfeldern publiziert, hat ein «Sonderheft Berufsbildung 2016» herausgegeben, was mich veranlasste mir wieder einmal zu überlegen, was ich über die Einflüsse der Pädagogik von Rudolf Steiner auf die Berufsbildung weiss.

Die Umsetzung dieser Pädagogik in den Rudolf Steiner-Schulen in der Schweiz bzw. den Waldorfschulen in Deutschland ist ja seit Jahrzehnten ein alternatives Bildungsmodelle mit einer beachtlichen Schülerzahl. Der Schwerpunkt liegt bei Primarstufe und Sekundarstufe I. Im 10.- 12. Schuljahr kann in verschiedenen Regionen der Schweiz die «Integrierte Mittelschule» besucht werden, deren Besuch an die Vorbereitung auf die Matura und den allgemeinbindenden Unterricht der Berufslehren (inkl. BM-Unterricht) angerechnet wird. (Kompass 2015) Die IMS bereitet auch auf gewisse Höhere Fachschulen vor und berufsorientierter Unterricht erleichtert den Übertritt, besonders in den Bereichen Gesundheit und Soziales, Landwirtschaft und Kunst. Zu einem Lehrabschluss führt die IMS aber nicht.
Im Unterschied dazu vermittelt die 1952 gegründete Hiberniaschule in Herne (Nordrhein-Westfalen) eine Doppelqualifikation, umfassend einen als gleichwertig anerkannten Berufsabschluss (Metall, Elektro, Schneiderei, Kinderpflege, Tischlerei) und eine Fachoberschulreife. Das eingangs erwähnte «Sonderheft» stellt zudem verschiedene Fachschulen vor, die zu beruflichen Abschlüssen aus Sekundarstufe II führen, meist in den Bereichen Gesundheit, Soziales, Erziehung und Kunst. Auch Lehrstellen werden ausgeschrieben, zum Beispiel in der Landwirtschaft.

In Deutschland existiert auch eine Hochschule, die auf Tertiärstufe eine Berufsausbildung vermittelt und dabei anthroposophisches Gedankengut und entsprechende Lehrangebote einfliessen lässt. Es ist die Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft bei Bonn mit den Fakultäten Kunst und Architektur sowie Human- und Gesellschaftswissenschaften. Zu letzterer gehören u.a. die Fachbereiche Wirtschaft (NZZ 21.8.08) und Bildungswissenschaften.

In der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts beeinflusste die anthroposophische Pädagogik zudem die berufliche Grundbildung in Unternehmen (Betriebslehren), von denen einzelne künstlerischen Unterricht in die Ausbildung der Lernenden einbezog, beispielsweise der heutige Technologiekonzern Voith GmbH, Heidenheim. Dies dürfte dazu beigetragen hat, dass der Deutsche Bildungsrat 1974 für die Berufsausbildung das «Studio» als vierten Lernort neben Betrieb, Schule und Lehrwerkstatt vorsah. Presseberichten ist zu entnehmen, dass es auch heute noch entsprechende Einflüsse gibt, doch hört man nicht mehr viel davon. Aus der Schweiz ist mir nur ein Versuch mit Schaffhauser Schreinern bekannt. (Bericht)

Von besonderer Bedeutung sind nach wie vor die Arbeiten des Berufspädagogen Michael Brater, der eine einschlägige Didaktik entwickelte, über das Verhältnis von Bildung und Arbeit nachdachte und bereits 1988 schrieb: «Man lernt nicht mehr Drehen, Fräsen usw., um es in der Arbeit direkt anwenden, sondern um mit diesem Wissen und Können etwas ganz anderes tun zu können. Hier bekommt die Berufsbildung durchaus Züge «formaler» Bildung, indem nicht mehr der Stoff als solcher wichtig ist, sondern mehr das, was an Fähigkeiten in der Aneignung bzw. der Auseinandersetzung mit dem Stoff gebildet wird.» und «Die alten pädagogischen Gegensätze von «Berufsausbildung» und «Allgemeinbildung» haben sich faktisch aufgehoben (auch wenn dies mancherorts noch nicht bemerkt wurde). Die Kernfrage der Berufsbildung lautet heute nicht mehr: Wie führt man in bestimmte Arbeitstechniken ein? – sondern: Wie legt man die Grundlage für selbständiges Handeln, für die Autonomie der Persönlichkeit?» (Berufsbildung und Persönlichkeitsentwicklung. Stuttgart 1988, S. 53 bzw. 56).

Glossar „Was ist was in der Europäischen Berufsbildungspolitik?“

Unter dieser Bezeichnung publiziert der Zentralverband des deutschen Handwerks periodisch eine 18 Seiten umfassende Übersicht über die Bestrebungen Europas zur Annäherung in der Berufsbildungspolitik. Ich schätze sie weil sie mir erlaubt, mir die verschiedenen Bestrebungen wieder in Erinnerung zu rufen.

Noch knapp 500 Abschlüsse der höheren Berufsbildung ohne Anerkennung auf Bundesebene

Ich werde immer wieder gefragt, um welche Abschlüsse es sich bei den „Nicht auf Bundesebene reglementierte höhere Berufsbildungen“ handle. Das Bundesamt für Statistik hat eben die Liste für das Jahr 2015 publiziert.

Die Abschlüsse (das BfS spricht von Diplomen) stammen aus folgenden Ausbildungsfeldern nach ISCED:
• Ausbildung von Lehrkräften mit Fachspezialisierung
• Audiovisuelle Techniken und Medienproduktion
• Religion und Theologie
• Spracherwerb
• Journalismus und Berichterstattung
• Nahrungsmittel
• Textilien (Kleidung, Schuhwerk und Leder)
• Medizinische Diagnostik und Behandlungstechnik
• Therapie und Rehabilitation
• Traditionelle und alternative Heilmethoden und Therapien
• Sozialarbeit und Beratung
• Verkehrsdienstleistungen

Hier die quantitativ wichtigsten der total 472 Abschlüsse (alle: Tertiär – nicht reglementiert)
Anz. Beruf
85 Bewegungspädagoge/-pädagogin
51 Systemtherapeut/in
37 Müllereitechnologe/-technologin
35 Übersetzer/in, Dolmetscher/in
34 Journalist/in
26 Akupunkteur/in
26 Tuina/An Mo – Therapeut/in (chinesische manuelle Therapie)
25 Maltherapeut/in
25 Shiatsu-Therapeut/in
17 Diakon/in
17 Futtermitteltechniker/in
11 Homöopath/in
10 Medizinische/r Assistent/in
10 Audioagoge/in (Verständigungstrainer/innen für hörbeeinträchtigte Erwachsene)
In Klammer: Ergänzungen Wt

Nachdem Gesundheit, Betreuung, Kunst und Landwirtschaft in die vom Berufsbildungsgesetz erfassten Berufsbildungen einbezogen wurden, ist diese Gruppe sehr klein geworden. Sie umfasst noch 1.8% aller 26500 (2015) erworbenen Abschlüsse der Höheren Berufsbildung. Es ist allerdings zu erwähnen, dass die Statistik auf Selbstdeklaration aufbaut und nur Lehrgänge von mindestens 1 Jahr Dauer umfasst, die auf einer mehrjährigen Grundausbildung in der Sekundarstufe II aufbauen.

Bildungsökonomie

Stephan Wolter stellt in einem sehr interessanten Beitrag in der NZZ vom 29.6. 2016 Überlegungen an, weshalb viele Staaten uns um unsere Berufsbildung beneiden und trotzdem nicht in der Lage sind, sie im eigenen Land einzuführen. Er findet die Antwort in grundsätzlichen Fehlentwicklungen in der Bildungspolitik wie der Begrenzung einer möglichen Ausbildungsdauer auf zwei Jahre (Spanien) oder der Glaube an den Nutzen von Umverteilungsmechanismen (Grossbritannien). Damit zeigt er für eine Makroebene auf, dass die in der Bildungsökonomie heute vorherrschenden Kosten-Nutzen-Überlegungen eine beschränkte Wirkung auf die Politik haben.

Leider wird dies von der Bildungsökonomie in Untersuchungen zum Verhalten von Unternehmen immer noch ignoriert. Im Gegensatz zu andern Bereichen der Wirtschaftswissenschaften fehlt in den in der Schweiz üblichen Publikationen zur Ökonomie der Berufsbildung nach wie vor der Einbezug von „weichen Faktoren“ in das Verhalten der Betreibe.

Ob ein bestimmte Person einen Ausbildungsplatz erhält – und das interessiert letztlich die meisten Beteiligten und Betroffenen – hat nicht nur mit rationalen Kosten-Nutzen-Überlegungen zu tun, vgl. beispielsweise die Arbeiten von Christian Imdorf. Manche Lehrmeister (ich verwende bewusst diesen alten Begriff) reizt es, auch schwierigen oder schwachen Jugendliche eine Berufsausbildung zu ermöglichen. Sie nehmen in Kauf, dass hier die Kosten-Nutzen-Relation ungünstiger ist als bei angepassten Jugendlichen mit Spitzenwerten in Selektionstests. Sie ermöglichen damit erst manchen Jugendlichen einen erfolgreichen Start und tragen zum guten Image der Schweizer Berufsbildung teil.

Anderseits lehnen viele Betriebe die Anstellung von erwachsenen Lernenden durchwegs ab. Obwohl sie nicht mehr genügend fähige Jugendliche finden um ihre Lehrstellen zu besetzen werden Bewerber ab 25 Jahren von vornherein abgelehnt. Dabei dürfte es einsichtig sein, dass erwachsene Lernende dank ihrer Reife und hoher Motivation zu einer deutlich besseren Kosten-Nutzen-Relation führt. Dies beschäftigt mich sehr, bekomme ich doch immer wieder Mails die zeigen wie ausgetrocknet der Lehrstellenmarkt für Erwachsene weiterhin ist.

Die einzigen, die von einem höheren Nutzen für die Betriebe ausgehen sind die Arbeitsmarktbehörden: Sie zahlen Stellenlosen nur Ausbildungsbeiträge aus, wenn ein Betrieb bereit ist, vom ersten Lehrjahr an den Lohn für das letzte Lehrjahr zu bezahlen. Was es den Betroffenen noch schwerer macht, einen Ausbildungsplatz zu finden.

4% aller Zugangsberechtigungen zu universitären Hochschulen gingen 2014/15 an Berufsmaturan/dinnen

Die Passstelle, die Personen mit Berufsmaturität den Zugang zu den universitären Hochschulen öffnet, gewinnt an Bedeutung: Im Schuljahr 2014/15 wurden 752 Ausweise erworben, davon 43% von Frauen. (Quelle) Das entspricht rund 5% der Personen, die im gleichen Jahr eine BM erworben haben (14’172) und 4% aller erteilten Zugangsberechtigungen (18’438 gymn. Maturitäten und 752 Passerellen).
Die Zahl der Ausweise nach dem Besuch einer Passstelle nimmt fast jedes Jahr zu (Quelle):

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Das Handwerk Deutschlands setzt auf Studienabbrecher

Deutsche Berufsverbände des Handwerks haben die Studienabbrecher als Nachwuchsquelle entdeckt. Dazu setzen sie auf das vom Schweizer Gewerbe abgelehnte Duale Studium. Dazu zitiert die Deutsche Handwerks-Zeitung eine neue Studie:

Rund ein Drittel der Studierenden zweifelt daran, dass sie ihr derzeitiges Studium erfolgreich abschließen werden. Für fast 30 Prozent von ihnen ist eine Ausbildung im dualen System eine attraktive Alternative, falls sie ihr Studium abbrechen. Dies sind Ergebnisse einer Studierendenbefragung der Universität Maastricht in Kooperation mit dem Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) zur Attraktivität der Berufsbildung, vgl. die diesbezügliche Meldung.

Unterschätzen wir die Berufsbildung anderer Länder?

Gelegentlich frage ich mich, ob wir nicht die Anstrengungen anderer Länder unterschätzen. Algerien beispielsweise bietet vergleichsweise ebensoviele Ausbildungsplätze an wie die Schweiz: 410’000 für Neueintritte bei knapp 40 Mio Einwohnern. Dies entspricht unseren 80’000 bei 8 Mio Einwohnern. Algerien leistet sich übrigens einen „ministre de la Formation et de l’enseignement professionnels“, vgl. Algerischer Mediendienst.
Ja, die Qualität ist bei uns sicher entscheidend besser! Wir können ja auch auf 130 Jahren Erfahrung aufbauen. 1884 wurde beschlossen, ein System mit zwei Lernorten (Betrieb und berufliche Fortbildungsschule) einzuführen, gemeinsam getragen von der öffentlichen Hand und der Wirtschaft. Seither konnte dieses System sich kontinuierlich entwickeln.

D: Neuer Lehrberuf: Büromanager

In Deutschland wurden per 2014/15 die drei Lehrberufe Bürokaufmann/-frau, Kaufmann/ -frau für Bürokommunikation sowie Fachangestellte/-r für Bürokommunikation zur Ausbildung „Kaufmann/Kauffrau für Büromanagement“ zusammengefasst (Berufsbild), ein Lehrberuf, der sich mit 29’100 neuen Ausbildungsverträgen gleich an die Spitze der Rangliste der Ausbildungsberufe setzte.

Für mich stellt sich hier einmal mehr die Frage, ob die Bezeichnung KAUFmann bzw. KAUFfrau noch adäquat ist, eine Frage die sich in der Schweiz auch stellt, vor allem nach dem aus dem kaufmännischen Angestellten nun auch Kauffrauen und Kaufmänner geworden sind.

Verdreifachung der Absolventzahl der eidgenössischen Berufsmaturitätsprüfungen

Es geht leicht vergessen, dass es – wie bei der gymnasialen Maturität – auch bei der Berufsmaturität eidgenössische Prüfungen gibt.
Die eidgenössischen Berufsmaturitätsprüfungen (EBMP) bieten die Möglichkeit, nach individueller Vorbereitung ein eidgenössisches Berufsmaturitätszeugnis zu erwerben. Sie werden von der Eidgenössischen Berufsmaturitätskommission (EBMK) im Auftrag des Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) durchgeführt. Nachdem zwischen 2004 und 2014 jeweils 15 bis 32 erfolgreiche Abschlüsse gezählt wurden (Durchschnitt: 22), schnellte diese Zahl 2015 auf 77 hinauf. (Quelle: Prüfungssekretariat der EBMP)
Es wird vermutet dass dies eine Folge einer Praxisänderung der FHS sein könnte: Personen, die über ein EFZ verfügen, werden nicht mehr zu internen Aufnahmeprüfungen zugelassen. Die Zahl ist aber immer noch verschwindend klein: 2014 wurden total 14’177 Berufsmaturitäten vergeben.

Weiterbildung in Unternehmen: Informelles Lernen entscheidend – am liebsten im Team

In einer Befragung wurden 5700 Arbeitnehmern aus Unternehmen in Grossbritannien (73% der Befragten) und andern Ländern Europas 2014 befragt, wo und wie sie das Wissen erwerben, dass sie für ihre Tätigkeit benötigen. Als die zehn wichtigsten „Methodes for learning“ wurden genannt
1. 91% team collaboration
2. 81% manager support
3. 73% web search
4. 83% conversations / meetings
5. 67% support from mentor / coach / buddy
6. 64% formal education course
7. 55% internal company documents
8. 52% internal networks / communities
9. 50% mobile
10. 49% live online learning / 47% self-paced e-learning

91% betrachten Zusammenarbeit fürs Lernen als entscheidend oder mindestens sehr hilfreich. Sieben der zehn wichtigsten Quellen sind Formen von informellem Lernen. Weiterbildungskurse werden an 6. Stelle genannt, Online – Learning an 10.
56% der Manager benutzen den Arbeitsweg für ihre Weiterbildung. 75% der Angestellten benutzen online Learning. Die sozialen Netzwerke werden nur von einer Minderheit benutzt, am meisten noch YouTube (24% der Mitarbeiter des Vertriebs, 17% des unteren Kaders), Linkedin (14%/9%), Twitter (3%/4%), Facebook (2%/2%).

Berufsmaturität in Österreich

Ich bin wieder mal erstaunt, wie einfach manches in Österreich geht. Dieses Mal im Zusammenhang mit der Berufsmatura. So wird sie in einem Berufsbild vorgestellt:

Lehre und Matura
Mit einer erfolgreich abgeschlossenen Lehre und vier weiteren Prüfungen erlangen Sie die Berufsmatura (Berufsreifeprüfung). Diese öffnet Ihnen den Zugang zu Universitäts- und Fachhochschulstudien. Außerdem ermöglicht sie zusätzliche Karrierewege im erlernten Beruf, aber auch außerhalb des bisherigen Berufsfeldes.
Und so geht es:
Die Berufsmatura besteht aus vier Teilprüfungen: Deutsch (schriftlich und mündlich) und Mathematik (schriftlich), eine lebende Fremdsprache (schriftlich oder mündlich) und ein Fachbereich (schriftliche Prüfung oder Projektarbeit und mündliche Prüfung). Der Fachbereich ist ein Thema aus dem Berufsfeld des Kandidaten/der Kandidatin.
Wie funktioniert die Vorbereitung?
Die Vorbereitung auf die Berufsreifeprüfung erfolgt in Vorbereitungskursen, die von Erwachsenenbildungseinrichtungen (z. B. WIFI, bfi, Volkshochschulen), Berufsschulen oder höheren Schulen (z. B. AHS, HAK, HTL, HLW) angeboten werden. In solchen Lehrgängen können auch die jeweiligen Teilprüfungen abgelegt werden. Drei der vier Teilprüfungen können bereits während der Lehre abgelegt werden. Zur letzten Teilprüfung kann man nach erfolgreichem Lehrabschluss, aber nicht vor dem 19. Geburtstag antreten.
Durch ein Förderprogramm, können die Vorbereitungskurse und die Prüfung seit September 2008 in ganz Österreich kostenlos angeboten werden. Zur konkreten Ausgestaltung der Vorbereitung auf die Berufsreifeprüfung bestehen in den einzelnen Bundesländern unterschiedliche Modelle. Informationen bieten u. a. die Bildungseinrichtungen und die Lehrlingsstellen der Wirtschaftskammern.

Diese Darstellung des Wegs zur Berufsmatura ist offenbar Teil jedes Berufsbilds der Reihe bic – gute Werbung dafür!

Kürzlich bin ich auch im Rahmen der Berufsbildung für Erwachsene auf ein Vorgehen gestossen, dass einfach und plausibel tönt. Ich frage mich dann jeweils, ob die Resultate schlechter oder sogar wesentlich schlechter sind als bei unseren sehr viel anspruchsvoller geregelten Verfahren.

Berufsbildung für Erwachsene: Auswertung der Statistiken 2013 und 2014

Die Zahl der Abschlüsse der beruflichen Grundbildung (EFZ, EBA und HMS-Diplome) ist von 2013 auf 2014 um 832 Abschlüsse gesunken. Vordergründig kann dies der Ablösung der HMS-Diplome zugeschrieben werden, die um über 1000 Einheiten gesunken sind. Allerdings ist die Zahl der Abschlüsse bei Personen ab 25 Jahren sogar um rund 1150 Einheiten gesunken, in einem Bereich in dem HMS kaum tätig sind. Offenbar sind in den letzten Jahren wesentlich weniger Erwachsene in Berufslehren aufgenommen worden, denn die Zahl der Abschlüsse nach direktem Zugang zu den QV ist etwas, die Zahl der Abschlüsse nach Validierungsverfahren sogar deutlich gestiegen. Bei letzteren hat sich die Konzentration auf die Kantone Genf und Zürich fortgesetzt.
Dies sind einige Resultate der Auswertung der Statistik „Sekundarstufe II, Berufliche Grundbildung: Bildungsabschlüsse. 2014“ des Bundesamtes für Statistik. Einer Auswertung, die sich vor allem mit den Abschlüssen von Personen ab 25 Jahren, also mit der Berufsbildung für Erwachsene befasst.

Entwicklung der Berufsbildung, kurz zusammengefasst

Die Entwicklung der Berufsbildung in der Schweiz verläuft ja seit 1884 erstaunlich kontinuierlich. Im Zusammenhang mit einer Publikation habe ich den Versuch unternommen, die wichtigsten Linien herauszuarbeiten, deren Kenntnis für das Verständnis der heutigen Situation erforderlich sind, vgl. hier. Ältere Versuche zur Geschichte der Berufsbildung sind unter anderem die „Meilensteine“ und die Schrift „Entwicklung der Berufsbildung“ aus dem Jahr 1978.

Berufsbildung für Erwachsene

Seit bald zehn Jahren beschäftigen wir uns mit der Berufsbildung für Erwachsene. Seit einiger Zeit ist das Projekt „ZweiteChance“ unser wichtigstes Arbeitsgebiet. Es befasst sich mit der Förderung der über 600’000 Einwohner/innen der Schweiz im Alter von 25 bis 64 Jahren, die nach der obligatorischen Schulzeit keine weitere Ausbildung abgeschlossen haben.
Ich werde in Zukunft in diesem Blog immer mal wieder auf Resultate aus diesem Projekt hinweisen und über Vorkommnisse orientieren,die sich mit der Thematik befassen.

2015 haben wir unter anderem folgende Recherchen abgeschlossen und auf der Website der Firma publiziert:

Ein erfolgreiches Modell aus Österreich: «Du kannst was!»
Die Entwicklung und der heutige Stand der rechtlichen Grundlagen der Berufsbildung für Erwachsene
Das einschlägige Angebot von Hotel&Gastro formation Schweiz
Warum Berufsbildung für Erwachsene? Ein Argumentarium
An wen richtet sie sich? Wichtige Zielgruppen einer Förderung
Eidgenössisch anerkannte Abschlüsse (EFZ, EBA) sind nicht die einzigen Möglichkeiten beruflich voranzukommen: Alternativen
Berufsbildung für Erwachsene im Detailhandel
Vorbildliche Angebote im Kanton Solothurn
Validierungsverfahren – eine Erfolgsgeschichte (Informatikerin EFZ)

UPDATE:
Weitere Darstellungen finden Sie unter www.ZweiteChance/Angebote

Entstehung der „Lernpiloten“, einer weit entwickelten Form der Lernstätten

In der neuen Fassung des Buches „Berufsbildung in der Schweiz“ wird sowohl im Abschnitt über die Grundbildung im Grossbetrieb als auch in demjenigen über die Simulation auf den „Lehrpilot“ von aprentas Bezug genommen, einer speziell für die Ausbildung eingerichteter Fabrik, in der die angehenden Chemie- und Pharmatechnolog/innen EFZ einen grossen Teil ihrer Ausbildung absolvieren: Im kleinen Massstab und mit weniger wertvollen Substanzen erlernen sie die Ausführung von Grundfunktionen wie filtrieren, destillieren, rühren, extrahieren. Es ist dies eine besonders weit entwickelte Form der Simulation als Vorbereitung auf die Arbeit ‚on the Job‘, also in der Produktion.

Dieser Tage wurde ich auf zwei 1946 und 1952 entstandenen Aufsätze aufmerksam gemacht, die zeigen, dass diese Form der Simulation bereits Mitte des letzten Jahrhunderts entstanden ist, als Hilfsmittel zur Ausbildung des „Chemiehandwerkers“, später Chemikant genannt und heute „Chemie- und Pharmatechnologe EFZ“. Schon damals kamen die Lernenden erst gegen Ende der Lehrzeit in die Produktion, was allerdings nicht nur didaktisch, sondern mindestens so sehr arbeitsrechtlich bedingt war.

Quelle: ChemieXtra, Ausgaben 5/2014 und 7-8/2014, Download (mit zeitgenössischen Bildern)

Berufsbildung jenseits des BBG

Wir sind ja stolz auf unsere Berufsbildung – und vergessen dabei meist, dass es jenseits der durch das Berufsbildungsgesetz geregelten Bildungsgänge weitere Formen der Berufsbildung gibt, die sich durchaus sehen lassen können. Im neuen Buch von Evi Schmid, Philipp Gonon und mir haben wir einige davon beschrieben.
In den letzten Wochen habe ich mich noch etwas tiefer mit besonders kurzen Ausbildungen befasst, die als Alternative zu den BBG-geregelten Grundbildungen in Frage kommen, wenn ein Erwachsener eine berufliche Ausbildung erwerben will. Manche Interessierte fühlen sich ja vom Aufwand für den Erwerb eines EBA oder gar eines EFZ überfordert und könnten in diesem Bereich eine Möglichkeit für eine „Zweite Chance“ finden.
Die gute Kunde: Es gibt eine rechte Zahl von kürzeren Ausbildungen für Erwachsene. Einige können als in sich abgeschlossene und als solche für sich wertvolle Teile einer Vorbereitung auf ein EFZ besucht werden. Andere stellen Alternativen dar, die dank modularem Aufbau zu anspruchsvollen beruflichen Qualifikationen führen können.
Die schlechte Kunde: Manche Angebote sind den Aufwand nicht wert: Sie führen zwar zu wohlklingenden Abschlüssen, vermitteln aber Qualifikationen, für die kein Markt besteht – ausser als Ausbilder/in für andere Interessierte – es sind Schneeballsysteme im Bildungswesen.

Gleichartig statt gleichwertig?

Prof. Dieter Euler hat im neuen „folio“ (einmal mehr) einen interessanten Denkanstoss gegeben: Die Einsatzgebiete von Absolvent/innen beruflicher Bildungswege würden sich von denjenigen akademischer Studien in manchen Feldern kaum noch unterscheiden. Die Abgrenzungsformel „Gleichwertig, aber nicht gleichartig“ erweise sich immer mehr als Beschwörungsrhetorik statt als Beschreibung der Wirklichkeit. Euler nennt als Beispiel die Ausbildungen von Dipl. Pflegepersonen (Höhere Fachschule) und von BSc in Pflege (Fachhochschulen). Mir fallen dazu auch Ausbildungen in den Bereiche Gestaltung, Informatik, Architektur ein.

Interessant auch ein Schluss, den er daraus zieht: Weshalb ist der Zugang zu Fachhochschulen ausschliesslich über zusätzliche Allgemeinbildung möglich, nicht auch über zusätzliche berufliche Bildung?
Dazu ein Blick über die Grenze: In vielen deutschen Bundesländern eröffnet ein Meisterdiplom ebenfalls den Zugang zu Universitäten, nicht nur ein Abitur. Österreich kennt wie die Schweiz die Berufsmaturität. Sie basiert dort jedoch auf einer Kombination von zusätzlicher Allgemeinbildung und zusätzlicher Berufsbildung.

Eine Übungsfirma im 18. Jh. zur Ausbildung der Obrigkeit

Franz Kehl hat mich darauf aufmerksam gemacht: Im Bern des 18. Jh. gab es eine Art Übungsfirma (Lehrwerkstatt) für die Ausbildung der Stadtverwaltung, den „Äusseren Stand“. 1728 bis 1730 wurde dafür sogar ein Haus gebaut, das Rathaus an der Zeugenaussage 17. Hier ein Auszug aus der Darstellung dieser „Politischen Schule“, entnommen der Website des heute dort untergebrachten Restaurants (übrigens sehr zu empfehlen!):

„Der «Äussere Stand» war eine Vereinigung, die als Schattenstaat den «Inneren Stand», also die Obrigkeit der Republik Bern, imitierte.
Der Sinn dieser Einrichtung bestand darin, die jungen Bernburger vor ihrem eventuellen Eintritt in die Räte auf ihre Amtstätigkeit vorzubereiten. Der Aufbau des Äusseren Standes entsprach in allen Einzelheiten der Organisation der richtigen Staatsverwaltung, so dass Wahlvorgänge, Rechnungsablagen, politische Ansprachen, Gerichtstätigkeit und Bauverwaltung geübt werden konnten. In spielerischer Nachahmung wurden alle Ämter besetzt. An der Spitze stand der Schultheiss, der sowohl den Kleinen wie den Grossen Rat leitete. … Mit dem Bau eines eigenen Rathauses manifestierte sich der Äussere Stand mit einem eleganten Bauwerk im Stadtbild von Bern.“

Wir (Evi Schmid, Philipp Gonon und ich) haben der Simulation als Element der beruflichen Bildung in unserer neuen Darstellung der Berufsbildung in der Schweiz ein eigenes Kapitel gewidmet. Erstaunlich, wie hoch sie bereits im 18. Jh. in Bern entwickelt war!